Zahlreiche Ärzte-Stellen werden abgebaut Bremer Klinikverbund vor harten Einschnitten

Der Bremer Klinikverbund Gesundheit Nord geht in ein weiteres Krisenjahr. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie überlappen sich mit strukturellen Problemen. 2021 sollen vor allem Ärzte-Stellen abgebaut werden.
16.01.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Bremer Klinikverbund vor harten Einschnitten
Von Jürgen Theiner

Der städtische Klinikverbund ­Gesundheit Nord (Geno) steht wirtschaftlich vor einem schwierigen Jahr. Eine akut ­drohende Zahlungsunfähigkeit ist abgewendet, doch es steht ein spürbarer Personalabbau bevor, der über die zuletzt gemeldeten 90 Stellen hinausgehen wird. Nur der pflegerische Bereich soll hiervon ausgenommen bleiben.

Wie angeschlagen die Geno ist, zeigt eine vertrauliche Vorlage für die jüngste Aufsichtsratssitzung. Das Papier liegt dem ­WESER-KURIER vor. Demnach hat der Verbund der vier Häuser in Mitte, Ost, Nord und Links der Weser im abgelaufenen Jahr ein Minus von 46,2 Millionen Euro zu bilanzieren. In diesem Betrag sind corona-bezogene Ausgleichszahlungen des Bundes enthalten. Finanzielle Auswirkungen der Pandemie – wie Einnahmeausfälle durch verschobene Behandlungen und Mehrkosten im Hygienebereich – machen ungefähr die Hälfte des Verlustes aus. Damit hätte die Gesundheit Nord auch ohne Corona ihr ursprünglich angepeiltes Ziel verfehlt, das Minus auf 20 Millionen Euro zu begrenzen. Insbesondere im zweiten Halbjahr 2020 sei die betriebswirtschaftliche Entwicklung „dramatisch“ gewesen, heißt es in der Aufsichtsratspräsentation wörtlich.

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Der Klinikverbund geht also mit einer gewaltigen Hypothek ins neue Geschäftsjahr. Sein Betriebsmittelkredit im dreistelligen Millionenbereich ist fast ausgereizt, und ohne weitere Liquiditätshilfen der Stadt Bremen, der die Geno zu 100 Prozent gehört, ­wären spätestens am Ende des ersten Quartals alle finanziellen Möglichkeiten ausgeschöpft.

Vor diesem Hintergrund hat sich die Geschäftsleitung in Abstimmung mit Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) entschlossen, dem sogenannten Cash-Pooling des Finanzressorts beizutreten. Dabei handelt es sich um eine Art Überziehungskredit, der auch anderen städtischen Firmen, die durch Corona gebeutelt sind, bereits eingeräumt wurde. Die Aufnahme ins „Cash-Pooling“ ist Anfang der Woche wirksam geworden. Sie verschafft der Geno einen zusätzlichen finanziellen Spielraum von zunächst 50 Millionen Euro.

Zuschüsse eher rückläufig

Die Lage bleibt gleichwohl kritisch. „Für die Geno ist es eigentlich zehn Minuten nach zwölf“, sagt ein Aufsichtsratsmitglied, das nicht namentlich genannt werden möchte. Völlig unklar ist beispielsweise, in welchem Umfang der Bund die Kliniken 2021 für coronabedingte Verluste entschädigen wird. In dem Aufsichtsratspapier wird davon ausgegangen, dass die Zuschüsse aus Berlin eher rückläufig sein werden.

Weitere Probleme: Die Entwicklung von Erlösen und Personalstärke läuft seit Jahren auseinander. Geschuldet ist das der Geschäftspolitik der Geno. Die Leitung des Klinikkonzerns verfolgte das Ziel, durch Ankurbeln der Umsätze aus den roten Zahlen zu kommen. Tatsächlich sanken die Einnahmen aus dem medizinischen Betrieb seit 2017 kontinuierlich um rund 6,5 Prozent per annum. Im gleichen Zeitraum wuchs der Personalbestand des Verbundes von 5504 auf 5759 Vollzeitstellen. 2020 genehmigte sich die Geno im Rahmen ihrer Expansionsstrategie 172 neue Stellen. Zwischen Januar 2019 und Dezember 2020 heuerte der Klinikkonzern 102 zusätzliche Ärzte an.

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Längst nicht für alle gab es genug zu tun. Im Aufsichtsratspapier wird der akute Überhang über alle Arbeitsbereiche hinweg auf rund 100 Stellen beziffert, was einer Mehrbelastung von neun Millionen Euro entspreche. In ihrer Vorhersage für 2021 bleibt die Geno-Spitze zurückhaltend. Als realistisch wird das Ziel bezeichnet, ein Viertel des Umsatzrückgangs von 2019 auf 2020 zurückzugewinnen.

Die Pflege ist tabu

Gesundheitssenatorin Bernhard sieht keine Alternative zu einem Personalabbau. „Der muss allerdings intelligent vonstattengehen, nicht mit dem Rasenmäher“, sagt die Linken-Politikerin. Die Pflege sei tabu, ansetzen müsse man vor allem im ärztlichen Bereich, in der Verwaltung sowie bei der Leiharbeit. Die Strategie der Umsatzsteigerung, die in den vergangenen Jahren verfolgt wurde, erklärt Bernhard für erledigt: „Wir treten nicht mehr mit einer Leistungssteigerung an.“

In der Aufsichtsratsvorlage werden da­rüber hinaus Potenziale benannt, mit den sich Kosten einsparen und Erlöse verbessern lassen. Viele dieser Stichworte standen schon in früheren Strategiepapieren, etwa die verbesserte Dokumentation medizinischer Leistungen gegenüber den Krankenkassen. Claudia Bernhard bleibt dennoch optimistisch: „Wir werden das Schiff in ruhigeres Fahrwasser bringen.“

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