Bremer Logopädin im Interview

„Eine permanente Maske im Unterricht ist eine Zumutung“

In Nordrhein-Westfalen sind Masken an weiterführenden Schulen im Unterricht bald Pflicht. In Bremen gibt es eine solche Pflicht bisher nicht. Die Auswirkungen des Tragens einer Maske erklärt eine Logopädin.
05.08.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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„Eine permanente Maske im Unterricht ist eine Zumutung“
Von Maurice Arndt
„Eine permanente Maske im Unterricht ist eine Zumutung“

Am besten geeignet für das Sprechen sind dünne Einmal-Masken. Die sind – anders als die abgebildete Stoffmaske – leicht, gut verstellbar und lassen sich auffächern.

Robert Michael

Frau Siebert-Bettinger, wer eine Maske trägt, wird schlechter verstanden, weil der Stoff den Schall schluckt. Spricht man unter einer Maske auch anders?

Wiebke Siebert-Bettinger: Primär erst mal nicht. Das kann sich aber ändern, wenn ich eine Maske habe, die sehr fest ist oder wenn ich unter der Maske wenig Sauerstoff bekomme. Dann kann es sein, dass ich schlechter Luft bekomme und undeutlicher spreche.

Kann das dauerhafte Tragen einer Maske, etwa im Unterricht, gesundheitliche Folgen beim Sprechen haben?

Das ist theoretisch denkbar. Unter ganz engen Masken ist es schon vorstellbar, dass nicht viel Platz bleibt, um sauber zu artikulieren und dass dadurch etwa genuschelt wird. Aber Masken, die Lippen- und Kieferbewegungen komplett einschränken, sollte man auch meiden.

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Sind auch psychologische Folgen denkbar?

Ich könnte mir vorstellen, dass weniger gesprochen wird. Allein schon deshalb, weil das Sprechen sehr anstrengend ist. Erst recht, wenn es warm in den Klassenzimmern wird. Dann kratzt der Hals oder man bekommt schlecht Luft. Dazu kommt vielleicht noch die Sprühdesinfektion, die man noch mit einatmet. Da überlegt man sich schon mal das ein oder andere Wort. Es ist auch denkbar, dass sich jemand schämt, damit zu sprechen und deshalb seine Kontakte auf das Notwendigste beschränkt.

Hat die Maske einen Einfluss auf die Sprache?

Nach Abschluss der Sprachentwicklung eigentlich nicht. Wenn ich aber an Kinder denke, die eine Sprache noch lernen – egal ob Muttersprache oder Fremdsprache –, da ist es schon wichtig, bestimmte Sprachlaute auch mal auszuprobieren und zu sehen, wie sie ausgesprochen werden. Das kann man etwa beim Mundbild des Lehrers abgucken. Da würde ich auf jeden Fall sagen, dass die Maske das beeinträchtigt.

Welche Maske eignet sich am besten zum sauberen Sprechen?

Das sind im Moment wahrscheinlich die dünnen Einmal-Masken. Die sind relativ leicht, gut verstellbar und fächern sich auf. Da kann man – wenn man gerade die Konsonanten deutlich betont – eine gute Sprechverständlichkeit hinbekommen. Außerdem engen diese Bedeckungen wenig ein. Es ist aber natürlich auch individuell, welche Maske bei wem am besten sitzt. Gerade bei Kindern ist es auch wichtig, dass die Masken verstellbar sind, um sie an den Schädelumfang anzupassen. Zum Sprechen sind ansonsten auch Visiere gut, die in keinster Weise einschränken. Die dämpfen nur eben das Gesagte.

Gibt es Tipps, wie man besten unter einer Maske spricht?

Es ist gut, wenn ich beispielsweise die Konsonanten stark betone, mich deutlich artikuliere und bewusst drauf achte, nicht zu nuscheln.

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Können das Kinder einfach so?

Man muss sie im Prinzip einfach immer wieder daran erinnern. Das kann man mit Tricks versuchen, indem man sagt: „Stell dir vor, du bist ein Nachrichtensprecher, der jetzt besonders deutlich sprechen muss.“ Aber ich halte das schon für eine Zumutung für Kinder, permanent mit einer Maske zu sprechen. Wenn Kinder am Platz sitzen in der Schule, dann wünsche ich mir als Logopädin, dass sie die Maske abnehmen können – um eben die korrekten Höreindrücke zu bekommen und frei artikulieren zu können. Ich halte es zudem auch für Lehrende für fast nicht zumutbar, permanent mit einer Atemschutzmaske zu sprechen. Da wünsche ich mir, dass ganz konsequent häufig Pausen gemacht werden – häufiger als üblich. Damit kann für Durchzug gesorgt werden, damit sich die Luft wieder erneuert. Auf dieser Grundlage sollte zusammen mit den Sicherheitsabständen das Arbeiten ohne Maske in der Schule möglich sein.

Wie gut kommen Kinder mit den Masken zurecht?

Die Bereitschaft, überhaupt eine Maske zu tragen, ist sehr unterschiedlich. Manche finden es lustig oder cool, aber auch nicht alle. Zudem muss man auch davon ausgehen, dass Kinder mehr als Erwachsene an der Maske herumziehen und schauen, ob sie richtig sitzt – oder aber mal ganz vergessen, sie zu tragen.

Info

Zur Person

Wiebke Siebert-Bettinger (53) leitet seit dem 1. April die Bremer Schule für Logopädie. Die studierte Logopädin arbeitet dort seit 25 Jahren im Fachbereich zentrale Sprachsprechstörungen.

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