Schnelle und unbürokratische Hilfe

Notfallfonds für ausländische Studenten in Bremen

Ein Netzwerk mit vielen Akteuren unterstützt junge Menschen unbürokratisch, um nicht in finanzielle Schieflage zu geraten.
15.09.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Matthias Holthaus

„Das Netzwerk war in Zeiten von Corona ein Segen“, sagt Martina Rolfes, Hochschulseelsorgerin der Katholischen Hochschulgemeinde. Das Netzwerk ist der Runde Tisch „Hilfe für ausländische Studierende“ (HIST). Es hilft unbürokratisch und schnell Studierenden aus dem Ausland, die in Not geraten sind. Und diese Notlagen häufen sich seit Beginn des Lockdowns Mitte März.

„Bei uns sind viele Anfragen in der katholischen Gemeinde eingegangen. Wir haben vom Bistum Osnabrück einen Hilfsfonds, und seit März haben wir wesentlich mehr Anfragen.“ Über 12 000 Euro verfügt dieser Notfallfonds. „Doch das wird eng“, wie Martina Rolfes sagt. „Viele, die sich mit Jobs geholfen haben, benötigen nun Unterstützung.“

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Und hier kann auch HIST helfen, das Netzwerk, das neben der Katholischen Hochschulgemeinde noch viele andere Akteure in seinen Reihen hat: Die Akademie „Here ahead“ bietet Geflüchteten und internationalen Studieninteressierten ein Vorbereitungsstudium. Aber auch der Asta, die Evangelische Studierenden-Gemeinde, die Psychologische Beratungsstelle des Studierendenwerks, die Innere Mission oder der Verein „Xenos“ haben sich die Förderung in Not geratener Studierender in Bremen auf die Fahne geschrieben. Dies sind nur einige der vielen HIST-Beteiligten, die alle mit einem Fonds aufwarten können und sich um die Belange der ausländischen Studierenden kümmern.

Und dieses Kümmern sei auch notwendig, wie Martina Rolfes berichtet. „Es gibt auch Schulden bei den Studierenden“, erzählt sie. „Ich habe 60 bis 70 Gutscheine in Höhe von 15 bis 25 Euro für Supermärkte in den ersten drei Wochen ausgegeben.“ Um Miete und Krankenkasse sei es da noch gar nicht gegangen in dieser Zeit, als es noch keine Überbrückungshilfe gab, sondern nur um Darlehen, die zurückgezahlt werden mussten. „Doch ohne Bürgschaft waren die Darlehen gar nicht für ausländische Studierende zu erhalten“, informiert sie.

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Aber selbst als es die zinsfreien Darlehen gab, fragten sich viele Studierende, wie sie dieses Darlehen jemals zurückzahlen könnten. „Denn es war ja nicht klar, wann es wieder möglich sein wird zu arbeiten.“ Und je länger die Unterbrechung, desto höher die Schulden, sagt Martina Rolfes. Und wenn die Studierenden dann wieder arbeiten könnten, müssten sie mehr arbeiten und dafür weniger studieren – „ein Teufelskreis".

Zudem seien auch sämtliche Sprachkurse gestoppt worden. Und weniger Sprachkenntnisse bedeuten nun auch mal auch weniger Chancen auf Arbeit. Außerdem müsse selbst bei den Corona-Krediten nachgewiesen werden, dass die Notlage aufgrund der Pandemie eingetreten sei. Dabei sei es schon faszinierend zu sehen, mit welch geringen finanziellen Mitteln die ausländischen Studierenden mitunter auskommen, meint Mirja Uschkureit, die im Team von „Here ahead“ arbeitet.

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„Sie leben teilweise von 300 bis 500 Euro im Monat, die sie sich selbst erarbeiten. Und davon müssen sie auch noch Rundfunkbeitrag bezahlen, denn im Gegensatz zu deutschen Studierenden sind sie nicht von der Zahlung befreit.“ Die Krankenversicherung müssten sie ebenfalls selbst zahlen. „Sie leben auf einem sehr niedrigen Level und unterstützen teilweise auch noch ihre Familien im Heimatland“, berichtet Mirja Uschkureit. „Bei afrikanischen Studierenden zum Beispiel sind sie oft die Hoffnungsträger für die ganze Familie.“ Und manch chinesische Familie spare ab der Geburt des Kindes, damit es in den USA oder Deutschland studieren könne. Wenn sie dann verschuldet zurückkehrten, käme das einem Bankrott gleich.

Unsicherheit und Vereinsamung

Die permanenten Veränderungen in Corona-Zeiten seien eine große Unsicherheit gewesen, dazu sei noch die Vereinsamung gekommen, da das Semester komplett digital lief, weiß Mirja Uschkureit. Sprache und Finanzen, diese Faktoren seien seit Beginn der Pandemie ein noch größeres Problem als ohnehin schon. Nicht nur, um diese Unsicherheit den ausländischen Studierenden zu nehmen, gibt es den Runden Tisch. Seit 15 Jahren bereits existiert das Netzwerk, dessen kleinster gemeinsamer Nenner es ist, dass alle Akteure mit internationalen Studierenden zu tun haben. „Wir sind richtig gut vernetzt, um zu schauen, wer noch Geld hat oder Ideen“, sagt Martina Rolfes.

Das A und O sei eine gute Vernetzung, findet auch Mirja Uschkureit, die ihre berufliche Aktivität jetzt auch in das private Umfeld getragen hat. „Wir haben eine Whatsapp-Gruppe der Nachbarschaft in Findorff, da habe ich herumgefragt. Es war der Gedanke, dass 20 Euro für Supermarkt-Gutscheine niemandem wehtun, da haben spontan fünf Familien mitgemacht. Viele engagieren sich aber auch im Übergangswohnheim oder haben Patenschaften.“ Die Anfragen bleiben aber trotz der relativen Normalisierung der Gegebenheiten. „Es kommt darauf an, ob die internationalen Studierenden einen Job gefunden haben oder nicht“, sagt Martina Rolfes.

Weitere Informationen

Der Runde Tisch ist für Spenden zur Unterstützung der internationalen Studierenden dankbar. Unter www.hist-bremen.de sind weitere Informationen sowie eine Auflistung der beteiligten Akteure des Runden Tisches verfügbar.

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