Erwachsene helfen Jugendlichen

Bremer Nachtwanderer suchen Freiwillige

In Bussen und Bahnen sowie vor Diskotheken ist die Chance nicht schlecht, einen Nachtwanderer anzutreffen. Das Ziel: Jugendlichen bei Problemen zu helfen. Doch Nachwuchs-Nachtwanderer werden dringend gesucht.
13.03.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Nachtwanderer suchen Freiwillige
Von Ralf Michel
Bremer Nachtwanderer suchen Freiwillige

Rote Jacken mit Namensschild – Nachtwanderer aus Huchting in ihrem typischen Outfit: (von links) Norbert Tkaczyk, Ulla Ulland, Gaby Tkaczyk und Manfred Oppermann.

Christina Kuhaupt

In Bussen und Bahnen sowie vor Diskotheken ist die Chance nicht schlecht, einen Nachtwanderer anzutreffen. Das Ziel: Jugendlichen bei Problemen zu helfen. Doch Nachwuchs-Nachtwanderer werden dringend gesucht.

Erwachsene, die an Wochenenden abends und nachts unterwegs sind, um als Ansprechpartner für Jugendliche bereitzustehen. Da sein, ohne sich aufzudrängen, ein offenes Ohr haben, wo Gesprächsbedarf besteht – so lautet die Grundidee der „Nachtwanderer“. Vier dieser Gruppen gibt es in Bremen, die älteste seit 14 Jahren, eine weitere ist in Stuhr unterwegs.

Von den Jugendlichen werden sie akzeptiert, von offizieller Seite gibt es viel Lob für das ehrenamtliche Engagement. Trotzdem geht den Nachtwanderern zuletzt ein wenig die Luft aus. Der Altersdurchschnitt steigt, es fehlt an Mitstreitern und auch das Freizeitverhalten der Jugendlichen hat sich im Laufe der Jahre geändert.

Anlass genug, um sich selbst zu hinterfragen: Wie soll es weitergehen? Wie können wir attraktiver werden – für Jugendliche, aber auch für potenzielle neue Nachtwanderer? Fragen wie diese stehen im Mittelpunkt eines Workshops am Sonnabend im Fortbildungszentrum der Bremer Straßenbahn AG (BSAG).

Alle Gruppen suchen dringend Nachwuchs

Es ist das erste Mal, dass alle fünf Gruppen zusammenkommen. Und schnell wird deutlich, dass sie alle vor ähnlichen Problemen stehen. Gregor Bitter aus der Gruppe, die im Bremer Westen unterwegs ist, bringt es stellvertretend auf den Punkt: Anfänglich sei da eine große Begeisterung gewesen: wir machen das. „Aber dann sind wir stehen geblieben. Das Ganze stagniert, wir schmoren im eigenen Saft. Es kommen keine neuen Nachtwanderer dazu.“

Hans Schüler aus der Stuhrer Gruppe dämpft dies ein wenig ab. Man hinterfrage sich schon immer wieder, nehme regelmäßig an Fortbildungen teil und stelle sich auch auf neue Entwicklungen bei den Jugendlichen ein. „Das gehört dazu. Das ist eine permanente Herausforderung.“ Dem Grundanliegen des Workshops stimmt aber auch er zu: Wie können wir unser Selbstverständnis neu definieren?

Was auch bedeuten könnte, künftig mehr gemeinsam aktiv zu werden. „Vielleicht müssen auch wir mobiler werden“, sagt Gregor Bitter und nennt die nahende Osterwiese als Beispiel. „Da kommen ja schließlich auch Jugendliche aus allen Stadtteilen zusammen.“ Die Arbeit der Gruppen zu synchronisieren, wäre auch für Johannes Irmer aus Osterholz ein guter Ansatz. Für ihn eine Organisationsfrage der Gruppen untereinander.

"Jugendliche sind nicht mehr so viel auf den Straßen"

Zwischen acht und 15 Mitstreiter gehören jeweils zum aktiven Kern der einzelnen Nachtwanderergruppen. Da sich stets drei bis fünf Frauen und Männer gemeinsam auf den Weg machen, kommen die Gruppen schnell an ihre personellen Grenzen. „Wir würden gerne jedes Wochenende unterwegs sein, aber das ist einfach nicht zu schaffen“, sagt Jens Gehler aus Bremen-Nord. Die Gruppen machen sich zu unterschiedlichen Zeiten auf den Weg, um 20 Uhr die einen, um 22 Uhr die anderen. Nach hinten raus gilt aber meistens für alle dasselbe: open end.

