Interview zum Missbrauch in der Kirche

Bremer Propst: "Das Zölibat ist nicht in Stein gemeißelt"

Nach Bekanntwerden der neuen Studie zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche wird auch über das Zölibat diskutiert. Die Regeln für Priester sind veränderbar, sagt der Bremer Propst Martin Schomaker.
26.09.2018, 20:07
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
Bremer Propst:
Von Sara Sundermann
Bremer Propst: "Das Zölibat ist nicht in Stein gemeißelt"

Die Regeln für Priester sind veränderbar, sagt der Bremer Propst Martin Schomaker.

Christina Kuhaupt

Herr Schomaker, wie geht es Ihnen mit der Studie im Auftrag der Bischofskonferenz, die bundesweit mehr als 3600 Missbrauchsfälle benennt?

Martin Schomaker: Das Thema Missbrauch beschäftigt uns schon länger, im Grunde schon seit den 90er-Jahren, ganz stark dann seit 2010, als Missbrauchsskandale im Umfeld der Kirche stark Thema wurden. Schon 2010 hat mich die Wucht der Missbrauchsfälle irritiert, auch jetzt ist es wieder erschreckend, dass es so viele Opfer gibt. Jedes einzelne Opfer ist eines zu viel. Es geht eben nicht um Einzelfälle – das macht mich wütend und traurig.

Und man muss ja davon ausgehen – das betonen auch die Autoren der Studie – dass diese Zahlen nur einen Teil der real existierenden Fälle benennen...

Ja, wir haben jetzt erstmals überhaupt empirisches Material, was es ja vorher so nicht gab. Und ich bin froh, dass eine große Bereitschaft da ist, zu diesem Thema weiter zu arbeiten. Wir müssen keine Angst vor der Wahrheit haben, und dann ist es unsere Aufgabe als Kirche, damit umzugehen.

Dass die Kirche eine Studie zu Missbrauch beauftragt, kann man als Wendepunkt sehen. Zugleich wird die Studie als viel zu oberflächlich kritisiert: Forscher hatten selbst keine Akteneinsicht, Namen von Beschuldigten werden nicht genannt, es wird nicht gesagt, wo Missbrauch stattfand. Sie sprechen es selbst an – reicht so eine Studie aus?

Im Bistum Osnabrück war die Bereitschaft da, dass Externe die Akten hätten sichten können. Wir haben da nichts zu verstecken. Die Studie ist ein Einstieg, ich kann mir Folgestudien gut vorstellen. Wir haben uns nach 2010 als Bremer Gemeinden bemüht, Opfer von Missbrauch anzusprechen und darauf hinzuweisen, dass sie sich melden können. Damals haben wir zum Beispiel Aushänge gemacht, auf denen wir Anlaufstellen benannt haben. Auch jetzt wollen wir erneut dazu aufrufen, dass Opfer sich melden können.

Lesen Sie auch

Opfer, die sich in der Vergangenheit getraut haben, ihre Geschichte zu erzählen, haben oft erlebt, dass in der Kirche der Fall unter der Decke gehalten wurde. Beschuldigte Priester wurden versetzt, Staatsanwälte oft gar nicht oder erst spät eingeschaltet. Wie sieht es heute in Bremen damit aus?

Wir wollen heute vor allem auf externe Anlaufstellen für Opfer setzen und der Versuchung widerstehen, das intern zu regeln. Das Bistum Osnabrück, zu dem der Großteil der katholischen Gemeinden in Bremen gehört, hat zwei von der Kirche unabhängige Ansprechpersonen benannt, eine Frauenärztin und einen ehemaligen Richter. Auch hier in Bremen empfehlen wir Betroffenen, sich an externe Beratungsstellen wie zum Beispiel Schattenriss oder dem Jungenbüro zu wenden. Wir haben aber auch kirchliche Anlaufstellen.

Oft melden sich Betroffene erst viele Jahre später. Ein Sprecher des Bistums Osnabrück hat angekündigt, auch Altfälle nun an die Staatsanwaltschaft weiterzuleiten. Gilt das auch für Bremen?

Es muss heute anders laufen als früher. Wir geben Missbrauchsfälle, die bei uns bekannt werden, an die Staatsanwaltschaft. Wir wollen Transparenz, und wir wollen die Staatsanwaltschaft möglichst schnell einschalten. Es ist immer besser, sie einmal mehr einzuschalten als einmal zu wenig.

Welche Bremer Fälle sind Ihnen bekannt?

Bekannt ist der Fall eines Priesters, der in den 70er- und 80er-Jahren in Walle und Tenever als Geistlicher gearbeitet hat und der des Missbrauchs an einem Jungen und mehreren Mädchen beschuldigt wurde. Außerdem hat sich 2010 eine Frau bei uns aus dem Ausland gemeldet. Sie war schon betagt und berichtete vom unkorrekten Verhalten eines Priesters, der in den 40er-Jahren in Bremen arbeitete. Was genauer das bedeutet, wollte sie nicht schildern. Das habe ich respektiert – die Opfer bestimmen, was sie sagen wollen.

Was bekommen Sie aus den katholischen Gemeinden in Bremen mit – beschäftigt das Thema Missbrauch die Bremer Katholiken?

