Vonovia überlässt Standort der Wohnungshilfe

Bremer Reihersiedlung bleibt erhalten

Die Bewohner der Reihersiedlung in Oslebshausen können aufatmen: Die Eigentümerin Vonovia SE hat die Siedlung dem Verein Wohnungshilfe zu einem symbolischen Preis überlassen.
29.05.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Bremer Reihersiedlung bleibt erhalten
Von Silke Hellwig
Bremer Reihersiedlung bleibt erhalten

Die Bewohner der Reihersiedlung in Oslebshausen können bleiben: Die Vonovia hat die Schlichtwohnungen dem Verein Wohnungshilfe überlassen.

Frank Thomas Koch

Die Bewohner der Reihersiedlung in Oslebshausen können aufatmen: Die Eigentümerin Vonovia SE hat die Siedlung dem Verein Wohnungshilfe zu einem symbolischen Preis überlassen.

Ein Brief hat Michaela Fechter glücklich gemacht. Darin wurde ihr am Freitag mitgeteilt, dass die Schlichtwohnungen der Reihersiedlung in Oslebshausen erhalten bleiben. Die Vonovia SE hat sie dem Verein Wohnungshilfe überlassen, zu einem symbolischen Preis. Nachdem die Formalitäten erledigt sind, soll ein Konzept erarbeitet werden, aus dem hervorgeht, wie der Standard der Wohnungen angemessen angehoben und die Siedlung wiederbelebt werden können.

Michaela Fechter ist in der unmittelbaren Nachbarschaft groß geworden, seit 1985 lebt sie in der Siedlung. „Das ist echt klasse. Mir fällt eine Last vom Herzen“, sagt sie, „jetzt habe ich eine Sorge weniger“. Die Sorge, ausziehen zu müssen, trieb auch die anderen Bewohner um: Bei einigen von ihnen handelt es sich um Menschen, die es auf dem Wohnungsmarkt schwer haben. Das kann – wie bei Michaela Fechter – der Miethöhe und ihrem Hund „Carlo“ geschuldet sein. Andere Mieter sind Einzelgänger, manche zuvor in anderen Wohnformen angeeckt.

Wohnungen werden mit Öfen geheizt

Bislang schien ein Abriss aus architektonischer Sicht eine plausible Option – die rund 200 Schlichtwohnungen machen ihrem Namen alle Ehre: Sie wurden in den 1920er- beziehungsweise in den 1950er-Jahren quasi auf die Schnelle für Menschen in Notsituationen gebaut und waren nicht für die Ewigkeit gedacht. Sie werden bis heute mit Öfen geheizt, manche haben kein Warmwasser, rund 80 Prozent sind seit Jahren unbewohnt und verrotten offensichtlich. Wer durch die Reihersiedlung spaziert, stößt auf verkohlte Balken, eingeschlagene Fenster, notdürftig reparierte Türen, Unkraut und Müll. Aber es gibt auch Gemüsebeete hinter einem Flachbau sowie blaue und gelbe Stiefmütterchen in einem winzigen Vorgarten.

Die Leiterin des Ortsamts West, Ulrike Pala, und Dieter Adam, Beiratssprecher in Gröpelingen, äußern sich zurückhaltend zur Übernahme der Siedlung. „Wenn der Verein Wohnungshilfe dort Menschen unterbringt, die nicht anderweitig unterzubringen sind“, sagt Adam, „könnte ein Problemgebiet entstehen, inmitten eines sehr stabilen Umfelds“. Die Anwohner wissen, was das heißt: 2013 setzten sich Nachbarn mit einer Petition gegen die Zustände in der Siedlung zur Wehr. 141 Unterstützer schlossen sich an. „Die Anwohner wurden früher sehr belastet, mittlerweile ist es dort aber ruhig“, sagt Ulrike Pala.

Beirat stellte sich gegen Erhalt der Reihersiedlung

Dennoch bleibe eine gewisse Sorge, dass sich in Gröpelingen quasi mehr eher schwierige Menschen konzentrierten als dem Stadtteil gut tun könne. Der Beirat habe sich deshalb gegen den Erhalt der Reihersiedlung gestellt. Nach den Ferien werde sich der zuständige Beiratsausschuss mit dem Verein zusammensetzen und über die Zukunft der Siedlung beraten. Ihr sei allerdings bekannt, sagt die Ortsamtsleiterin, dass der Verein Wohnungshilfe in Gröpelingen schon einige Wohnungen verwalte, ohne dass es je zu Auffälligkeiten gekommen sei.

Christina Vogelsang kennt die Siedlungen und einige ihrer Bewohner. Sie ist sachkundige Bürgerin für die Grünen im Bauausschuss des Beirats Gröpelingen. „Ich freue mich für die Bewohner der Reihersiedlung“, sagt sie, „und ich bin gespannt auf das Konzept.“ Selbst wenn womöglich einige der Bewohner aus Walle und Sebaldsbrück die Siedlung wechseln könnten – es bleibe der Wunsch, alle 200 Schlichtwohnungen zu erhalten und mit einfachen Mitteln zu sanieren. Bedarf sei da. Auch die Bürgerschaftsfraktion der Linken brachte in die jüngste Stadtbürgerschaftssitzung einen Antrag zum Erhalt ein. Die Beiräte in Walle und Sebaldsbrück unterstützen den Vorstoß ebenfalls.

