Öffentlicher Nahverkehr in Bremen

Busunternehmer bieten BSAG Hilfe während Corona-Pandemie an

Zu den Stoßzeiten im Berufs- und Schulverkehr fehlt es in Bussen und Bahnen an Platz. Private Busunternehmer bieten der Bremer Straßenbahn AG ihre Hilfe an, um den Nahverkehr zu entzerren.
09.11.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Busunternehmer bieten BSAG Hilfe während Corona-Pandemie an
Von Pascal Faltermann
Busunternehmer bieten BSAG Hilfe während Corona-Pandemie an

Busunternehmer Jörn Frenzel hat 21 Fahrzeuge auf dem Hof stehen, mit denen er die Bremer Straßenbahn AG unterstützen könnte.

Frank Thomas Koch

Die Corona-Pandemie hat die Reisebusbranche stark in Mitleidenschaft gezogen. Zahlreiche Busse stehen auf den Betriebsgeländen still, Fahrer befinden sich in Kurzarbeit und die Auftragslage geht gegen null. In dieser Krisensituation bieten mehrere lokale Busunternehmen der Verkehrsbehörde und der Bremer Straßenbahn AG (BSAG) ihre Unterstützung an. „Ich habe 21 Reisebusse auf dem Hof stehen“, sagt Jörn Frenzel, Inhaber von Frenzel-Reisen. „Wenn jemand bei uns klingelt, dann helfen wir gerne.“

Weil es zu den Stoßzeiten im Berufs- und Schulverkehr zu überfüllten Bussen und dichtem Gedränge an den Haltestellen kommt, hatten die CDU- und die FDP-Fraktion gefordert, private Busunternehmen einzusetzen. Auch Christoph Spehr, Landeschef der Linken, hatte in der Verkehrsdeputation am Donnerstag angeregt, die möglichen „Spielräume auszunutzen“, um den Nahverkehr zu entzerren. „Das Nachdenken darf nicht aufhören“, sagte Spehr.

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Behörde und BSAG erteilten den Vorstößen eine Absage. Was Fahrer und Fahrzeuge angeht, sei die BSAG an der Kapazitätsgrenze. Bei den Reisebussen fehle es aber an Ticketautomaten, an Einrichtungen für die Ampelsteuerung und Barrierefreiheit.

Private Busunternehmen sehen dagegen Möglichkeiten, mit Fahrzeugen und Personal einspringen. „Möglich ist alles, wenn man will“, sagt Frenzel. Die genannten Einwände könne er entkräften, so der Busunternehmer. Er besitze vier barrierefreie Busse – Rollstuhlfahrer könnten über eine Hebebühne ins Fahrzeug gelangen. Die Gänge in Reisebussen seien zwar schmaler als in den Linienfahrzeugen der BSAG und hätten auch keine Stehplätze. Allerdings, so Frenzel, habe er Doppeldecker, in denen es wesentlich mehr Sitze gebe. „Ein Linienbus hat etwa 20 Sitz- und 60 Stehplätze, ein Doppeldecker hingegen 80 Sitzplätze, von denen nicht alle besetzt werden müssen, um Abstand zu wahren.“

„Wir könnten heute noch losfahren“

In den Reisebussen gebe es zwar keine Ampelschaltung, doch sie sei auf typischen Strecken des Berufsverkehrs wie zum Güterverkehrszentrum (GVZ), zum Mercedes-Benz Werk oder in den Industriepark (Stahlwerke) nicht dringend notwendig. Statt Tickets könnten Betriebs- oder Schülerausweise vorgezeigt werden. Das funktioniere beim Schienenersatzverkehr für die Deutsche Bahn auch, so Frenzel.

Ähnlich sieht es Reinhold Neuhaus, Inhaber von Neuhaus Reisen. Er besitzt fünf Busse, die gerade nicht unterwegs sind. Alle seien neu, der älteste von 2017, einer barrierefrei. Zudem seien alle Busse mit modernen Lüftungsanlagen und Filtern ausgestattet, die die gesamte Luft in drei Minuten komplett austauschen. „Wir könnten heute noch losfahren“, sagt Neuhaus. Er habe seine Fahrzeuge im Gegensatz zu anderen Unternehmen nicht abgemeldet, weil die Versicherungen das nicht mitmachten. Seine fünf Fahrer seien in Kurzarbeit.

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„Wir könnten zu einer Entzerrung beitragen“, sagt Neuhaus. Doch die Politik unternehme nichts und lasse die Busunternehmen hängen. Neuhaus hat von vielen Kollegen gehört, dass es ihnen ähnlich geht. Das bestätigt auch die Nachfrage beim Reisedienst von Rahden aus Schwanewede, dort sind die Busse ebenfalls ungenutzt.

Der Infektionsschutz im ÖPNV beschäftigt zunehmend auch die Politik. Verkehrssenatorin Maike Schaefer (Grüne) und Andreas Busch, Chefplaner bei der BSAG, betonen, dass man alles an Wagenmaterial auf der Straße habe, der Fahrplan flexibel an das Aufkommen angepasst werde und die Reinigungsintervalle erhöht worden seien.

Andernorts schon eingesetzt

„Das Ressort hat für jede Lösung mindestens drei Probleme“, sagt Heiko Strohmann, Verkehrspolitiker der CDU. Er kündigt einen Dringlichkeitsantrag für die Stadtbürgerschaft an, in dem der Senat aufgefordert wird, zusätzliche Fahrzeuge für den ÖPNV kurz- und langfristig bereitzustellen. Dafür solle „unverzüglich“ mit Linien- und Reisebusunternehmen Kontakt aufgenommen werden, um über eine Anmietung dort vorhandener Fahrzeugflotten zu verhandeln.

Dass Reisebusse eingesetzt werden können, zeigen andere Städte und Landkreise: In Harburg fahren im Schülerverkehr zusätzlich sechs Reisebusse, im Landkreis Stade sind ebenfalls sechs Fahrzeuge seit den Herbstferien unterwegs.

Auch eine Anfrage der SPD-Fraktion liegt vor: Falk Wagner will vom Senat wissen, in welchem Umfang die Taktzeiten der Busse und Bahnen erhöht werden. Und: „Wir wollen prüfen lassen, wie Mehrkosten im Nahverkehr über den Bremen-Fonds finanziert werden können“, sagt Wagner. Ziel müsse es sein, nicht nur zeitweise Maßnahmen zu ergreifen, sondern den ÖPNV nachhaltig zu entwickeln.

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