Erneute Wolfssichtung

Bremer Landesjägerschaft befürwortet Wolfsabschüsse

Seit die Wölfe in Bremens Nachbarschaft Nachwuchs haben, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass die Räuber hier nach Beute suchen. Jäger Marcus Henke begrüßt den niedersächsischen Vorstoß, den Abschuss zu regeln.
12.01.2019, 19:07
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Landesjägerschaft befürwortet Wolfsabschüsse
Von Justus Randt
Bremer Landesjägerschaft befürwortet Wolfsabschüsse

Im Umland von Bremen gibt es immer mehr Wölfe: Dieser wurde vor einigen Wochen in Schwanewede von einem Jäger gefilmt.

Linus Martin

Rund 1000 Wölfe gibt es in Deutschland. 20 Rudel mit rund 250 Tieren leben allein in Niedersachsen. Bremen liegt mittendrin und ist für die Wildtiere bislang vor allem Transitzone. Spätestens seit im vergangenen Sommer erstmals ein Schafsriss in Oberneuland nachgewiesen wurde, ist klar, dass der Wolf Bremen nicht mehr spurlos durchwandert. „Es ist schwer voraussehbar, wie sich der Wolf verhält, er ist extrem anpassungsfähig“, sagt Marcus Henke, Vizepräsident der Landesjägerschaft Bremen. „Und er hat keine Scheu vor Menschen, warum auch? Das ist ähnlich wie mit den Elefanten in Afrika.“

Die jüngste Beobachtung datiert von Donnerstag: Am Leher Feld im südlichen Hollerland wurden zwei mutmaßliche Wölfe gesichtet. Insgesamt hat es damit im Beobachtungszeitraum seit dem 1. Mai 2018 nach Angaben von Jens Tittmann, dem Sprecher des Umweltsenators, vier Sichtungsmeldungen in Bremen gegeben, die aber nicht durch Fakten gestützt sind. Allein im fünften Fall, dem der gerissenen Schafe in Oberneuland, wurde die DNA eines Wolfs nachgewiesen. Im Vergleich zu den Vorjahren, meint Henke, schwanke die Zahl der Meldungen. Und was den Nachwuchs angehe, gebe es mit Sicherheit eine große Dunkelziffer, weil nicht mehr alle Welpen erfasst werden könnten.

Wolfspräsenz vervielfacht

Fest steht, dass die Zahl der Tiere enorm gestiegen ist: Der Jäger Marcus Henke geht von einer mehr als 30-prozentigen Zunahme pro Jahr aus. Natürliche Sterblichkeit, Unfälle und illegale Tötungen sind bereits eingerechnet. Im vergangenen Jahr wurde erstmals ein Rudel bei Gnarrenburg (Landkreis Rotenburg) nachgewiesen. Sieben Welpen wurden gezählt. Auch das Rudel bei Garlstedt (Landkreis Osterholz) hatte Nachwuchs. „Die Tiere sind gerade mal 20 bis 35 Kilometer Luftlinie von Bremen entfernt. Die Situation ist eine ganz andere als im Jahr zuvor“, sagt Henke. „Da gab es keine Reproduktion. Die Präsenz des Wolfes in unmittelbarer Nähe der Bremer Landesgrenze hat sich vervielfacht.“

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Die Jungtiere sind dem Körperbau nach von den Alten inzwischen kaum noch zu unterscheiden. Der Nachwuchs beginnt allmählich, selbstständig über Land zu ziehen und sich Reviere zu suchen. „Die Populationsdynamik, auch an der Landesgrenze, ist schlecht in Zahlen zu fassen“, sagt Marcus Henke. „Wir sind auf Sichtungsmeldungen angewiesen, aber es scheint sehr von Lust, Laune und Betroffenheit abzuhängen, ob Beobachtungen beispielsweise an die Wolfsberaterinnen weitergegeben werden.“ Es sei typisch für das gesamte Wolfsmonitoring, dass nicht mehr jede Beobachtung gemeldet werde, glaubt er. „Der Hype ist weg, die Menschen nehmen den Wolf inzwischen als normal wahr.“

Waffenscheine für Schäfer

Vor gerade mal zwei Monaten hatten rund 80 Weidetierhalter anlässlich der Umweltministerkonferenz in Bremen vor der Bürgerschaft demonstriert, dass sie genau das anders sehen: Wendelin Schmücker, Vorsitzender des Fördervereins der Deutschen Schafhaltung (FDS UG) und Sprecher der Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände, forderte „wolfsfreie Zonen“ und Schutzjagden nach dem Vorbild Schwedens. Im Herbst hatte Schmücker von sich reden gemacht, als er Waffenscheine für Schäfer forderte.

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Jetzt präsentiert der Förderverein als Produzent einen Film zur Wolfsproblematik: „Kein Heiligenschein für den Wolf – die Wahrheit über Wölfe“ heißt der Streifen. Mehrere zehntausend Euro haben die 170 Vereinsmitglieder laut Schmücker in das Werk gesteckt. Es ist nicht das erste, bereits im Sommer war die „Lehrfilm“-DVD „Was wir über Wölfe wissen sollten“ vorgestellt worden. Damit wollte Schmücker aufklären: „Der Verklärung, die bereits in Kindergärten und Schulen beginnt, setzen wir ,erlebte‘ Fakten entgegen – und die Einschätzung von Wolfsexperten“, hatte er damals gesagt.

Im neuen Film kommt unter anderem Tino Barth, ein Schäfer aus Goldenstedt im Kreis Vechta, zu Wort. Und es geht viel um französische Verhältnisse, die einige Schäfer auch in Deutschland gern hätten: „Frankreich ist uns zehn Jahre voraus. Dort werden pro Jahr 46 Wölfe entnommen, es gibt eine Obergrenze von 500 Tieren“, weiß Wendelin Schmücker. Und die Weidetiere seien nachts so gut geschützt, dass der Wolf die Jagd zum guten Teil auf den Tag verlegt habe.

Wildtiere werden scheuer

Marcus Henke kennt den jüngsten Schäferfilm, und auch ihn beschäftigt der Nutztierschutz, selbst wenn es in Bremen nach Schätzungen gerade mal 300 Schafe gibt. „Die Gefahr steigt mit jedem weiteren Wolf – aus dem Landkreis Osterholz etwa. Wölfe werden ihr Beuteschema auf Nutztiere verlagern, weil Reh-, Rot- und Damwild, auch Schwarzwild, bereits scheuer geworden ist und sich verborgen hält.“ Das Wild sei nicht mehr so oft nachts unterwegs. „Man sieht die Tiere kaum noch“, sagt der Jäger. Er fragt sich: „Was ist, wenn der erste Wolf begreift, dass er im Blockland leichte Beute findet?” Die weitläufigen Kuhweiden sind durch Gräben getrennt, die zu überwinden ein Katzensprung für Wölfe wäre. Zäune gibt es nicht. „Wenn die Offenlandhaltung wegen der Wölfe unmöglich wird, sind viele geschützte Arten betroffen.“

Die Bundesministerien für Landwirtschaft und für Umwelt haben angekündigt, Mitte Januar zu klären, ob der Abschuss von Wölfen zum Schutz von Nutztieren erleichtert werden soll. Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) hatte im Herbst einen entsprechenden Vorstoß unternommen. „Wir brauchen klare Entscheidungen und Rückenwind für Politiker“, sagt Marcus Henke, „Lies geht wieder voran, und in Bremen bezieht Staatsrat Ronny Meyer klar Position, das brauchen wir auch. Deutschland ist das einzige europäische Land, das die Wolfsbestände nicht reduziert.“

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