Polizei-Vizepräsident Dirk Fasse „Die ,Hells Angels' sind in Bremen wieder aktiv“

Im Streit um die Genehmigung eines neuen Bordells in Bremen hat die Polizei eine klare Position. Und fordert die Fortsetzung der Nulltoleranz-Strategie gegen eine Rockerbande.
21.02.2021, 20:09
Lesedauer: 4 Min
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„Die ,Hells Angels' sind in Bremen wieder aktiv“
Von Ralf Michel

Herr Fasse, die Polizei hat in einem 20-seitigen Bericht dargelegt, warum sie meint, dass hinter dem Antrag für ein Bordell in der Bürgermeister-Smidt-Straße die in Bremen seit 2013 verbotenen „Hells Angels“ stehen. Der Wirtschaftsbehörde reicht das nicht, sie will das Bordell genehmigen.

Dirk Fasse: Ich kann nicht nachvollziehen, warum man sich mit diesen vorgelegten Argumenten schwertut. Nach unserer Bewertung, tragen die vorgelegten Indizien. Allemal sind sie es wert, damit vor Gericht zu ziehen, es also auf eine Klage ankommen zu lassen.

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Sie sagen, dass hinter der Firma, die die Genehmigung beantragt hat, wie beim Bordell „Eros 69“ in der Duckwitzstraße die „Hells Angels“ stehen. Und dass die Geschäftsführerinnen des Unternehmens nur Strohfrauen sind. Wie begründen Sie das?

Bei den beiden Frauen handelt es sich um die Ehefrau und die Schwester des Mannes, der beim Verbot der „Hells Angels“ in Bremen deren stellvertretender Chef war. Und der dann 2016 eine „Hells Angels“-Gruppierung in Delmenhorst aufgemacht hat.

Mit einem Rocker verheiratet zu sein, reicht als Grund? Er selbst sagt, dass er einen Beratervertrag in der Firma seiner Frau hat.

Zur Erinnerung: Die „Hells Angels“ stehen für Menschenhandel, Prostitution, Drogenhandel, Waffengewalt und Schutzgelderpressung. Den Rechtsstaat erkennen sie nicht an, sondern nur ihre eigenen Gesetze. Und ausgerechnet einem Anführer dieser Gruppe wird ein Beratervertrag angeboten? Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Das spricht nicht eben für die Zuverlässigkeit der Geschäftsführerinnen. Er selbst wurde übrigens mehrfach verurteilt. Unter anderem wegen Menschenhandels.

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Sie sprachen von Indizien. Gibt es weitere?

Jede Menge. Er selbst sagt, nur einen Beratervertrag für Umbaumaßnahmen zu haben und im Prinzip nichts weiter mit der Firma zu tun zu haben. Aber jedes Mal, wenn wir als Polizei mit dem „Eros 69“ zu tun haben, treffen wir vor Ort auf den „Hells-Angels“-Anführer aus Delmenhorst.

Beispiele bitte.

Bei Terminen wie Begehungen oder Eröffnungen. Dann gab es Einbrüche in dem Bordell und in der Nachbarschaft. Wer gab uns darüber detaillierte Informationen und händigte uns die Überwachungsvideos aus? Wieder er. Es gab einen Einsatz im April, als alle Betriebe wegen Corona runtergefahren waren. Deshalb wunderten sich Anwohner über Licht im „Eros 69“. Wir haben das überprüft, und am Ende erklärt uns wieder genau dieser „Hells-Angels“-Anführer, dass es sich um ausländische Prostituierte handele, die wegen Corona nicht nach Hause könnten. Er habe das aber schon mit dem Gewerbeamt besprochen. Dies alles zeigt, dass er ganz klar eine Verantwortung in diesem Prostitutionsbetrieb hat. Und wenn Sie die Anschrift der besagten Firma überprüfen, dann ist die nicht identisch mit den Adressen der Geschäftsführerinnen, sondern eher mit denen von drei „Hells Angels“.

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Erst das „Eros 69“, jetzt das beantragte Bordell in der Bürgermeister-Smidt-Straße. Sehen Sie dahinter eine Strategie?

Natürlich. Dafür braucht man nicht mal polizeiliches Grundverständnis, sondern nur den gesunden Menschenverstand: Die „Hells Angels“ sind wieder offen aktiv in Bremen. Auch in Delmenhorst wurde übrigens die Neueröffnung eines Bordells beantragt. Man erkennt, es gibt wieder eine Expansion der „Hells Angels“ in diesem Geschäftsbereich und dass sie sich wieder verstärkt Bremen zuwenden. Und die Gefahr, die davon ausgeht, haben sie im Grunde erst kürzlich selbst untermauert.

Sie meinen die Schießerei in Huchting im August?

Richtig. Da war das Opfer ein „Hells Angel“. Anschließend gab es eine Machtdemonstration der „Hells Angels“ aus Delmenhorst, wo zehn dieser Herrschaften vor dem Krankenhaus von uns festgestellt wurden.

Fürchten Sie eine Rückkehr zu den Zeiten vor dem Verbot der „Hells Angels“ in Bremen?

Es wirkt wirklich wie ein Déjà-vu von 2010. Und das ist genau das, was wir hier nicht mehr wollten. Deshalb lautet die Kernfrage für mich, ob wir zu der bisherigen Nulltoleranz-Strategie der Stadt gegen die „Hells Angels“ stehen. Die Deputierten der Innendeputation haben dies vergangene Woche klar erklärt, nun bitten wir als Polizei um Rückhalt im Senat und in der Bürgerschaft.

Was in der Konsequenz aber bedeuten würde, nicht nur dem neuen Bordell die Genehmigung zu versagen, sondern auch, das „Eros 69“ zu schließen?

Nach der Sammlung von Indizien, die wir vorgelegt haben, wäre das die Konsequenz. Am Ende wird das auf eine rechtliche Beurteilung herauslaufen. Das ist auch in Ordnung, so ist unser Rechtsstaat aufgebaut. Aber die Erfahrung aus 2013 zeigt, dass es geht. Und ich glaube, unsere Argumente sind überzeugend. Eine in Bremen verbotene Gruppe der Organisierten Kriminalität will den Rechtsstaat an der Nase herumführen und ihre Machtposition wieder aufbauen. Das gilt es zu verhindern.

Das Gespräch führte Ralf Michel.

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Zur Person

Dirk Fasse (59) ist seit 2012 Bremens Polizeivizepräsident. Zuvor war er Leiter der Schutzpolizei und davor stellvertretender Kripochef. Seine Ausbildung bei der Bremer Polizei begann er 1980.

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Zur Sache

Bauvoranfrage für eine Spielhalle

Hinter dem Bordell „Eros 69“ in der Duckwitzstraße 69 ist der Bau einer 150 Quadratmeter großen Spielhalle geplant. Zumindest gibt es dafür nach Informationen des WESER-KURIER seit Oktober eine Bauvoranfrage. Antragstellerin ist die Schwester des Chefs der „Hells Angels“-Gruppe „Key Area“ aus Delmenhorst. Die Frau ist eine der Geschäftsführerinnen des „Eros 69“, die Bauvoranfrage wurde dem Vernehmen nach aber unter dem Namen einer anderen Firma aus Stade gestellt.

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