Profiboxer Artur Henrik im Interview

„Man kämpft immer auch gegen sich selbst“

Artur Henrik ist Profiboxer. Dabei schien seine Karriere schon mit Anfang 20 vorbei zu sein. Im Interview spricht der Bremer über die Einsamkeit als Leistungssportler und die Glücksgefühle eines Boxers.
16.08.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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„Man kämpft immer auch gegen sich selbst“
Von Nico Schnurr
„Man kämpft immer auch gegen sich selbst“

„Ich wollte auch zaubern können“: Der Bremer Artur Henrik ist Profiboxer.

Torsten Helmke

Herr Henrik, warum boxen Sie?

Artur Henrik: Ich boxe für das Gefühl danach. Nach einem erfolgreichen Kampf spürt man das Glück so intensiv wie sonst nie.

Beschreiben Sie mal dieses Gefühl danach.

Es hat etwas mit großer Erleichterung zu tun. Ich bin vorher unbeschreiblich aufgeregt. Einige Stunden vor dem Kampf frage ich mich: Warum tue ich mir das eigentlich an? Wozu das alles? Ich versuche, mich abzulenken, gehe spazieren, spreche mit Teamkollegen. Die Aufregung bleibt aber bis zum Kampf.

Und dann?

Im Ring blende ich alles aus. Erst danach, wenn der Druck abfällt, merke ich wieder, wie groß die Anspannung eigentlich gewesen ist. Boxen hat so viel mit dem Kopf zu tun. Es gibt Leute, die halten das, was wir machen, für Prügelei. Die haben keine Ahnung. Boxen passiert zu 80 Prozent im Kopf. Es gibt Boxer, die haben den Kampf schon verloren, bevor sie überhaupt in den Ring steigen.

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Wie meinen Sie das?

Wenn man seinen Kopf nicht kontrollieren kann, hat man als Boxer kaum eine Chance. Man kämpft immer auch gegen sich selbst. Gegen die Unsicherheit. Gegen die Zweifel. Gegen die eigenen Gedanken.

Sie auch?

Als Boxer fordere ich mich selbst heraus. Der Sport hat mich verändert. Wenn es früher darum ging, vor Leuten zu stehen und etwas zu sagen, habe ich mich gedrückt. Ich war keiner, der im Mittelpunkt sein wollte. Wenn ich in der Schule ein Referat halten musste, habe ich an dem Tag gefehlt. Ich hatte Angst, wie ich vor Leuten rüberkomme und war unsicher.

Und jetzt?

Diese Angst ist nicht weg. Aber heute stelle ich mich ihr. Früher bin ich vor der Angst weggelaufen. Heute gehe ich raus in den Ring und kämpfe.

Deshalb sind Sie so erleichtert nach einem Kampf?

Im Ring beweise ich mir jedes Mal aufs Neue, dass ich das kann: meine Ängste besiegen, den Kopf kontrollieren. Vielleicht ist das Glücksgefühl nach dem Kampf auch deswegen so groß. Der Zustand hält meist für ein paar Tage an. Danach will man es wieder haben, das Gefühl macht süchtig. Wer will schon nicht gerne glücklich sein?

Eine Zeit lang waren Sie das nicht.

Ich habe drei Jahre am Olympiastützpunkt in Schwerin geboxt. Mein Ziel waren die Olympischen Spiele, und ich hatte beste Chancen, es nach Tokio zu schaffen. Lange sah es gut aus, aber irgendwann habe ich mich immer unwohler gefühlt. Jeder fängt aus irgendeinem Grund mit dem Boxen an. Bei mir war es anfangs der Spaß. In Schwerin habe ich den Spaß verloren. Boxen wurde zur Arbeit.

Wie kam das?

Ich war einsam in Schwerin. Irgendwann habe ich mich wie ein Roboter gefühlt, gefangen in dem immer gleichen straffen Tagesablauf. Aufstehen, trainieren, nach Hause, trainieren, schlafen. Ein stumpfes Leben. Nachdem ein paar Teamkollegen den Stützpunkt verlassen hatten, hatte ich dort kein Umfeld mehr, keine Beziehungen zu anderen. Ich war einfach da, um meine Arbeit zu erledigen. Irgendwann hat das einfach nicht mehr funktioniert, habe ich nicht mehr funktioniert.

