Sanierung des Molenturms dauert länger als geplant / Unvorhergesehene Schäden Bremer Lieblings-Leuchtturm

Überseestadt. „Mit Sanierung ist das so: Unter jedem Stein finden Sie eine Kröte, und das sprengt dann die Prognosen“, sagt Architekt Heribert Aleweld. Seit dem Sommer ist er mit einem außergewöhnlichen Projekt beschäftigt: Der kleine Molenturm, der seit 1926 mit seinem Leuchtfeuer an der einstigen Einfahrt zum Überseehafen Schiffen den Weg weist, soll wieder hergerichtet werden.
30.11.2015, 00:00
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Von Anne Gerling

„Mit Sanierung ist das so: Unter jedem Stein finden Sie eine Kröte, und das sprengt dann die Prognosen“, sagt Architekt Heribert Aleweld. Seit dem Sommer ist er mit einem außergewöhnlichen Projekt beschäftigt: Der kleine Molenturm, der seit 1926 mit seinem Leuchtfeuer an der einstigen Einfahrt zum Überseehafen Schiffen den Weg weist, soll wieder hergerichtet werden. Für viele Bremer ist dieser zwölf Meter hohe Sandsteinturm mit umlaufendem Balkon und kupfergrüner Haube heute ein beliebter Wendepunkt bei Ausflügen mit dem Fahrrad und zu Fuß.

Seit 15 Jahren steht er unter Denkmalschutz. Und dass der Molenturm ins Auge fällt, weiß auch die Wirtschaftsförderung Bremen (WFB). Daher hat sie die Sanierung in Auftrag gegeben. „Der Turm wird gehegt und gepflegt“, sagt Sprecherin Yvonne Bries, „auch wenn er so klein ist und gefühlt am Ende der Welt liegt“.

Einige Risse im Mauerwerk ausbessern und die Fenster wieder witterungsfest machen – der Auftrag klang unkompliziert, als Heribert Alewelds Team im Sommer anrückte. Rund drei Monate waren damals veranschlagt worden. Doch noch immer ist der „Mäuseturm“ eingerüstet. Die Arbeiten werden sich voraussichtlich sogar bis ins Frühjahr ziehen, da inzwischen einiges hinzugekommen ist.

So kamen bei näherer Betrachtung Risse in den Fensterstürzen zum Vorschein. Die Stahlträger dahinter waren erheblich korrodiert. Sie wurden ausgewechselt. Aus statischen Gründen allerdings war dies Aleweld zufolge nur nacheinander möglich. Somit wurde diese Arbeit sehr in die Länge gezogen. Auch die Sanierung der Sandsteinfassade war aufwendiger als gedacht. Der beim Bau verwendete ostwestfälische Portasandstein ist nämlich nicht wasserfest, sodass Feuchtigkeit in die Fassade eindringen konnte und Risse und Abplatzungen verursacht hat.

Die Schlosserarbeiten am umlaufenden Geländer hatten es ebenfalls in sich: „Eigentlich sollte nur ein bisschen Farbe abgetragen und das Geländer dann neu lackiert werden. Aber nach dem Sandstrahlen war nicht mehr viel vom Geländer übrig“, schildert Aleweld. Schon ergänzt er: „Bei den Fenstern war es so ähnlich. Sie sollten eigentlich aufgearbeitet werden.“ Teile der Rahmen waren jedoch so weich und mürbe, dass stattdessen neue Fenster nach dem Vorbild der alten angefertigt wurden. „Das braucht seine Zeit“, weiß Aleweld. „Aber der Turm soll ja anschließend auch wieder 30 bis 40 Jahre so stehen.“

Bis heute dient der Leuchtturm als offizielles Seezeichen einer Seeschifffahrtsstraße. Auch während der Sanierung kann er dank einer externen Stromleitung Lichtsignale aussenden. Die runde Verglasung um die Laterne herum wird im Zuge der Sanierung aber auch noch ausgetauscht.

Ursprünglich war der Molenturm außerdem eine Dienststelle des Hafenamtes. Jedes Schiff, das in den Fabrikenhafen, den Europahafen oder den Überseehafen fuhr, musste an dem kleinen Sandsteinturm vorbei. Rund um die Uhr saßen Hafenbedienstete in dem runden Turmzimmer, im Hafenjargon hießen sie „Molenfürsten“. Näherte sich ein Schiff, traten sie mit einem Megafon auf den Balkon hinaus und riefen dem Kapitän zu, welchen Liegeplatz er ansteuern sollte. Deutlich ungemütlicher war der Job bei Nebel: Alle 15 Minuten musste dann die mechanische Nebelglocke außen am Turm aufgezogen werden, deren Klang insbesondere den Lankenauern am gegenüberliegenden Weserufer vertraut war: Zehn laute kurze Schläge pro Minute tönten dann über die Weser. 1952 wurde die Nebelglocke durch einen elektrischen Luftschallsender ersetzt, der eine Seemeile weit zu hören war. Den besten Platz von allen hatte der Turmwärter vermutlich am 24. Juni 1929. Bei der AG Weser lief an diesem Tag der Schnelldampfer „Bremen IV“ vom Stapel. Tausende Schaulustige hatten sich am Lankenauer Badestrand versammelt, um das Spektakel zu beobachten. Vom Molenturm aus war gewiss besonders gut zu sehen, wie das Schiff vom Werfthelgen ins Hafenbecken glitt und die riesige Flutwelle auf den Strand schwappte, wo sie vielen Zuschauern nasse Füße sorgte.

Der heutige Turm, erzählt Architekt Aleweld, sei übrigens die zweite Version: Den Vorgänger hatte in den 1920er-Jahren ein Kapitän versehentlich gerammt und dabei zum Einsturz gebracht.

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