Diskriminierung wegen Kopftuchs

Mit Vorurteilen behaftet

Die 36-jährige Elif Ariöz behauptet sich seit elf Jahren als Informatikerin mit Migrationshintergrund und Kopftuch in einer Männerdomäne. Fast täglich spürt die gebildete Bremer Muslimin zunehmende Ablehnung.
13.09.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Mit Vorurteilen behaftet
Von Ulrike Troue
Mit Vorurteilen behaftet

Die 37-jährige Elif Ariöz lebt ihren Glauben im Alltag, was durch ihr Kopftuch auch sichtbar ist. Das macht die selbstbewusste Neustädterin zur Zielscheibe von Anfeindungen.

Frank Koch

Elif Ariöz ist eine starke Frau: selbstbewusst, gebildet, emanzipiert, tolerant und weltoffen. Trotzdem erlebt die 37-jährige Muslimin, die in Bremen geboren und aufgewachsen ist und Kopftuch trägt, beinahe jeden Tag, dass sich Menschen ihr gegenüber respektlos verhalten, sie mit verachtenden Blicken mustern, manchmal übel beschimpfen und sogar körperlich angreifen.

Das aus religiösen Gründen getragene Kopftuch ist mit Vorurteilen behaftet, spürt die Informatikerin mit türkischen Wurzeln. An den abfälligen Blicken in Bussen und Bahnen erkennt sie, dass sich Menschen durch ihre Anwesenheit gestört fühlten. „Das nimmt zu“, stellt Elif Ariöz fest.

Verbale Hilfe hätte sich die Bremerin, die mit ihrer Familie in der Neustadt lebt, zum Beispiel gewünscht, als ihr eine ältere Dame an einer Haltestelle den Ellenbogen in den Bauch gerammt und sich lautstark abwertend über Moslems und Türken geäußert hat. Der stumme Beistand des Busfahrers war ihr ein kleiner Trost: Als die Frau nach ihr ins Fahrzeug steigen wollte, hat er die Tür nicht aufgemacht.

"Er hatte regelrechten Hass in den Augen"

Einmal sei sie regelrecht in die Arztpraxis geflüchtet, in der sie einen Termin hatte, erinnert sich Elif Ariöz an ein Angst einflößendes Erlebnis. Sie wurde mit ihren beiden da noch sehr kleinen Töchtern von einem Mann von starker Statur in der Straßenbahn auf Englisch beschimpft. „Er hatte regelrechten Hass in den Augen“, erzählt sie. Als sie ihm in perfektem Englisch entgegnete, er möge damit aufhören, meinte er, sie solle erst einmal Deutsch sprechen. Als sie ihm in perfektem Deutsch antwortete, dass sie als Akademikerin Eins-a-Deutsch spreche, sei er noch wütender geworden. „Die Bahn war voll, kein Mensch hat reagiert“, erhebt sie fassungslos ihre Stimme. Die Mutter hat Zivilcourage vermisst, als sie so offensichtlich bedrängt und nach dem Aussteigen noch kurz verfolgt wurde.

„Das war ein Lerneffekt“, sagt die Neustädterin. Und der Anstoß, sich mit Psychologie zu befassen, um zu ergründen, weshalb Menschen sich so negativ ihr gegenüber verhalten. „Jeder hat Angst, vor dem, was er nicht kennt“, lautet eine Erkenntnis. Überdies transportierten die gemeinhin verbreiteten, mit dem Islam verbundenen Bilder nur Intoleranz, Unterdrückung und Gewalt. Diese Seite gebe es auch, stellt die 37-Jährige nicht in Zweifel. Aber eben nicht nur.

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In vielen Köpfen sei eine „abstruse Vorstellung“ implantiert, die den islamischen Glauben mit Terror und Brutalität gleichsetze, bestätigt Rahmi Tuncer. Mit Sorge beobachtet auch der Vorsitzende des Anatolischen Bildungs- und Beratungszentrums in Hemelingen eine zunehmende „Menschenfeindlichkeitsproblematik“, die sich unter anderem gegen Muslime und Migranten richtet, weil demokratiefeindliche Gruppen und Parteien Menschen durch „vergiftende Ideologien“ beeinflussen. Doch Tuncer vertraut auf „unser deutsches Grundgesetz als Basis für ein vielfältiges Zusammenleben aller Volks- und Religionsgruppen“ und sagt: „Vielfalt muss akzeptiert werden.“

Tuncer bedauert, dass „es große Informationslücken über den Islam“ gibt. Er bemüht sich seit Jahren um Aufklärung und versucht zudem zu vermitteln, dass es viele Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Religionen gibt, unter anderem durch interkulturelle Frühstückstreffen. „Der Koran wird sehr unterschiedlich interpretiert. 90 Prozent der Muslime, egal aus welchem Land, wollen mit diesen politischen Islam-Fundamentalisten nichts zu tun haben“, betont Rahmi Tuncer. Er ist in den 80er-Jahren als politischer Flüchtling aus der Türkei nach Deutschland gekommen, zählt persönliche Beispiele von Diskriminierung auf und erfährt zudem als Integrations- und Flüchtlingsberater von Pro Asyl davon.

