Bremer Reservist Uwe Buschmann im Interview

"Ich würde noch einmal hingehen"

Nach zwei Jahrzehnten Einsatz läuft nun der Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan. Wir sprachen mit einem Bremer Unteroffizier, der bei einem der ersten Kontingente dabei war und sich nun um das Land sorgt.
14.06.2021, 14:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Joerg Helge Wagner
"Ich würde noch einmal hingehen"

Ein Scharfschütze des Kommando Spezialkräfte (KSK) sichert das Gelände beim Bundeswehr-Camp Marmal in Masar-i-Scharif, Nordafghanistan.

-/Bundeswehr/dpa

Herr Buschmann, wie viele Afghanistan-Einsätze haben Sie absolviert?

Uwe Buschmann: Einen, von April bis Juli 2003 im 3. Einsatzkontingent.

Und was haben Sie vor Ort überwiegend getan?

Ich war in Kabul in einer Betreuungseinrichtung eingesetzt. Eine Kaffeebar mit Billardtisch, Fernseher, Tischkicker und so weiter. Das war auch für Kameraden anderer Nationen offen, mit denen kam man da gut ins Gespräch.

Das klingt recht entspannt, nicht unbedingt nach Kriegseinsatz.

Nein, das ist eher der notwendige Ruhepol zum Ausgleich für den Einsatz. Nur ein kleiner Teil des Kontingents bestand ja aus Kampftruppen, der weitaus größere Teil hat die Unterstützungsleistungen erbracht. Aber auch da darf keine Langeweile, kein Lagerkoller aufkommen.

Afghanistan-Veteran Uwe Buschmann

War 2003 mit der Bundeswehr im Afghanistan-Einsatz: Veteran Uwe Buschmann.

Foto: Frank Thomas Koch

Hatten Sie den Eindruck, für den Einsatz gut ausgebildet und ausgerüstet zu sein?

Ja, die Ausbildung war gut: mehrere Lehrgänge über mehrere Wochen. Da ging es um Länderkunde, zivil-militärische Zusammenarbeit, Kraftfahrausbildung, Schießausbildung - ein sehr breites Spektrum.

Die Bundeswehr ist also nicht unvorbereitet in den Einsatz gestolpert?

Nein, sie hatte ja auch schon sehr viel Erfahrung in Auslandseinsätzen gesammelt, etwa in Bosnien, im Kosovo. Landesspezifische Erfahrungen in Afghanistan hatte man 2003 allerdings noch nicht so viele. Die klimatischen Verhältnisse etwa sind ganz anders als auf dem Balkan, eher vielleicht mit Somalia zu vergleichen. Aber dieser Einsatz lag ja auch schon zehn Jahre zurück. Und später hat man vieles in Afghanistan angepasst, bis hin zur Lackierung der Fahrzeuge.

Hatten Sie auch Kontakt zur afghanischen Bevölkerung?

Ja. Durch die vielen Kontakte zu anderen Kompanien und zu anderen Nationen konnte ich mit denen auch immer wieder rausfahren. Etwa mit den Fernmeldern oder mit dem Cimic-Zug.

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Was ist das?

Das ist die zivil-militärische Zusammenarbeit, sie ist quasi der Kernbereich unseres Auftrags gewesen. Der afghanischen Bevölkerung sollte damit eine Initialzündung für den Wiederaufbau und das eigene Überleben gegeben werden. Das lief mit ganz einfachen Mitteln, auch über Jobs im Feldlager. Die waren sehr begehrt. Es ging aber auch darum, deutsche Unternehmen wieder anzusiedeln, die bereits in den 70er Jahren in Afghanistan vertreten waren.

Hatten Sie damals den Eindruck, dass die deutschen Soldaten willkommen waren?

Ja, absolut. Das war schon auffällig, aber es hatte ja auch schon sehr lange gute Beziehungen zwischen Deutschland und den afghanischen Vorgänger-Staaten gegeben. Das war auch für mich ein Grund mehr, mich persönlich zu engagieren.

Aber im Laufe der Jahre ist die Stimmung ja dann doch gekippt. Können Sie sich vorstellen, warum das so kam?

Ich kann nur beurteilen, wie es 2003 in Kabul war, und da waren wir sehr willkommen. Es gab nur einzelne, die uns argwöhnisch gegenüber traten, aber die haben uns das Leben dann auch schwer gemacht.

Gab es Situationen, die Sie als bedrohlich empfunden haben?

Ja. Einmal ist ein Kamerad mit seinem Geländewagen auf eine Panzerabwehrmine gefahren. Die war an einem Regentag vorher von einem Abhang gespült worden. Er ist dabei getötet worden. Ich kannte ihn sehr gut, wir hatten in der Betreuungseinrichtung immer zusammen Schach gespielt. Sein Tod war ein tiefer Einschnitt für mich.

Wie alt war er?

