Geburtshilfe am Limit

Bremer Kliniken suchen Hebammen im Ausland

Der bundesweite Mangel an Hebammen macht sich in den Geburtskliniken in Bremen und Niedersachsen immer stärker bemerkbar: Jetzt suchen Bremer Kliniken sogar im Ausland nach Bewerberinnen.
10.10.2018, 22:16
Lesedauer: 3 Min
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Bremer Kliniken suchen Hebammen im Ausland
Von Sabine Doll
Bremer Kliniken suchen Hebammen im Ausland

Der Mangel an Geburtshilfen in Bremen und Niedersachsen verschärft sich dramatisch

dpa

Der Mangel an Hebammen in Bremer und niedersächsischen Geburtskliniken verschärft sich auf dramatische Weise: Offene Stellen können nicht besetzt werden, weil es kaum Bewerberinnen gibt. Bremer Kliniken gehen deshalb jetzt sogar auf die Suche nach Hebammen im Ausland. In Niedersachsen hat Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) Hebammen, Krankenkassen und Kliniken zu einem Runden Tisch zusammengetrommelt.

Er soll schnelle Lösungen entwickeln, um die „Zukunft der Geburtshilfe in Niedersachsen zu sichern“, wie die Ministerin im Landtag ankündigte. Die Engpässe seien lange bekannt, kritisiert die Vorsitzende des Bremer Hebammenlandesverbands, Heike Schiffling. „Wir haben immer wieder gewarnt, dass nur noch Kompensation stattfindet und der Kollaps droht. Jetzt bewegen wir uns im Bereich, wo das System nach und nach zusammenbricht.“

Die Folgen in den Kreißsälen: Schichten seien teils mit zwei anstatt mit vier Hebammen besetzt, sie müssten die doppelte Arbeit übernehmen. Schiffling: „Das bedeutet für die Hebammen Dauerbelastung. Und für die Schwangeren heißt es, dass sie die Hebammen seltener sehen.“

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Ausdruck dieser Notlage ist der Brandbrief eines Bremer Chefarztes vom Klinikum Links der Weser (LDW) aus dem August. In dem Schreiben an die niedergelassenen Gynäkologen bitte der Chefarzt darum, angesichts der angespannten Lage Schwangere auch an andere Geburtskliniken in Bremen zu verweisen. Doch auch dort ist die Situation keineswegs entspannter.

„Es ist deshalb so schwierig, Hebammen zu finden, weil es ein bundesweites Problem ist. Das bekommen auch wir immer heftiger zu spüren“, sagt die Sprecherin des Klinikverbundes Gesundheit Nord (Geno), Karen Matiszick. Die Geburtenzahl steige generell, dazu komme, dass nahezu jede zweite Schwangere, die in Bremen entbindet, aus Niedersachsen komme.

Im LDW (2852 Geburten in 2017) seien derzeit sieben von 30 Hebammen-Vollzeitstellen nicht besetzt, in der Geno-Klinik im Bremer Norden (2213 Geburten) sind laut Matiszick 4,5 von 19 Stellen offen. Der Klinikverbund weitet seine Suche nun auf das Ausland aus: Eine Vermittlungsagentur ist damit beauftragt, Hebammen in Italien anzuwerben, wie die Geno-Sprecherin bestätigt.

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Auch im St.-Joseph-Stift (2112 Geburten) in Schwachhausen „wurden erste Vorbereitungen für eine Nachbesetzung durch Hebammen aus dem Ausland getroffen“, wie der Geschäftsführer des Krankenhauses, Torsten Jarchow, sagt. Die Klinik habe zudem Stellen für Medizinische Fachangestellte ausgeschrieben, sie sollen Hebammen von organisatorischen Tätigkeiten entlasten.

Jarchow kritisiert, dass an den Hebammenschulen in den vergangenen Jahren zu wenig ausgebildet worden sei. Zudem habe der Beruf – etwa durch die Erhöhung der Versicherungsbeiträge für niedergelassene Hebammen – bundesweit einen großen Imageschaden erlitten.

Die Sprecherin des Bündnisses natürliche Geburt, Elisabeth Holthaus-Hesse, warnt vor einer noch größeren Versorgungslücke in Bremen. 2020 schließe die Hebammenschule in Bremerhaven, wo alle drei Jahre 16 Hebammen ausgebildet werden. Der geplante Hebammen-Studiengang mit 20 Plätzen an der Hochschule Bremen starte aber erst zum Wintersemester 2020/2021.

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„Vor zwei Jahren haben wir gefordert, dass es losgehen muss. Da wurde Zeit vergeudet.“ Die Gynäkologin fordert zudem, dass der Beruf attraktiver gemacht werden müsse, Schlüssel seien attraktivere Arbeitsbedingungen und eine bessere Vergütung.

Holthaus-Hesse: „Auch wenn das ein bundesweites Problem ist, erwarten wir von der Bremer Gesundheitsbehörde, dass sie jetzt gemeinsam mit den Kliniken an kurzfristigen Lösungen arbeitet.“ Dazu soll es laut Gesundheitsstaatsrat Gerd-Rüdiger Kück noch im Oktober bei einem Treffen mit Geschäftsführern und Direktoren der Kliniken kommen: „Wir wissen um den erhöhten Bedarf und dass es Probleme bei der Besetzung von Hebammenstellen gibt.

Für uns ist eindeutig, dass die aktuelle Situation durch unterschiedliche Maßnahmen verbessert werden muss.“ Ein Treffen hatte es nach dem Brandbrief Anfang August gegeben. Nach einer Studie der Uni Bremen werden bis 2017 jedes Jahr mindestens 15 neu ausgebildete Hebammen in Bremen benötigt.

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