Fünfeinhalb Jahre Haft für Kindesmissbrauch

Bremer missbraucht Neunjährige

Ein 54-jähriger Bremer wurde am Freitag wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern zu fünf Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Der Mann und Teile seiner Familie reagierten empört auf das Urteil.
28.05.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Bremer missbraucht Neunjährige
Von Ralf Michel

Ein 54-jähriger Bremer wurde am Freitag wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern zu fünf Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Der Mann und Teile seiner Familie reagierten empört auf das Urteil.

Fünf Jahre und sechs Monate Haft wegen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs lautet das Urteil. „Eine Schande“ schimpft der Täter nach Verkündung des Richterspruchs. Und auch ein Teil seiner Familie im Zuschauerraum kann es nicht fassen, wie den lauten Unmutsäußerungen zu entnehmen ist. Der andere Teil der Familie schweigt. Auch die Opfer die Mannes gehören zur Familie.

Der 54-jährige Bremer wird wegen acht der ihm zur Last gelegten zwölf Taten verurteilt. Das Gericht sieht vier Fälle von schwerem sexuellen Missbrauchs und sechs Fälle von sexuellen Missbrauchs als bewiesen an. Opfer war mit einer Ausnahme die neunjährige Halbschwester seiner Ehefrau. In einem Fall ging es um eine weitere Schwester seiner Frau, die zum Tatzeitpunkt dreizehn Jahre alt war. Zum Beischlaf ist es in keinem der Fälle gekommen, der Mann hatte die Neunjährige wiederholt zum Oralverkehr aufgefordert, diesen auch selbst an ihr ausgeübt und außerdem laut Gericht mehrfach „mit den Fingern an ihrem Geschlechtsteil manipuliert“.

Es sei ein schwieriges Verfahren gewesen, leitete der Vorsitzende Richter am Landgericht Manfred Kelle am Freitag seine Urteilsbegründung ein. Den Opfern bei der Bewertung ihrer Zeugenaussagen gerecht zu werden, zugleich aber nicht Gefahr zu laufen, einen Unschuldigen zu verurteilen. Und dies alles vor dem Hintergrund einer Familie die zerstört wurde.

Die Glaubwürdigkeit des Opfers

Zentrale Frage des Verfahrens war die nach der Glaubwürdigkeit des neunjährigen Opfers. Der von der Staatsanwalt bestellte Sachverständige attestierte dem Mädchen in seinem aussagepsychologischen Gutachten, dass ihre Angaben in mindestens sieben der angeklagten Fälle mit hoher Wahrscheinlichkeit auf eigenem Erleben basieren. Aber auch die Verteidigung bestellte einen Sachverständigen. Der jedoch stellte gravierende Abweichungen in den Aussagen fest, die das Mädchen bei der Polizei, vor Gericht oder gegenüber den Sachverständigen gemacht hatte. Derart inkonstante Angaben begründeten Zweifel daran, dass das Mädchen die geschilderten Taten tatsächlich erlebt hat.

Doch nach Auffassung des Gerichts überforderte der Gutachter damit das Erinnerungsvermögen der inzwischen Zehnjährigen. Angesichts der Vielzahl von unterschiedlichen sexuellen Handlungen und Praktiken, vorgenommen an den verschiedensten Orten wie Schlafzimmer, Badezimmer, Keller oder auch Holzschuppen im Garten, seien die Anforderungen des Sachverständigen an die Konstanz ihrer Aussagen nicht zu erfüllen, betonte Kelle.

Das Gericht begründet das Urteil aber auch mit anderen Argumenten: Die Zeugin habe Details von sexuellen Praktiken erzählt, die den Erfahrungshorizont einer Neunjährigen klar überschritten. „Da muss es einen Erlebnishintergrund gegeben haben.“ Und wenn es ihr denn tatsächlich darum gegangen sei, falsche Beschuldigungen gegen ihren Onkel vorzubringen: „Welchen Sinn macht es dann, sich so viele Vorfälle auszudenken? Da hätte es doch gereicht zwei oder drei zu konstruieren.“

Ohnehin sei keinerlei Bemühen bei dem Mädchen festzustellen gewesen, den Angeklagten zu belasten. Im Gegenteil: Die Polizei bemerkte eher eine Aussageunwilligkeit. „Im Grunde wollte sie gar nicht aussagen“, da sie gewusst habe, dass sie damit ihre Schwester ins Unglück stürzen würde. Vor Gericht habe sie sich sogar darum bemüht, einige der Geschehnisse zu relativieren und den Angeklagten zu entlasten. Auch dies spreche dafür, dass das Opfer die Wahrheit gesagt habe.