Wobei inzwischen deutlich weniger Jugendliche auf den Straßen unterwegs sind, hat Ulla Ulland aus der Gruppe Huchting beobachtet. „Das große Herumgammeln, verbunden mit viel Alkohol, gibt es heute nicht mehr in so geballter Form wie früher.“ Über die sozialen Medien seien die Jugendlichen heute viel besser vernetzt. „Die verabreden sich mehr und bleiben auch mehr daheim.“

"Sie glauben gar nicht, was wir alles erzählt bekommen"

Die Themen derjenigen, die das Gesprächsangebot der Nachtwanderer nutzen, sind jedoch über all die Jahre unverändert geblieben: Streit mit dem Partner, Stress zu Hause, in der Schule oder Freunden. „Sie glauben gar nicht, was wir alles erzählt bekommen“, sagt Ulla Ulland.

Die Nachtwanderer begegnen den Jugendlichen stets nach demselben Grundprinzip: Keine Kontrolle, keine Widerworte, kein erhobener Zeigefinger. „Wir sind Ansprechpartner, stehen für ihre Sorgen und Nöte zur Verfügung. Wenn einer das nicht will, gehen wir weiter.“

"Wo die Nachtwanderer sind, gibt es keine Konflikte"

Auch als Konfliktlöser sehen sich die Nachtwanderer nicht – „ist nicht unsere Aufgabe“ –, sind es letztlich aber allein durch ihre Anwesenheit doch. „Wo die auftauchen, gibt es keine Konflikte“, sagt Jens-Christian Meyer, BSAG-Pressesprecher. Nächtliche Fahrten in Bussen und Bahnen gehören mit zur Tätigkeit der Gruppen. Und dies entfaltet offenbar Wirkung. Die Jugendlichen würden merken, dass es da Erwachsene mit Zivilcourage gebe, die hingucken statt wegzusehen, mutmaßt Meyer und lobt: „Das funktioniert einfach.“ Wo die engagierten Freiwilligen auftauchten, herrsche entspannte Stimmung und freundliche Atmosphäre. „Es ist, als ob alle negative Energie die Fahrzeuge verlässt.“

Ein anderes Konfliktthema dieser Tage in Bremen scheint für die Nachtwanderer keines zu sein. „Wie beeinflusst die Flüchtlingssituation unsere Arbeit?“, steht auf einer der Tafeln des Workshops. „Gar nicht“, lautet kurz und knapp die Antwort. In Osterholz würden schon immer 80 Nationen zusammenkommen, sagt Johannes Irmer. Da seien Flüchtlinge kein Thema. In Huchting sei das ähnlich, erzählt Ulla Ulland. „Wir waren schon immer multikulturell.“ Nun ist eine Unterkunft mit 75 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen hinzugekommen. Aber mehr Probleme habe man dadurch nicht.

„Wir treffen sie, aber sie machen keine Probleme“, sagt auch Gregor Bitter. Im Gegenteil: „Sie sind sehr höflich.“ Zugleich schlägt Bitter an dieser Stelle den Bogen zurück zu fehlendem Nachwuchs bei den Nachtwanderern. Nicht nur an jüngeren Mitstreitern fehle es im Bremer Westen. „Wir versuchen schon lange, auch türkische und arabische Mitwanderer zu gewinnen.“ Ohne Erfolg. „Mir sind die Gründe dafür nicht klar, aber das ist sehr schwierig.“

Kontaktdaten der Nachtwanderer

Alle Bremer Gruppen der Nachtwanderer und auch die in Stuhr klagen über Nachwuchssorgen. Wer Interesse hat mitzumachen, kann sich an folgende Personen und Einrichtungen wenden:

Bremen-Nord: Lasse Berger, Tel.: (0421) 637142.

West: Gesundheitstreff-West, Tel.: (0421) 617079.

Ost: Ingrid Osterhorn, Tel.: (0421) 423403.

Süd: Ulla Ulland: Tel.: (0175) 882 1355.

Stuhr: Hans Schüler, Tel.: (0421) 5695231.

Eine weitere Gruppe der Nachtwanderer würde gerne Stadtteilmanagerin Birgit Benke in Hemelingen eröffnen. Sie ist für Interessierte unter Telefon (0160) 842 9956 erreichbar.

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