Diskussion über Abwanderung vom Sielwall zur Piepe Bremer Polizei streitet über Drogenszene

Bremen. Bei der Bremer Polizei ist jetzt eine interner Diskussion um die Drogenszene entbrannt. Neustädter Beamte wollen nichts davon wissen, dass der erhöhte Polizeieinsatz am Sielwall für ein Abwandern der Szene an die „Piepe“ geführt haben soll.
04.04.2010, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Bremer Polizei streitet über Drogenszene
Von Christian Weth

Bremen. Wo sind die Dealer und Junkies geblieben? Darüber ist in der Bremer Polizei eine Diskussion entbrannt. Die Beamten in der Neustadt wollen nichts davon wissen, dass der erhöhte Polizeieinsatz am Sielwall für ein Abwandern der Szene an die „Piepe“ geführt haben soll.

Auch so kann’s gehen: Da informiert der Innensenator über den Drogenhandel nach Faktenlage der Polizei – und wird im Nachgang berichtigt, ebenfalls von der Polizei. Die Beamten der Inspektion Süd wollen nichts davon wissen, dass der erhöhte Polizeieinsatz am Sielwall für ein Abwandern der Szene an die „Piepe“ geführt haben soll. Statt mehr, seien weniger Dealer und Junkies im Neustädter Park anzutreffen. Bleibt die Frage: Wo sind sie hin, wenn hier wie dort ein Rückgang zu verzeichnen ist?

Das wüsste Claudia Hallensleben auch gern. Die Sprecherin der Inspektion Süd weiß nur, dass „sich die Szene weitgehend von der Piepe fernhält“ – nachzulesen in einer Mitteilung, die jetzt auf den Bericht des Senators für Inneres gefolgt ist.

Wie am Sielwall hat es demnach auch in der Grünanlage vermehrt Kontrollen gegeben, um die Drogenkriminalität im Zaum zu halten. Und wie am Sielwall, wo der Heroinhandel laut behördlichem Rapport „fast vollkommen“ verdrängt wurde, sei er auch an der Piepe rückläufig: „Seit Anfang vergangenen Jahres um 50 Prozent“, sagt Hallensleben. Warum sich die Grünanlage trotzdem infolge der erfolgreichen Polizeiarbeit am Sielwall zu einem Brennpunkt entwickelt haben soll, ist ihr schleierhaft.

Eine Polizei, zwei Sachstände – diesen Schluss würden vielleicht andere ziehen, nicht aber Daniel Heinke, Büroleiter des Innensenators. Von einem Missverständnis will er ebenso wenig hören wie von einer Fehlinformation – von einem falschen Behördenbericht schon gar nicht. Auch eine Diskrepanz sieht er nicht. Heinke spricht lieber von einer Kommunikationsfalle und davon, dass unterm Strich beide Situationsbeschreibungen stimmen, wenn auch die Polizeiinspektion Süd präzisieren müsse: „Es mag ja sein, dass der Drogenhandel an der Piepe langfristig zurückgeht, aber kurzfristig musste es dort wegen der Verdrängung der Szene am Sielwall ein Plus geben.“

Schließlich gebe es nur diese beiden Plätze, wo sich die Szene treffe. Wie zusammenpassen soll, dass sie hier wie dort – zumindest nach den Berichten der Polizei – kleiner wird, vermag Heinke nicht mit letzter Gewissheit zu sagen. Er könne nichts ausschließen: weder dass es einen neuen, eventuell noch unbekannten Umschlagsplatz für Drogen in Bremen gibt, noch dass die Zahl der Händler und Konsumenten vielleicht insgesamt abgenommen hat. Heinke: „Möglich wär’s.“ Und weil für ihn vieles denkbar sei, könne er auch nur über den Beweggrund der Polizeiinspektion Süd spekulieren, warum sie dem senatorischen Lagebericht eine eigene Darstellung der Situation folgen ließ. „Vielleicht meinten die Kollegen, in der Vorlage für die Deputation für Inneres nicht gut genug weggekommen zu sein.“

Unglückliche Formulierung

Auf jeden Fall haben sie damit Kompetenzen überschritten. Das meint jedenfalls Polizeisprecher Dirk Siemering. Allerdings hält auch er die Formulierung des senatorischen Berichts – auch wenn sie aus den eigenen Reihen stammt – für unglücklich. Dass sich die Piepe im Zuge der verstärkten Polizeipräsenz am Sielwall zum Brennpunkt entwickelt habe, könne schon deshalb nicht stimmen, weil die Grünanlage seit Jahren längst ein Brennpunkt sei. Gegen eine Verlagerung der Szene weg vom Viertel und hin zur Piepe spricht ihm zufolge auch, dass an beiden Plätzen mit ganz anderen Drogen gehandelt wird: „Am Sielwall geht es um Kokain und Cannabis, in der Neustadt um Heroin.“ Und die Händler vermischten sich nicht.

Von einem falschen Satz im Lagebericht will er zwar nicht reden, aber: „Ich hätte mich anders ausgedrückt.“ Denn so wie es dort stehe, könnten Unbedarfte glauben, im Bremer Süden gehe die Polizei laxer gegen Drogenhandel vor als im Viertel. Dass der Kontrolldruck auch in der Neustadt größer geworden ist, belegt Siemering mit Zahlen: Hatten die Beamten 2008 noch 223 Fälle von Drogenbesitz im Bereich der Piepe zur Anzeige gebracht, waren es im Vorjahr 33 mehr. Siemering: „Kein sprunghafter Anstieg, aber auch kein geringer.“ Eine Verlagerung vom Sielwall habe es vor allem dahingehend gegeben, dass die Kokain- und Cannabis-Dealer in die Seitenstraßen verdrängt wurden.

Alles beinahe wie gehabt, das ist die Sache für Siemering allerdings nicht. Die Polizei sei dabei, die Umschlagsplätze für Drogen neu zu kartographieren – besonders die Randzonen der Szenetreffs. Denn nicht die Zahl der Dealer und Junkies sei kleiner geworden, sondern die Zahl der Orte größer, wo sie zusammenkommen. Statt nur am Sielwall, an der Piepe und am Bahnhof laufe der Handel jetzt auch in Straßen und Gebäuden in der unmittelbaren und mittelbaren Nachbarschaft. Und das ist schlecht. Siemering: „Weitet sich die Drogenkriminalität aus, sinkt die Möglichkeit, sie zu kontrollieren.“

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