Missingsch Bremer Mundart gerät in Vergessenheit

Bremen. Tunegel, verklokfideln, aus schier Schandudel - wer so schnackt, kommt aus Bremen. Plattdeutsch ist das nicht, sondern Missingsch, eine wilde Mischung aus Platt und Hochdeutsch. Doch die Bremer Mundart droht, sich langsam aufzulösen.
21.08.2010, 06:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Elke Hoesmann

Bremen. Du büs ahnweten, Tunegel, verklokfideln, aus schier Schandudel - wer so schnackt, kommt aus Bremen. Plattdeutsch ist das nicht, sondern Missingsch, eine wilde Mischung aus Platt und Hochdeutsch. 'Diese Mundart löst sich auf', sagt Reinhard Goltz vom Institut für Niederdeutsche Sprache in Bremen. 'Missingsch ist noch stärker rückläufig als Platt.' Wir möchten verschütteten Wortschatz ausgraben und bitten unsere Leser: Schreiben und erläutern Sie uns typische Bremer 'Schnäcke'.

Hermann Gutmann ist mit Missingsch aufgewachsen. Der frühere Redakteur unserer Zeitung schreibt regelmäßig Kolumnen für unseren Kurier am Sonntag über sein Alter Ego 'Felix'. Immer wieder tauchen auch in seinen Glossen für Funk und Fernsehen typisch bremische Formulierungen auf. 'Als Kind sprach man nur so', erzählt der 80-Jährige, der seine Jugend in Bremerhaven verbrachte. 'Eine Buchhändlerin hat mich mal angeschnauzt, weil mein Deutsch so schlecht war.'

Auch Bremens Bürgermeister Jens Böhrnsen, geboren in Gröpelingen, kennt noch einige typische Missingsch-Formulierungen. Als Kind habe er den Slang der Arbeiter im Hafen und auf den Bremer Werften gut verstanden, berichtet er. Böhrnsen mag die Mundart. Selbst deftige Worte hörten sich auf Missingsch freundlicher an, findet er.

Das Pseudo-Platt ist aber kein Bremer Phänomen. Missingsch gibt es in vielen deutschen Dialekten, in Ostpreußen wurde es früher ebenso gesprochen wie in Göttingen oder Flensburg. Auch dem mecklenburgischen Schriftsteller Fritz Reuter war es vertraut.

Auch bei Tucholsky kommt Missingsch vor

Der Spötter Kurt Tucholsky lässt in 'Schloss Gripsholm' seine weibliche Hauptfigur Lydia in der ulkigen Mischform parlieren - und hat selbst eine wunderbare Erklärung für diese Sprache gefunden: 'Missingsch ist das, was herauskommt, wenn ein Plattdeutscher hochdeutsch sprechen will. Er krabbelt auf der glatt gebohnerten Treppe der deutschen Grammatik empor und rutscht alle Nase lang wieder in sein geliebtes Platt zurück.'

Die Bremer haben auch französische Ausdrücke in ihr 'schlechtes' Deutsch eingeflochten, weiß Daniel Tilgner, Autor von Bremen- und Hamburg-Büchern. Französisch sei einst von den höheren Töchtern der Hansestadt gesprochen worden; die Hausangestellen hätten dann Formulierungen übernommen und in den unteren Schichten verbreitet. So kamen wohl Kreationen wie 'Kupee', 'rutkumpelmenteern' oder Kuraasch' zustande.

Besonders in den Städten war Missingsch verbreitet und noch vor 50 Jahren vielen geläufig. Aufgekommen im 19. Jahrhundert, wurde es meist in den Arbeiter- und Hafenvierteln gesprochen. 'Weil es diese Milieus nicht mehr gibt, geht auch Missingsch verloren', sagt Niederdeutsch-Experte Reinhard Goltz. Was davon wohl bleiben werde, seien einzelne Redewendungen wie 'muscha' oder 'ischa Freimaarkt'.

'Nur wer mit Plattdeutsch aufgewachsen ist, kann auch Missingsch sprechen', weiß Jochen Schütt, früher Heimatfunk-Redakteur von Radio Bremen (siehe seinen Beitrag unten auf der Seite). Kein Wunder also, dass immer weniger Hansestädter das ganz spezielle Bremer Hochdeutsch beherrschen.

Zum Glück gibt es gleich mehrere Bremer Autoren, die sich der Angelegenheit auf amüsante Art angenommen haben. Der Schriftsteller Karl Lerbs (1893-1946) zum Beispiel hat auf Missingsch lustige Begebenheiten und Persönlichkeiten in Bremen und 'umzu' beschrieben. Oder der Autor und Hörfunkredakteur Walter Arthur Kreye (1911-1991), von dem auch folgende Definition stammt: 'Das sogenannte Bremer Hochdeutsch führt durch rigorose Kürzungen zu außerordentlichem Zeitgewinn, der Handel und Wandel, Wachstum und Blüte der Stadt unbestreitbar zugute kommt.'

Madda und Kede machten es vor

Besonders populär in Bremen wurde Ada Halenza (1900-1990) mit ihren Geschichten von 'Madda und Kede'. Auf typisch bremischem Missingsch ließ sie die beiden Plaudertaschen Martha und Käthe zu Wort kommen. Die Geschichten der Schriftstellerin wurden zwischen 1947 und 1956 wöchentlich im WESER-KURIER veröffentlicht, von Radio Bremen gesendet und im Waldau-Theater nachgespielt. 'Glauben anner Menschheit is hin...' heißt eines ihrer Bücher.

Hermann Gutmann kannte Adas Halenza persönlich und schätzt ihre Bücher sehr, 'auch wenn sie ein büschen getüdelt hat'. Heißt: Die Bremer Autorin könnte etwas übertrieben und in ihren Geschichten mehr Missingsch-Ausdrücke benutzt haben als sie in der wirklichen Sprache auftauchen.

Vor acht Jahren waren die Schauspielerinnen Ingeborg Heydorn und Inge Wrieden noch einmal in die Rollen von Madda und Kede geschlüpft. Im Bremer Ratskeller präsentierten sie die schönsten Geschichten von Ada Halenza. 'Schade, dass wir heute keine kulturelle Missingsch-Szene in Bremen haben', findet Wilhelm Tacke, Vorsitzender des Vereins für Niedersächsisches Volkstum, Bremer Heimatbund. Auch die Wissenschaft hat das Bremer Missingsch noch nicht entdeckt. Goltz: 'Obwohl hochspannend, ist es bislang kein Forschungsgegenstand.'

Wer übrigens noch rätselt, was es mit den Ausdrücken am Anfang auf sich hat, hier die Erklärung: Du bist wohl nicht gescheit, Lümmel, jemandem etwas erklären, nur so zum Spaß.

Wenn Sie, liebe Leser, traditionelle Bremer Wortschöpfungen kennen, sie vielleicht sogar noch verwenden und erläutern können, schreiben oder mailen Sie uns an Bremer Tageszeitungen, Stichwort Bremisch, Martinistraße 43, 28195 Bremen oder bremisch@weser-kurier.de

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+