Mutmacherin für Schwerkranke

Bremer Krebsgesellschaft: Auszeichnung für Marie Röslers Engagement

Für ihr langjähriges Engegament bei der Bremer Krebsgesellschaft erhält Marie Rösler das Bundesverdienstkreuz. Angefangen hat sie vor 32 Jahren in einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.
22.01.2020, 22:27
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Krebsgesellschaft: Auszeichnung für Marie Röslers Engagement
Von Timo Thalmann
Bremer Krebsgesellschaft: Auszeichnung für Marie Röslers Engagement

"Die Krebsgesellschaft ist wie ein Fahrrad, wenn man da stehen bleibt, fällt man um", sagt Marie Rösler. Darum ist sie für die gute Sache stets in Bewegung.

Frank Thomas Koch

Bremen. Für Marie Rösler begann alles mit einer Kleinanzeige. Die Bremer Krebsgesellschaft suchte damit für seinerzeit lediglich zwölf Stunden pro Woche erstmals eine hauptamtliche Kraft. „Für Büroarbeiten und Telefonate“, erinnert sich die heute 65-jährige an ihren Start im Jahr 1988. Dass daraus ein über drei Jahrzehnte währendes Engagement für an Krebs erkrankte Menschen wurde, war da noch nicht abzusehen. Und dass ihr dafür an diesem Donnerstag, 23. Januar, der Bremer Bürgermeister im Rathaus das Bundesverdienstkreuz am Bande überreicht, erst recht nicht.

„Um Gottes Willen, wie mache ich das denn jetzt?“, beschreibt Rösler ihre Gedanken, als vor 32 Jahren die ersten Male das Telefon an ihrer neuen Wirkungsstätte klingelte. Gelegentliche telefonische Beratung von Patienten war der Sozialpädagogin als Aufgabe angetragen worden, zusätzlich zu der Büro- und Organisationsarbeit in der Geschäftsstelle der Krebsgesellschaft. „Diese Beratung ist dann schnell zu meiner Herzensangelegenheit geworden“, sagt sie.

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Eine Fortbildung in Heidelberg gleich im ersten Jahr ihrer Tätigkeit habe da viel bewirkt. „Es ging dabei um die Sozialarbeit für Krebspatienten durch nicht-medizinisches Personal.“ Sie sei eher zufällig auf das Angebot gestoßen, habe aber dann schnell gesehen, wie gut genau diese Tätigkeit zu ihr passe: „Sie bemerken, wie hilfreich sie anderen Menschen sein können. Das ist doch eine höchst befriedigende Tätigkeit.“ Über den Umstand, dadurch im Lauf der Zeit auch mit viel Leid und Tod konfrontiert zu werden, habe sie damals nicht nachgedacht. „Diese Tragweite war mir nicht bewusst, ich war ja gerade mal Anfang 30.“

So beschloss sie, aus der gelegentlichen telefonischen Beratung ein echtes, eigenständiges psycho-soziales Angebot zu entwickeln. „Das war Ende der 80er Jahre noch Neuland, aber unser Vorstand fand die Idee gut und hat mich sehr unterstützt.“ Die Patienten-Beratung nach der Diagnose sollte die Aufklärung und Präventionsarbeit der Krebsgesellschaft ergänzen. Denn das war bis dato der Schwerpunkt der Tätigkeit des vor allem von Medizinern getragenen Vereins: Werbung für die Krebsfrüherkennung. „Das entsprach damals ganz dem Stand der Forschung: Krebs galt vor allem dann als besonders gut behandelbar, wenn er früh genug erkannt wird.“ Das sei zwar auch heute noch so, doch in den 30 Jahren seitdem haben sich Therapiemöglichkeiten und Heilungsaussichten enorm verbessert, auch bei später erkannten Erkrankungen.

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Damit seien die Themen in den Beratungen heute anders. „An Aspekte wie zum Beispiel die Wiedereingliederung in ein Arbeitsleben nach eine Chemotherapie war damals nicht zu denken“, erinnert sich Rösler. Da ging es ab der Diagnose neben den medizinischen Fragen sofort um die Früh- und Erwerbsunfähigkeitsrente. Gleich geblieben seien hingegen die individuellen Ängste und seelischen Belastungen, die mit der Krebsdiagnose einhergehen. „Da dient die Beratung dazu, dem Betroffenen Mut zu machen, ihm zu helfen, sich seine Stärken bewusst zu machen, individuelle Lösungen zu entwickeln und den nächsten Schritt zu gehen.“

Zwei Jahre förderte das Arbeitsamt ab 1989 die erste Vollzeitstelle von Rösler. So gelang ihr der Aufbau des Beratungsangebots und sie entwickelte zusammen mit dem Vorstand zahlreiche Idee für die dauerhafte Finanzierung, sprich: Die Krebsgesellschaft begann, gezielt Spenden- und Fördergelder einzuwerben. Der Verein wuchs von anfänglich 60 auf heute über 1000 Mitglieder. Nicht zuletzt engagierte sich Rösler weit über ihre hauptamtliche Tätigkeit hinaus in zahlreichen Gremien und Initiativen, um die Situation von Krebspatienten zu verbessern.

Besonders gern erinnert sie sich an die Demonstration „Fordern statt dulden“ im Oktober 2000 in Berlin. Zahlreiche deutsche Initiativen zu Brustkrebs hatten dazu aufgerufen und mehrere Tausend Teilnehmerinnen zusammen gebracht. „Man kann sich das kaum vorstellen, aber zu dieser Zeit gab es in Deutschland kein Mammografie-Screening oder besondere Brustkrebszentren für die Behandlung.“ Im europäischen Vergleich lag man bei Diagnostik und Vorsorge damals nur im Mittelfeld. Mit 50 Frauen seien sie deswegen nach Berlin gefahren.

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Aus der Aktion ist der Venuslauf entstanden, der seit 2001 immer im September stattfindet. Für jeden gelaufenen Kilometer der Teilnehmer zahlen Sponsoren 50 Cent. Über 3000 Läuferinnen und Läufer haben beim vorigen 19. Lauf zusammen so über 15 000 Euro zugunsten von Bewegungsangeboten für Krebspatienten gesammelt. „Der Venuslauf ist vor allem der Arbeit von Elke Steil vom Bremer Arbeitskreis Brustkrebs zu verdanken“, sagt Rösler. Steil wird zu ihrer großen Freude auch bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes dabei sein.

„Ich nehme diese Auszeichnung sowieso vor allem stellvertretend für viele Mitstreiter an.“ Das bezieht die gebürtige Ostfriesin auch auf ihre politische Arbeit, etwa beim Nationalen Krebsplan. Da konnte sie zusammen mit anderen durchsetzen, dass seit dem 1. Januar die psycho-soziale Beratung eine Regelfinanzierung erhält. Das heißt, nachdem die Arbeit über 30 Jahre allein aus Spendengeldern bezahlt wurde, beteiligen sich nun die Krankenkassen mit 40 Prozent daran.

„Das ist doch ein schöner Erfolg, so gegen Ende des Berufslebens“, freut sich Rösler. Kritisch sieht sie hingegen eine Entwicklung, die dem Einzelnen immer mehr Verantwortung für seine Gesundheit zuschiebt und ihm damit letztlich die Mitschuld an einer Erkrankung gibt. „Wir leben in einer Gesellschaft, die alles für kontrollierbar und machbar hält.“ Daraus resultiere für Krebspatienten ein großer Druck, sich spätestens nach einer Diagnose „vernünftig“ zu verhalten, sich gesund zu ernähren, Sport zu treiben. „Da war man vor 30 Jahren etwas gelassener.“

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