Weltoffen und religiös aufgewachsen

Vor Verallgemeinerung warnt auch Elif Ariöz. „Ich mixe das Westliche mit meiner Religion. Ich mache das Beste draus“, stellt die Bremerin klar, die in einer religiösen, weltoffenen Familie aufgewachsen ist. Ihr Vater hat sie und ihre fünf Geschwister beschworen, für ein besseres Leben zu lernen: Bildung ist der Schlüssel zu allem.

Als Informatikerin mit Migrationshintergrund und Kopftuch behauptet sich Elif Ariöz seit elf Jahren erfolgreich in einer Männerdomäne. Ihren Bildungsstand versteht die Akademikerin als Privileg. Benachteiligung hat sie dennoch auch bei der Jobsuche erlebt: Ihr wurde zur Studienzeit von einer Leiharbeitsfirma geraten, sich mit Foto ohne Kopftuch zu bewerben und es zum Bewerbungsgespräch wieder zu tragen. „Das ist Betrug“, blickt die heute selbstbewusste Frau verärgert zurück. Fassungslos macht sie, dass es um eine Stelle im Callcenter ging. Ein anderes Mal wollte ein Personalchef wissen, ob ihr Vater später ihren Ehemann aussuchen würde. „Dass sich Menschen trauen, so etwas zu fragen“, sagt sie empört.

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Die Muslimin schminkt sich, kleidet sich modebewusst, treibt Sport, mag Konzerte, Festivals und verreist auch mal mit Freundinnen. Das steht ihrer Ansicht nach eben nicht im Widerspruch zu ihrer Religion, die für sie genauso zum Alltag gehört: Beten, der Verzicht auf Alkohol und das Kopftuch.

„Ich möchte es so, es ist Teil meiner Religion“, lautet die Standardantwort von Elif Ariöz auf die häufig gestellte Frage, weshalb sie Haar und Hals unter einem Tuch verbirgt. „Ich bin glücklich so und tue niemandem weh.“ Merkt ihr Gegenüber an, dass sie anders als andere Frauen mit Kopftuch ist, stellt sie eine Gegenfrage: Wie viele Frauen mit Kopftuch kennst Du persönlich?

Die Vorurteile der Menschen gegenüber dem Islam erschwert nach ihrer Ansicht auch die Wohnungssuche. Ihre Schwester (wissenschaftliche Mitarbeiterin) und deren Mann (Richter) hätten von unzähligen Wohnungsanfragen überwiegend Absagen erhalten, berichtet Elif Ariöz. Es gab oft „merkwürdige Fragen“: Wie viel Besuch bekommen sie denn? Wie laut wird das?

Nicht zur Wohnungsbesichtigung mitgegangen

Als sie und ihr türkischer Ehemann, ein Gymnasiallehrer, vor vier Jahren ein neues Zuhause suchten und einen Besichtigungstermin hatten, ist sie nicht mitgegangen. „Wenn die Vermieter sehen, dass ich ein Kopftuch trage, werden wir die Wohnung bestimmt nicht bekommen“, gibt Elif Ariöz offen zu. Ein Trugschluss, es hat doch geklappt. Bei der Schlüsselübergabe wurde die Familie freundlich empfangen. Das macht Hoffnung.

„Ich vermisse eine gewisse Empathie“, gesteht die 37-Jährige. Sie selber geht offen auf Menschen zu, hat viele Freunde und Bekannte aus verschiedenen Ländern und Religionen und wertet das als große Bereicherung. Elif Ariöz wünscht sich deshalb mehr Toleranz und Akzeptanz in der Gesellschaft. „Ich respektiere die Menschen, so wie sie sind“, versichert sie.

„Man darf keinem Menschen auf dieser Welt seine Entfaltungsmöglichkeit wegnehmen, besonders nicht den Frauen“, sagt Rahmi Tuncer. „Wir sind eine heterogene Gesellschaft, das ist schön und soll so bleiben.“

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Zur Sache

Studie zur Diskriminierung

Schätzungsweise 28 Prozent der in Deutschland lebenden Musliminnen trägt ein Kopftuch. Das ergab eine Untersuchung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge aus dem Jahr 2009. Rund jede zweite Frau, die ein Kopftuch trägt, fühlt sich aus diesem Grund einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung zufolge von der Gesellschaft diskriminiert.

Weitere Informationen

Betroffene können sich bei Fragen oder Problemen an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes in Berlin unter der Telefonnummer 030 / 185 55 – 18 55 oder per E-Mail an beratung@ads.bund.de wenden.

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