Sie haben schlechter geboxt?

Alle haben mir gesagt: Artur, du boxt nicht mehr wie früher. Ich habe auch gespürt, dass etwas anders war. Ich habe nicht mehr so provokant gekämpft, mir fehlte der Mut zum Risiko. Vielleicht, weil ich meinen Kopf nicht mehr so kontrollieren konnte wie sonst. Also habe ich entschieden, etwas zu ändern.

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Sie sind nach Bremen zurückgekehrt.

Ich musste raus. Zurück in Tenever, bei meiner Familie, hat sich dann gleich der Stützpunkt gemeldet: Ich wurde entlassen. Per Mail. Die Nachricht kam nicht mal vom Trainer, sondern von der Sekretärin. Sie haben kein Gespräch zu mir gesucht, nicht mal ein Anruf. Es wurde sich keine Mühe gegeben. Keiner hat sich angehört, welche Schwierigkeiten ich habe.

Wie war das für Sie?

Ich habe mich gefühlt, als hätten sie mich fallengelassen. Es war schön, wieder in Tenever zu sein, aber plötzlich war ich ziellos. Ich hatte keine Vorstellung davon, wie meine Zukunft aussehen könnte. Meine ganze Lebensplanung war auf Olympia ausgerichtet. Plötzlich wurde mir das weggenommen. Ich habe mich gefragt: Was jetzt? Ich habe versucht, etwas zu finden, um beschäftigt zu sein und mich abzulenken.

Sie sind auf den Bau gegangen.

Für ein paar Monate habe ich als Dachdecker gearbeitet. Das hat mir in dem Moment sehr geholfen.

Warum?

Für mich ist es wichtig, dass ich am Ende des Tages denke, dass ich vorangekommen bin und etwas geschafft habe. So ticken Leistungssportler. Wenn bei mir Wochen vergehen, in denen ich nichts mache, tut das meiner Psyche nicht gut. Es musste also schnell etwas her, damit ich neue Gedenken finde. Da hat mir die Arbeit als Dachdecker gutgetan, auch wenn der Job dauerhaft eher nichts für mich wäre.

Haben Sie in der Zeit als Dachdecker geboxt?

Anfangs vergingen auch mal einige Wochen ohne Training. Dann habe ich mir einen Kampf von meinem ehemaligen Teamkollegen Peter Kadiru angeschaut. Zu sehen, wie er kämpft, diese Stimmung in der Halle zu erleben, das hat mich sofort wieder reingezogen. Ich habe in den Ring geschaut und gedacht: Das ist doch eigentlich, was du willst. Da willst du doch stehen.

Jetzt kämpfen Sie mit Kadiru in einem Team.

Ich habe mir noch einen weiteren Kampf von Peter angesehen. Dort hat mich sein Trainer Christian Morales aus Hamburg angesprochen. Er hat mich gefragt, ob ich nicht zu den Profis kommen will. Der Trainer meinte, ich solle meine Karriere nicht wegschmeißen, wir würden das alles hinkriegen.

Haben Sie sofort zugesagt?

Ich musste erst mal meinen Vater überzeugen.

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Früher hat Ihr Vater Sie trainiert.

Er hat mich zum Boxen gebracht. Ich weiß noch, wie ich mit zehn Jahren zum ersten Mal in unserem Wohnzimmer auf Pratzen gehauen habe. Meine Tante filmte mich dabei. Ich war total nervös, aber habe alles gegeben. Danach in die Augen meines Vaters zu sehen und zu merken, wie glücklich er ist, hat mich motiviert. Beim Training konnten wir dieses Vater-Sohn-Thema immer ausblenden. Als es darum ging, ob ich weitermache, war das anders.

Ihr Vater hatte Bedenken?