Ebenso wie der Umstand, dass sie die sexuellen Übergriffe des Mannes bereits im Sommer 2014, und damit mehr als ein halbes Jahr vor der Anzeige, ihrer besten Freundin erzählt hatte. Damals allerdings noch unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Noch im März 2015 traute sich die Neunjährige nicht, die Vorfälle jemand anderem zu erzählen. Sie verabredete aber mit ihrer Freundin, dass diese das Ganze ihrer Mutter erzählen sollte und die wiederum der Mutter des Opfers. Erst über diesen Umweg kam es zur Anzeige.

Kein Zweifel an der Täterschaft

Hinzu käme, dass erst zu diesem Zeitpunkt ans Licht kam, dass der Angeklagte auch der damals 13-jährigen Schwester seiner Ehefrau einmal zwischen die Beine gefasst hatte. Auch sie schwieg aus Rücksicht auf ihre Schwester, erzählte den Vorfall zunächst nur ihrem besten Freund. Dass zwei Mädchen völlig unabhängig voneinander ihren besten Freunden von sexuellen Übergriffen des Angeklagten erzählten, könne kein Zufall sein. „Wir können uns nicht vorstellen, dass das abgesprochen und über ein Jahr lang vorbereitet war“, so Richter Kelle, der abschließend zusammenfasste: Das Mädchen habe kein Motiv gehabt, ihren Onkel falsch zu belasten und sei zudem als Neunjährige nicht in der Lage, sich ein derart komplexes Geschehn auszudenken. Sicherlich habe es in ihren Aussagen Ungenauigkeiten gegeben und auch entlastende Momente für den Angeklagten. „In der Gesamtschau haben wir aber keinen Zweifel an seiner Täterschaft.“

Daran ändere auch nichts, dass seine als Zeugen gehörten Familienmitglieder nur Gutes über ihn zu berichten wussten und niemand ihm solche Taten zutraut, erklärte der Vorsitzende Richter. Dass Angehörige des Täters völlig konsterniert sein, habe man häufig, doch auf diese Einschätzungen könne man letztlich nichts geben, so Kelle. Und, direkt an den Angeklagten gewandt: „Sie haben schwere Schuld auf sich geladen. Ihre Familie steht weiter hinter Ihnen und das ist auch gut so. Aber mit der Verantwortung und den Lügen, die Sie hier in den Raum gestellt haben, werden Sie weiter leben müssen.“

106 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch
Die Zahl der angezeigten Fälle von Kindesmissbrauch in Bremen ist in den vergangenen fünf Jahren rückläufig. Wies die Kriminalstatistik der Polizei 2011 noch 154 solcher Fälle auf, so ging sie über 124 (2013) auf 106 Fälle im Jahr 2015 zurück. Als Kindesmissbrauch gelten unter anderem sexuelle Handlungen an Mädchen oder Jungen unter 14 Jahren, die jemand an dem Kind vornimmt, aber auch die Fälle, an dem jemand sexuelle Handlungen von dem Kind an sich vornehmen lässt. Tätern droht eine Freiheitsstrafe zwischen sechs Monaten und zehn Jahren. Hierunter fielen 2015 mehr als die Hälfte der in Bremen angezeigten Fälle. Die Zahl der Fälle, in denen der Beischlaf mit einem Kind vollzogen oder eine ähnliche sexuelle Handlung vorgenommen wurde, liegt sehr viel niedriger. 2015 wurden sechs solcher Fälle in Bremen angezeigt, 2011 waren es 20 Fälle. Schwerer sexueller Missbrauch von Kindern zur Herstellung und Verbreitung pornografischer Schriften wurden 2015 in zwei Fällen angezeigt, in den beiden Jahren davor gar nicht. 2011 war es ein Fall und 2012 zwei. Die Polizeiliche Kriminalstatistik nennt allerdings lediglich die Zahl der Fälle, bei denen Ermittlungen eingeleitet wurden. Die Zahl der Fälle, bei denen anschließend auch Anklage erhoben wurde, liegt deutlich darunter. Laut Staatsanwaltschaft liegt die Quote hier bei etwa 20 Prozent.
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