Neue Verdienstmöglichkeiten erschließen

Bremer Schausteller setzen auf neue Märkte

Bremen. Der Deutsche Schaustellerbund schlägt Alarm. Ein „Volksfeststerben“ greife im ganzen Land um sich. Um die Zunft zu retten, sollten Volksfeste zum Unesco-Weltkulturerbe erhoben werden, fordert der Verband. In Bremen beurteilt die Branche die Situation gelassener.
23.03.2010, 12:59
Lesedauer: 3 Min
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Von Sebastian Manz

Bremen. Der Deutsche Schaustellerbund schlägt Alarm. Ein „Volksfeststerben“ greife im ganzen Land um sich und bedrohe die Existenz Tausender Schausteller. Um die Zunft zu retten, sollten Volksfeste zum Unesco-Weltkulturerbe erhoben werden, fordert der Verband. In Bremen beurteilt die Branche die Situation gelassener.

Die großen Jahrmärkte florieren wie eh und je. Außerdem haben die Schausteller ihr Angebot weiterentwickelt und neue Märkte aufgetan. Eine Bohrmaschine kreischt in der eiskalten Lagerhalle am Bahndamm zwischen Hastedt und der Vahr. Vier Männer im Blaumann bearbeiten das metallene Skelett einer Schiffschaukel mit Zangen, Feilen und schwerem Gerät. Zwei Meter weiter liegen verstaut auf Lkw-Anhängern knallbunte Stahlträger, die über und über mit farbigen Lämpchen verziert sind. Es sind die Einzelteile des Fahrgeschäfts „Frisbee“, in dessen Gondeln sich Kirmesbesucher in einem Radius von fast 30 Metern durch die Luft wirbeln lassen können. Vor dem zerlegten Koloss wackelt ein gelbes Kassenhäuschen auf dem Betonboden der zugigen Halle hin und her.

„Robrahn“ steht in dynamisch verzerrten Buchstaben auf seiner Vorderseite. Rudolf Robrahn lässt seinen Blick prüfend durch den kahlen Raum schweifen. Sein Atem dampft. Der Schausteller steckt mitten in den Vorbereitungen für die anstehende Saison. „Im Februar geht es für uns los“, erzählt er. Im März beginnt in Münster die „Frühjahrssend“. Seine Fahrgeschäfte lässt der Schausteller jetzt generalüberholen. In einigen Tagen kommt der TÜV vorbei. Spätestens dann sollten alle Geräte durchgecheckt sein. Robrahn hat den Schaustellerbetrieb von seinem Vater übernommen. Neun Mitarbeiter gehören heute zu seinem festen Stamm. In der Hauptsaison sind es fast doppelt so viele. Rund 200 Bremerinnen und Bremer verdienen ihren Lebensunterhalt hauptberuflich mit Fahrgeschäften oder dem Budengeschäft. Große Jahrmärkte bleiben attraktiv Von einem Niedergang der Branche, wie ihn der Bundesverband der Schausteller prophezeit, will in Bremen jedoch niemand etwas wissen.

„Als Bedrohung empfinden wir das Volksfeststerben hier nicht“, sagt Carl-Hans Röhrßen vom Deutschen Schaustellerbund Bremen. Auch wenn kleinere Jahrmärkte wie in der Vahr, Obervieland oder Blumenthal heute nicht mehr existieren, strömen die Bremer nach wie vor in Scharen auf ihre großen Volksfeste, die Osterwieseund den Freimarkt. Früher haben die Erträge aus beiden Veranstaltungen sogar gereicht, um einen Schausteller über den Winter zu bringen, erinnert sich Röhrßen. Mit gestiegenem Lebensstandard sind aber auch die laufenden Kosten höher geworden. Viele Schausteller haben sich deshalb in den vergangenen Jahren neue Möglichkeiten erschlossen, um ihrem Geschäft nachzugehen.„Hafenfeste wie die Sail in Bremerhaven gab es ja früher gar nicht“, sagt Röhrßen.

Auch das Sechs-Tage-Rennen sei so eine neue Großveranstaltung, die für Schausteller eine lukrative Gelegenheit bedeutet. Auf das Geschäft mit den Fahrgeschäften allein verlässt sich auch Robrahn nicht mehr. Seit einigen Jahren gehört gastronomischer Service zu seinem Angebot. Auf dem Bremer Weihnachtsmarkt etwa betreibt er die Elchbar. „Das ist so etwas wie ein zweites Standbein geworden“, sagt er. „Mit Fahrgeschäften käme ich da nicht weit.“ Weihnachtsmärkte, die in beinahe jeder deutschen Stadt immer größere Ausmaße annehmen, verwandeln den Winter in eine geschäftlich interessante Jahreszeit für Schausteller. „Es herrscht heute ein anderer Turnus“, erzählt Robrahn. Früher seien die kalten Monate die Zeit der Wartung und der Reparaturen gewesen. „Mittlerweile bieten sich dafür eher manche schwachen Sommermonate an.“ Bei der Frage, ob er seinen Kindern raten würde, Schausteller zu werden, ist sich Rudof Robrahn allerdings unsicher. Der Konkurrenzdruck zu anderen Bereichen der Unterhaltungsindustrie wie Musicals, Kinos oder Vergnügungsparks sei hoch. „Und wenn die Leute sparen müssen, merken wir das zuerst.“

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