Am Ende ist er eben doch nicht nur mein Trainer, sondern vor allem mein Vater. Er macht sich Sorgen, so wie Väter das nun mal tun. Wenn er sieht, wie ich den Seilen hänge und geschlagen werde, hat er diese väterlichen Instinkte. Dann will er am liebsten in den Ring stürmen und mich beschützen. Mein Vater war erleichtert, als ich aufhören wollte. Er hielt das für eine gute Entscheidung.

Wie haben Sie ihn vom Gegenteil überzeugt?

Ich bin nach Hamburg gefahren und habe hart trainiert, ohne ihn. Es hat ein, zwei Monate gedauert, in denen ich das Training alleine diszipliniert durchgezogen habe, bis meinem Vater klar wurde, dass ich das wirklich will. Er hat gemerkt, dass ich auch ohne ihn dranbleibe, dass ich das nicht für ihn mache, sondern für mich. Seitdem akzeptiert er die Entscheidung.

Nun sind Sie Profiboxer.

Viel wichtiger ist doch: Jeder Schweißtropfen; jede Hand, die ich haue; jede Hantel, die ich hebe; jeder Medizinball, den ich werfe – alles macht wieder Spaß. Ich trainiere mehr denn je, manchmal mehr als zehn Mal pro Woche. Aber nichts fühlt sich mehr wie Arbeit an.

Wie kommt das?

Mein Trainer Christian Morales hat mich aufgebaut. Er geht auf meine Bedürfnisse ein. Der Alltag ist offener gestaltet, ich bin nun häufiger zu Hause und trainiere in Tenever auch wieder regelmäßig mit meinem Vater. Inzwischen habe ich nicht mehr das Gefühl, irgendetwas tun zu müssen. Ich will wieder kämpfen. Diese Faszination für den Sport ist zurück.

Erklären Sie das mal.

Früher saß ich in meinem Kinderzimmer in Tenever und habe Youtube-Videos der großen Kämpfe geschaut. Ich habe die schnellen Bewegungen der Boxer im Ring gesehen und gedacht, das muss Zauberei sein. Ich wollte auch zaubern können. Eine Zeit lang war diese Begeisterung weg. Jetzt ist sie wieder da.

Was wollen Sie erreichen?

Ich will Weltmeister werden. Irgendwann. Sonst hätte ich nicht Profi werden müssen. Das ist das große Ziel, aber bis dahin warten noch viele Etappen.

Ihren ersten Profikampf haben Sie im Juli gewonnen.

Danach hat es sich angefühlt, als würden 10.000 Tonnen von meinen Schultern fallen. Das war pures Glück.

Das Gespräch führte Nico Schnurr.

Info

Zur Person

Artur Henrik (22) ist Profiboxer. Er steht bei SES Boxing unter Vertrag. Henrik kommt aus Bremen, er ist in Osterholz-Tenever aufgewachsen. Lange war er unter seinem bürgerlichen Namen Artur Ohanyan-Beck bekannt. Zu Ehren seines Vaters Henrik Ohanyan hat er dessen Vornamen angenommen. Er nennt sich nun Artur Henrik. Henrik ist vierfacher Deutscher Meister im Mittelgewicht und war Teil der Nationalmannschaft.

Info

Zur Sache

Das Schattenboxen hat ein Ende

In der Corona-Krise war Boxen in Bremen erst verboten und dann nur unten strengen Auflagen erlaubt. „Das war Schattenboxen“, sagt Marco Blome vom Bremer Boxverband, „jeder hat für sich trainiert, viel mehr als Fitnessübungen war lange nicht drin.“ Inzwischen ist Sparring wieder möglich, es darf unter wettkampfsnahen Bedingungen trainiert werden. Wettkämpfe waren in diesem Jahr für die laut Verband etwa 40 aktiven Bremer Amateurboxer bislang allerdings noch nicht möglich.

Blome, der auch Vorstand beim Weser Boxring Bremerhaven ist, will das nun ändern. Am 29. August veranstaltet er in der Bremerhavener Walter-Kolb-Halle nach eigenen Angaben deutschlandweit die erste größere Boxveranstaltung im Amateurbereich seit Beginn der Pandemie. Mindestens zehn Kämpfe sind geplant, bis zu 200 Zuschauer dürfen dabei sein. Es gibt noch Tickets.

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