Studium oft ohne Erfolg beendet

Bremer scheitern häufig an der Uni

Wer sein Abitur in Bremen erworben hat, schließt ein Studium an der Bremer Uni deutlich öfter ohne Erfolg ab als Studenten, die aus anderen Bundesländern stammen. Das zeigt eine aktuelle Studie.
19.05.2018, 06:00
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Bremer scheitern häufig an der Uni
Von Jürgen Theiner

Abiturienten aus Bremen sind auf ein Hochschulstudium im Schnitt offenbar deutlich schlechter vorbereitet als ihre Altersgenossen aus Niedersachsen und den anderen Bundesländern. Diesen Schluss legt eine Untersuchung der Universität Bremen nahe. Darin wurden Verlauf und Erfolg des Bachelor-Studiums von über 1500 jungen Leuten ausgewertet, die ihre akademische Laufbahn im Wintersemester 2013/14 an der Bremer Uni gestartet hatten. Die Befunde dürften die Debatte um die Qualität des Bremer Bildungssystems erneut anfachen.

Nur 26 Prozent schließen Studium ab

Die Zahlen der Erhebung sprechen eine klare Sprache. Von den Studienanfängern aus dem Land Bremen hatten nach acht Fachsemestern rund 26 Prozent ihr Studium erfolgreich abgeschlossen. Bei den Studenten aus Niedersachsen betrug die Quote 44 Prozent, für die Studenten aus den übrigen Bundesländern wurde sogar ein Schnitt von 47 Prozent ermittelt. Während junge Leute mit Bremer Abitur also eine deutlich unterdurchschnittliche Erfolgsquote aufwiesen, waren sie in der Gruppe der Studienfachwechsler stark überrepräsentiert, nämlich mit 75 Prozent. Wie erfolgreich die Wechsler in ihrem neuen Fach waren, geht aus der Erhebung nicht hervor. Insgesamt verließen 47 Prozent der aus Bremen oder Bremerhaven stammenden Studenten den Studiengang, den sie 2013 belegt hatten, ohne Abschluss. Bei ihren niedersächsischen Kommilitonen traf das nur auf ein Drittel zu.

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Liefert die Studie also einen handfesten Beweis für die mangelnde Leistungsfähigkeit der Bremer Gymnasien und Oberschulen? Sind Bremer Abiturienten nicht ausreichend studierfähig? "Für eine solche Schlussfolgerung ist es zu früh", sagt der Konrektor der Bremer Uni, Thomas Hoffmeister. Er formuliert vorsichtig. "Es könnte sein, dass die Studierenden mit Bremer Abitur im Schnitt weniger leistungsfähig im Studium sind als ihre Kommilitonen mit einer Hochschulzugangsberechtigung aus anderen Bundesländern." Allerdings dürfe man nicht pauschalisieren. So zeige die Analyse der Daten beispielsweise, dass die besten Bremer den gleichen Studienerfolg vorweisen konnten wie die Besten aus anderen Bundesländern. Zu einem vollständigen Bild gehörten auch andere Faktoren. Wer aus anderen Teilen Deutschlands für ein Studium nach Bremen komme, beweise eine hohe Mobilität und eine bewusste Wahl. Hoffmeister: "Wer sich genau überlegt hat, was er oder sie wo studiert, ist vermutlich leistungsbereiter und gibt weniger schnell auf." Für den Konrektor ist die Studie daher Anlass, "den Einfluss von Herkunft der Hochschulzugangsberechtigung, Studienmotivation und Mobilität hin zum Studienort systematisch zu untersuchen".

Mangelnde Mathekenntnisse

An welchen Kenntnissen und Fähigkeiten es den Bremer Abiturienten konkret mangelt, dazu liefert die Untersuchung der mehr als 1500 Studienverläufe keinen Aufschluss. Viele seiner Kollegen, sagt Hoffmeister, klagten aber über mangelnde Mathematikkenntnisse und unzureichende Schreibfertigkeiten. An der Bremer Uni würden den Einsteigern deshalb schon jetzt "umfangreiche Unterstützungsmaßnahmen" angeboten. "Das ist aber nicht nur in Bremen so, sondern die Klagen höre ich auch von meinen süddeutschen Kolleginnen und Kollegen", so Hoffmeister.

Peer Sieveking ist ein Praktiker der Bremer Gymnasialbildung. Er unterrichtet am Gymnasium Horn und war bis November 2017 Vorsitzender des Bremer Philologenverbandes. Er wundert sich nicht über die geringeren Erfolgsquoten von Studenten, die ihre Hochschulzugangsberechtigung in der Hansestadt erworben haben. "Wenn Pisa-Studien schon vor einiger Zeit belegt haben, dass Bremer

Neuntklässler etwa in Deutsch leistungsmäßig drei Jahre hinter sächsischen Schülern zurückliegen, dann findet sich das natürlich irgendwann an den Universitäten wieder." In Bremen wird aus Sievekings Sicht zu wenig Wert auf den Erwerb reproduzierbaren Wissens gelegt. Beispiel Biologieunterricht: "Da mussten Schüler früher in der Lage sein, bestimmte bio-chemische Prozesse korrekt zu erklären. Heute kann man schon für Präsentation und Argumentation viele Punkte erreichen, auch wenn man in der Materie vielleicht nicht besonders firm ist", gibt Sieveking seine Eindrücke wieder. Natürlich sei der Erwerb nachprüfbaren Faktenwissens mit Anstrengungen verbunden – aber eben unerlässlich.

Aus Sicht des Pädagogen wird mangelnde Studierfähigkeit dazu führen, dass sich Abiturienten an immer mehr Universitäten Aufnahmeprüfungen unterziehen müssen. "Die Feststellung der Hochschulreife wird damit praktisch von der Schule an die Uni verlegt", so Sieveking. "Das ist nicht wünschenswert."

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