Wir sind eine kleine Gemeinschaft der Glaubenden in Bremen, eine Kirche aus 129 Nationen, das macht unsere Kirche hier aus. Ich glaube, dass es in den Gemeinden überall eine Ratlosigkeit und ein Erschrecken gibt, dass aber auch gleichzeitig eine Zuversicht da ist: Wir gehen das Ganze jetzt an. Es ist jetzt unsere Aufgabe, die Realität wahrzunehmen und dann zu gucken, was der Weg der Kirche für die Zukunft sein kann. Auch in meiner Predigt vor zwei Wochen habe ich das Thema Kindesmissbrauch angesprochen.

Lesen Sie auch

Worum ging es in Ihrer Predigt?

Ich habe darüber gesprochen, dass Jesus ein Kind in die Mitte stellt. Das ist zentrales biblisches Motiv: Im Zentrum der Gemeinde steht nichts Äußerliches, sondern ein schutzbedürftiges Kind. Die zentrale Aussage ist: Wo ein Kind in der Mitte ist, da ist Gott gegenwärtig. Wir müssen in der Debatte um Missbrauch klar die Opferperspektive einnehmen und nicht darauf gucken, wie wir dastehen, sondern darauf, was die Betroffenen brauchen.

Die Autoren der Missbrauchsstudie stellen auch Eckpfeiler der Kirche in Frage – zum Beispiel das Zölibat. Wie stehen Sie dazu: Ist es richtig, am Zölibat für Priester festzuhalten?

Das Zölibat ist eine Lebensform, die die Kirche geschaffen hat. Das war nicht immer so: In früheren Jahrhunderten hat es das auch gegeben, dass Priester nicht zölibatär leben mussten. Es gibt auch heute Erfahrungen mit verheirateten Priestern, die griechisch-katholischen Priester dürfen verheiratet sein. Regeln für Priester können verändert werden.

Und Sie befürworten eine solche Veränderung?

Es wird bestimmt immer zölibatäre Lebensformen geben, zum Beispiel in katholischen Orden. Aber die Frage ist, ob das Zölibat für Priester gelten muss. Ich persönlich habe dieses Versprechen vor 30 Jahren in Freiheit gegeben und lebe das. Aber es gibt andere, die nicht Priester werden wollten, weil sie gerne heiraten wollten. Ich persönlich kann mir vorstellen, dass die Kirche die Regeln für Priester verändert: Das Zölibat ist nicht in Stein gemeißelt. Es braucht eine Debatte ohne Denkverbote und Ängste, um das Thema zu klären.

Nicht nur das Zölibat wird im Zuge der Missbrauchsdebatte infrage gestellt, auch der Umgang mit Sexualität, mit Frauen auf der Kanzel, mit Homosexualität. Braucht die Kirche als Institution eine Kur?

Es hat sich schon einiges verändert. Die Zahl der Priester ist zum Beispiel in den vergangenen Jahren gesunken. Als ich meine Ausbildung begann, waren Priester in der Mehrheit, heute sind sie in unseren Gemeinden in der Minderheit, dafür sind immer mehr pastorale Mitarbeiter hinzugekommen. Es gibt immer mehr Kirchenbeschäftigte, und zwar gut ausgebildete Theologen auch in leitenden Funktionen, die verheiratet sein können, und es gibt auch Frauen.

Also sterben die Priester langsam aus, und mehr Vielfalt wird bei der Kirche durch die Hintertür eingeführt?

Die Priester sterben sicherlich nicht aus, hoffe ich. Und dass es mehr Vielfalt gibt, geschieht nicht heimlich oder illegal.

Aber um mehr pastorale Mitarbeiter einzustellen, braucht man die Regeln für das Priesteramt nicht anzutasten . . .

Wir diskutieren heute in unseren Konferenzen in bunteren Teams über Konzepte, mit Frauen und Männern, Verheirateten und Unverheirateten. Es gibt da eine große Vielfalt, das ist aus meiner Sicht eine Bereicherung. Das ist sicherlich eine Relativierung des Priesteramtes. Es ist gut, das Priesteramt ein Stück weit vom Sockel zu holen.

Das Gespräch führte Sara Sundermann.

Info

Zur Person

Martin Schomaker ist seit 2008 Propst der katholischen St.-Johann-Gemeinde im Schnoor, Leiter des Katholischen Gemeindeverbands in Bremen und zentraler Ansprechpartner bei politischen Themen für Katholiken in der ganzen Stadt.

Info

Zur Sache

Anlaufstellen zum Thema sexueller Missbrauch in Bremen

Der Katholische Gemeindeverband Bremen ruft dazu auf, sich bei Verdachtsfällen von Missbrauch zu melden und benennt Hilfseinrichtungen in Bremen: Betroffene könnten sich zum Beispiel an das Bremer Jungenbüro wenden (Telefon 59 86 51 60), an die Beratungsstelle Schattenriss (Telefon 617 18) oder an das Kinderschutzzentrum Bremen (Telefon 24 01 12 20). Auch eigene Anlaufstellen der katholischen Kirche seien dafür ansprechbar. Dazu gehören die Beratungsstelle Offene Tür Bremen im Schnoor (Telefon 32 42 72) und das Atrium Kirche Citypastoral (Telefon 369 43 00). Beratung für Männer, die in Beziehungen Gewalt ausüben und das nicht länger wollen, gibt es beim Verein Männer gegen Männer (Telefon 303 94 22). Männer, die Gewalt erfahren haben, können sich ebenso wie Männer, die Gewalt selbst ausüben, an das Männertherapiezentrum MTZ in Bremen wenden (Telefon 557 77 88).

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+