Ich weiß es nicht mehr genau, Anfang 20. Eine Woche später gab es dann den ersten geplanten Anschlag gegen die Bundeswehr, bei dem vier Soldaten gefallen sind. Das ist jetzt ziemlich genau 18 Jahre her.

Der Anschlag auf den ungepanzerten Bus zum Flughafen?

Genau. Die waren gerade auf dem Weg nach Hause. Morgens um 8 Uhr gab es einen großen Knall - wir haben uns erst einmal nichts dabei gedacht, denn die Pioniere haben ja täglich Fundmunition gesprengt. Es war dann leider anders.

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Was haben Sie gefühlt?

Später sind wir ja auf dem Heimweg an derselben Stelle vorbeigefahren, da habe ich schon den Atem angehalten und gehofft, dass es nicht erneut passiert.

In zwei Leserbriefen haben Sie Jahre später beklagt, dass hier die Anteilnahme angesichts von Verwundeten und Gefallenen nicht besonders groß war. Wie war es denn nach Ihrer Rückkehr mit Verwandten und Freunden? Haben die sich für Ihre Erlebnisse und Eindrücke interessiert?

Im persönlichen Umfeld schon. Die wollten wissen, wie es war - und man braucht selber erst einmal eine Zeit, um die Eindrücke sacken zu lassen. Die Leserbriefe bezogen sich eher auf die allgemeine Haltung in deutschen Bevölkerung. Die Bundeswehr und damit auch ihre Einsätze sind nicht präsent. Das berühmte Wort vom "freundlichen Desinteresse" trifft es schon. Der Tod wird als Berufsrisiko abgetan.

Das trifft es allerdings auch, bei Soldaten.

Ja, aber hinter jedem Gefallenen steht eine Familie. Da sind Eltern, vielleicht auch Ehepartner oder sogar Kinder, die plötzlich keinen Vater oder keine Mutter mehr haben. Und denen fällt es dann besonders schwer, mit freundlichem Desinteresse daran umzugehen.

Gab es in Ihrem Einsatz etwas, das Sie besonders positiv in Erinnerung haben? Etwas, worauf Sie vielleicht auch stolz sind?

Eher Kleinigkeiten. Wir hatten zwei afghanische Helfer in der Betreuungseinrichtung, von denen habe ich zum Abschied ein kleines Geschenk erhalten: eine Kette mit einem christlichen Kreuz. Etwas, das ich in einem streng muslimischen Land überhaupt nicht erwartet hätte. Diese Geste fand ich richtig klasse.

Und sonst?

Der internationale Zusammenhalt in der ISAF-Truppe. Ich hätte mir nie erträumt, dass das so gut klappt. Da hat man sehr viel mitbekommen, das waren sehr positive Erfahrungen, die ich um nichts mehr missen möchte.

Mit welchen Gefühlen schauen Sie heute auf den Truppenabzug?

Das macht mich sehr traurig, denn das Land hatte ja Fortschritte gemacht - teils sehr große, teils eher kleine. Ich befürchte, dass die zum Stillstand kommen und dann vermutlich zu Rückschritten werden. Das betrifft vor allem die Frauen, aber auch die Hilfsorganisationen, die immer noch vor Ort sind.

Erst am Mittwoch wurden zehn zivile Minenräumer ermordet – in der Provinz in Baghlan, welche die Bundeswehr stabilisieren sollte. War alles vergebens?

Zumindest haben die zivilen Organisationen lange vom Schutz durch die alliierten Soldaten profitiert. Die negative Entwicklung der letzten Zeit hatte sicher nicht in erster Linie militärische Ursachen.

In Lebensgefahr schweben nun auch die afghanischen Helfer der Bundeswehr. Sollte man denen eine dauerhafte Bleibe hier in Deutschland anbieten?

Das kommt sicher auf den Einzelfall an. Idealerweise gäbe es für diese Menschen vor Ort in Afghanistan eine soziale Absicherung wie für Zivilbedienstete in Deutschland.

Hypothetisch gefragt: Wenn der Einsatz doch fortgesetzt würde, weil das Land eben noch nicht befriedet, der Job noch nicht erledigt ist - würden Sie sich für einen weiteren Einsatz melden?

Wenn man in Afghanistan war, klebt das für immer an einem dran, man verliert nie das Interesse daran. Und deshalb würde ich auch noch einmal dort hingehen, ja.

Und Ihr privates Umfeld würde das mittragen?

Ich würde es auf jeden Fall viel früher in die Entscheidung mit einbinden als beim ersten Mal. Da fließen jetzt ja auch weitere 18 Jahre Lebenserfahrung ein.

Das Gespräch führte Joerg Helge Wagner.

Zur Person

Uwe Buschmann

wurde 1979 in Bremen geboren. Hier absolvierte er auch seinen Wehrdienst hier beim Verteidigungsbezirkskommando. Im Zivilleben arbeitet der Stabsunteroffizier der Reserve bei einem globalen Tickethändler im Hardware-Management.

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