"Das Sozialressort muss dafür sorgen, dass auch diese Bürger Bremens irgendwo unterkommen"

„Eigentum verpflichtet“, sagt Jörn Hermening, Ortsamtsleiter in Hemelingen. „Es gibt teilweise langjährige Vertragsverhältnisse mit Mietern, die zu erfüllen sind.“ Die Versäumnisse lägen sicher nicht bei ihnen: Die Bremische habe jahrelang vermutlich gut an den Siedlungen verdient, aber so gut wie nichts investiert. Auf politischer Ebene habe sich niemand ernsthaft um die Zustände und Bewohner gekümmert. Er selbst habe mehrere Ortstermine miterlebt, bei denen unisono festgestellt worden sei: „Da muss etwas getan werden“ – ohne jede Konsequenz.

Die Bewohner an der Holsteiner Straße luden am Sonnabend zum Nachbarschaftsfest, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Wolfgang Golinski, Beiratssprecher aus Walle, ist selbst vis-à-vis der Siedlung groß geworden, „und ich kann nur Positives darüber sagen“. Ihm sei es wichtig, dass diese Stadt auch Menschen Wohnraum biete, die im Geschosswohnungsbau auf Probleme stoßen könnten. „Das Sozialressort muss dafür sorgen, dass auch diese Bürger Bremens irgendwo unterkommen.“ Es sei keine Alternative, sie teuer in Hotels einzuquartieren oder sie sich auf der Straße selbst zu überlassen.

Aktionsbündnis unterstützt die Bewohner

„Ich hoffe, dass man in der Baudeputation, die sich jetzt mit dem Thema befasst, irgendeinen Weg findet und den Menschen hilft.“ Auch das Aktionsbündnis Menschenrecht auf Wohnen unterstützt die Bewohner der anderen beiden Siedlungen. „Es ist äußerst positiv, wenn die Reihersiedlung saniert wird, gar keine Frage, aber das kann nur ein Anfang sein“, stellt Bertold Reetz fest, Bereichsleiter der Wohnungslosenhilfe bei der Inneren Mission. „Wir kennen viele wohnungslose Menschen, die man nur in solchen Sonderwohnformen unterbringen kann. Und es werden nicht weniger, sondern eher mehr.“ Der eigentliche Skandal der Schlichtbausiedlungen sei der immens hohe Leerstand, der schon Jahre andauere. Die Bremische und auch die Stadt hätten versäumt, sich früh zu kümmern.

Ein Vorwurf, den Bernd Schneider nicht auf dem Sozialressort sitzen lassen will. Zum einen sei das Ressort, so der Sprecher, maßgeblich an den Verhandlungen um die Lösung für die Reihersiedlung beteiligt gewesen. Zudem hätten bislang die unhaltbaren Zustände in den Siedlungen im Vordergrund gestanden, die vor dem Erhalt nun offenbar zurückgetreten seien. Ähnlich argumentiert Nina Henckel, Sprecherin der Vonovia. Der größte Teil der Wohnungen sei weder zumutbar noch sanierungsfähig. Zudem sei an die Vonovia der Wunsch der Stadt herangetragen worden, neue Wohnungen zu planen. „Wir wollen doppelt so viele Wohnungen bauen wie bisher dort sind. Klares Ziel ist es, hier Familien bezahlbare Mieten zu bieten“, so Nina Henckel. Aufgrund der Größe komme das „Bremer Modell“ zum Tragen, wonach ein Viertel der Wohnungen öffentlich gefördert und mit Mietpreis- und Belegungsbindung belegt wird.

Bewohner sind "eine enge Gemeinschaft"

Simone Helber lebt mit ihrem Mann seit 1999 in der Siedlung in Sebaldsbrück, mit sieben Kindern. Die Beschwerlichkeiten ihrer Wohnung nimmt sie in Kauf: Helbers können sich die Miete leisten und sind nicht auf staatliche Unterstützung angewiesen. „Das ist mir wichtig“, sagt Simone Helber. Obendrein möchten sie und ihr Mann, dass die Kinder nicht aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen werden. Zwischen den verbliebenen Bewohnern bestehe eine enge Gemeinschaft, die man ebenfalls nicht missen möge. „Die Angst, dass wir wegmüssen, geht mir ganz schön an die Nerven“, sagt Simone Helber. Schon allein deshalb sei sie kompromissbereit.

Ihr sei klar, dass es den Mietern schwer falle, ihre Wohnungen aufzugeben, sagt Nina Henckel. „Wir wollen den Mietern entgegen kommen und dabei behilflich sein, eine neue, angemessene Wohnung zu finden.“ Auch eine juristische Auseinandersetzung will die Vonovia vermeiden. Nina Henckel sagt: „Wir brechen nichts übers Knie. Uns liegt sehr an einer gemeinsamen Lösung.“ Familie Helber kann sich vorstellen, in einen der geplanten Neubauten zu ziehen – mit ihren jetzigen Nachbarn, wenn möglich. „Dafür würden wir für ein Jahr ausziehen, das ist doch gar keine Frage.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+