Mit Gregor Gysi und Parteichef Riexinger Bremer Linke eröffnet Wahlkampf

Gregor Gysi und Parteichef Bernd Riexinger begleiten die Bremer Spitzenkandidatin Kristina Vogt in den Wahlkampfauftakt. Die Kundgebung auf dem Marktplatz ist ein großes Bekenntnis zu Europa.
23.04.2019, 22:06
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Bremer Linke eröffnet Wahlkampf
Von Justus Randt

Das Läuten der Domglocken um 18 Uhr hätte die Halbzeit markieren sollen. Gregor Gysi, der Vorsitzende der europäischen Linken, verlegte den Feierabend zugunsten seiner Partei. Als letzter Redner beim Wahlkampfauftakt der Linkspartei zur Bürgerschaftswahl in Bremen, aber auch zur Europawahl, verschob der 71-Jährige das selbst gesetzte Limit kurzerhand um eine halbe Stunde.

Gysis legendäre Redefreude brach sich Bahn – und auch den Bann: Zuhörer, die die Reden der Bremer Spitzenkandidatin für die Bürgerschaftswahl, Kristina Vogt, der Linken-Kandidatendoppelspitze für das Europaparlament, Martin Schirdewan und Özlem Alev Demirel, oder des Parteivorsitzenden Bernd Riexinger noch nicht mitgerissen hatten, brachte Gysi in Schwung. Immer wieder, besonders gegen Ende der Kundgebung auf dem Marktplatz, ergriff auch das Publikum das Wort – und skandierte „Hoch auf die internationale Solidarität“.

"Wir müssen den Rechtsruck und Rassismus verhindern"

Solange Gregor Gysi auch sprach, gesprochen hat er stets von Europa: „Die Linke hat den Mumm, sich mit den Mächtigen anzulegen“, sagte er. „Die Alten sind verpflichtet, die Europäische Union für die Jungen zu retten.“ Auf europäischer Ebene gehe es bei der Wahl um eine „Richtungsentscheidung“, sagte Parteichef Riexinger. Um zu verhindern, dass rechte Parteien an die Macht gelangten, brauche es ein starke Linke, eine Partei, die sich für mehr soziale Gerechtigkeit einsetze.

„Ja, moin“, hatte Kristina Vogt schnörkellos das Wort ergriffen, um „die zentrale Auftaktveranstaltung“ ihrer Partei für die Europawahl in Bremen zu starten – „wegen der Bürgerschaftswahl“. Ohne Umschweife kam sie auf eines der zentralen Themen zu sprechen: „Wir müssen den Rechtsruck und Rassismus verhindern. Das bewegt uns auch in Bremen und Bremerhaven.“ Erstmals seit mehr als 20 Jahren sei nicht absehbar, wer Bremen nach der Wahl regieren werde. „Es kommt jetzt darauf an“, sagte sie. „Wem gehören die beiden Städte? Uns allen!“, variierte sie den Titel des Wahlprogramms und bezog die nördliche Schwesterstadt mit ein: Was in Bremen gelte, gelte auch in Bremerhaven.

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Auch ohne Redemanuskript hatte Kristina Vogt ihre Kernthemen auf dem Zettel. In dem kleinsten Bundesland sei jeder Fünfte von Armut bedroht, Bremen bilde das Schlusslicht. „35 Prozent der Bedarfsgemeinschaften sind auf Hartz-IV-Bezug angewiesen.“ Frauenarmut sei programmiert, der besonders starke Niedriglohnsektor in Bremen „ein Armutszeugnis“. Die Wirtschaft sei „auf Industriebetriebe fokussiert, nicht auf soziale Arbeit“, der soziale Wohnungsbau sei vernachlässigt worden. „Ich wohne in Walle“, sagte Vogt, „normale Familien können sich die Mieten dort nicht mehr leisten, das ist kalte Enteignung.“ Der Linken, die gegenwärtig acht Bürgerschaftsabgeordnete stellt und nach eigenen Angaben kürzlich ihr 600. Bremer Parteimitglied aufgenommen hat, sagen Wahlprognosen einen Stimmenzuwachs von 9,5 auf 11 Prozent voraus.

„Kein Profit aus Wohnraum, die Anhebung des Landesmindestlohns auf 12,63 Euro und der Verzicht Bremischer Gesellschaften auf Leiharbeit.“ All das steht auf der Forderungsliste. „Und eine andere Wirtschaftsförderung, die beschäftigungsintensive Branchen – Erzieherinnen und Pflegekräfte – aufwertet“, verlangt Kristina Vogt.

Für die Halbe-Halbe-Bebauung der Galopprennbahn

Dass das alles in vier Jahren zu erreichen wäre, will sie gar nicht behaupten. Schon gar nicht die angestrebte Verkehrswende: „Perspektivisch wollen wir den kostenfreien öffentlichen Personennahverkehr, dazu brauchen wir aber eine andere Taktung.“ Dafür bekam die Spitzenkandidatin den zweiten Applaus. Zum ersten Mal hatten ihre Zuhörer beklatscht, dass sie gesagt hatte: „Wer heute den Klimawandel leugnet, ist entweder dumm oder rechts.“ Wie zumindest ein Teil der laut Vogt 14 000 in Bremen fehlenden Wohnungen beschafft werden könnte, liegt für die Politikerin auf der Hand: „Wir sind für die Halbe-Halbe-Bebauung der Galopprennbahn, wie sie die Beiräte vorschlagen“, stellte sie fest und schob nach, dass „auch Stadtentwicklung demokratisch gestaltet“ werden könne.

„Aus der Überseestadt hätte man was anderes machen können, wenn man sozial und ökologisch bauen würde. Die Menschen sollten mitbestimmen.“ Kurz ist die Sicht auf die Rednerin verdeckt durch einen Zuschauer, den es nicht länger auf seinem Platz hält. „Noch ein Aufruf zur Revolte“, steht auf seinem T-Shirt-Rücken. Vogt lässt es bei der einfachen Aufforderung, am 26. Mai zur Wahl zu gehen – und für die Linke zu stimmen. „Wir machen das“, lautet Wahlparole. „Wir wollen das“, sagte die Spitzenkandidatin.

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