In der Coronakrise

Bremer Schneiderinnen nähen nun Schutzmasken

Schneiderinnen, deren Werkstätten wegen der Coronakrise dicht gemacht wurden, bieten dem Virus mit Nadel und Faden Paroli: Sie nähen Mund-Nase-Schutzmasken, die lebhaften Absatz finden.
26.03.2020, 05:00
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Bremer Schneiderinnen nähen nun Schutzmasken
Von Justus Randt
Bremer Schneiderinnen nähen nun Schutzmasken

Ute Kraft in ihrem Stoffladen. Sie und ihre vier Mitarbeiterinnen haben sich aufs Nähen von Schutzmasken verlegt.

Christina Kuhaupt

Die Nachfrage in Gabriella Szels Schwachhauser Maßschneiderei ist „ziemlich groß“, dabei musste sie ihre Werkstatt an der Georg-Gröning-Straße vergangene Woche schließen. Publikumsliebling ist aktuell der selbst geschneiderte Mund-Nasen-Schutz – die Maske, von deren Profivariante gegenwärtig so oft die Rede ist, weil der Nachschub zu stocken droht. Wäre es nicht makaber, könnte man vom letzten Schrei sprechen. Trotz des Einheitsschnitts. Nur das Dessin variiert. Und die Bänder, mit denen der Schutz vorm Gesicht befestigt wird.

Gabriella Szel ist nicht ganz allein auf diese Idee gekommen. Die Nachfrage, die eigentlich ein Notruf war, hat den Markt geregelt: „Am letzten Tag kam ein Hausarzt zu uns und hat gefragt, ob wir ihm Masken nähen könnten. Ich musste erst mal im Internet gucken, wie das geht.“ Ein Glücksfall, auch für die sieben Mitarbeiterinnen, die seither zu Hause Masken nähen, was ihre privaten Maschinen hergeben. „Natürlich haben alle Schneiderinnen eine Nähmaschine zu Hause. Mehr brauchen sie nicht, vielleicht noch ein Bügeleisen“, sagt die Chefin. „Wenn es so weiter geht, hoffe ich, dass wir wirtschaftlich überleben, bis wir den Laden wieder aufmachen können.“

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Auf das gleiche Geschäftsmodell und das Prinzip Hoffnung hat sich auch Ute Kraft verlegt. Die Chefin von Kraft-Stoff, einem Kurzwarenladen mit Änderungsservice in der Straße Vor dem Steintor, hat nach eigener Schätzung rund 300 Masken abgesetzt, seit der Laden für den Publikumsverkehr und die enge Werkstatt für ihre vier Schneiderinnen zu eng wurde, denn statt Sicherheitsabstand ist dort wie an vielen Orten Tuchfühlung so gut wie garantiert. „Solange wir noch Material haben, können wir täglich 150 bis 200 Stück herstellen.“

Ute Kraft ist ebenfalls angesprochen worden, ob sie nicht Masken liefern könne. Physiotherapeuten aus dem Familienkreis baten um Unterstützung, die Kunde von den farbenfrohen Masken machte schnell die Runde. Jetzt gibt es eine weiche Variante und eine mit Nasendraht zur konturgenauen Anpassung. „Therapeuten haben das gerne“, sagt Ute Kraft. Dunkelblau sei am beliebtesten – und deshalb bereits knapp. „Die meisten wollen unterschiedliche Masken haben.“

Die Maske passend zum Kleid

So lassen sie sich leichter unterscheiden. Wenn sie nicht sogar Wunschanfertigungen sind. „Ich hatte schon Nachfragen nach Masken, die passend zum Kleid sein sollten oder in Werder-Farben.“ Ihr Angebot sei „nichts Medizinisches, das schützt niemanden komplett“, sagt Gabriella Szel. „Aber für Verkäuferinnen an der Kasse, bei der Pflege zu Hause oder für Bankangestellte ist das sicher gut.“

Auch Ute Kraft stellt auf einem Aushang klar: „Dieser Mundschutz ist nicht zertifiziert und auch nicht geprüft! Er soll auch nicht den Eindruck eines medizinischen Produktes vermitteln, sondern lediglich die angespannte Lage erträglicher machen.“ Und, da sind sich die beiden Produzentinnen einig, ihr Mund-Nase-Schutz bietet einen wichtigen Nebeneffekt: „Man fasst sich nicht so oft ins Gesicht“, was schließlich als wichtige Vorbeugung angeraten wird.

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Hans-Michael Mühlenfeld, Vorsitzender des Hausärzteverbandes Bremen, begrüßt Initiativen wie diese. Seine niedersächsischen Kollegen haben bereits den Landfrauenverband an ihrer Seite. „Jede Art von Mundschutz hilft! Auch selbst genähte. Die Maske hilft mir und, sofern ich Keimträger bin, eben auch anderen“, sagt er. „Die leichteste Form ist ein Schal, die nächste eine selbst gebastelte Maske, dann kommen die Mund-Nase-Masken für den OP und schließlich die FFP2-Masken.“ Letztere sei die Standardvariante, „ist aber nicht mehr bestellbar“, sagt Mühlenfeld. „Es sind Schwarzmarktpreise von 3,70 pro Stück aufgerufen, normalerweise kosten sie 79 Cent.“

Die Masken nicht umdrehen

Als das Corona-Virus begann, die Lage zu bestimmen, hatte Mühlenfeld noch zehn Masken im Praxis-Bestand. "Es gibt ein Verteilungsproblem, wir haben alles komplett aufgebraucht. Was ich habe, trage ich von morgens bis abends und kann womöglich bald nur noch einmal die Woche wechseln. Wichtig ist: Die Masken nicht umdrehen –und sie personalisieren. Zu normalen Zeiten gelten Mund-Nase-Masken als Einmalartikel wie Latexhandschuhe.

Auch die Profis aus der Kostümabteilung des Stadttheaters Bremerhaven schneidern ab Ende der Woche Mund-Nase-Schutzmasken, die an ambulante Pflegedienste und die Altenpflege verteilt werden sollen. Die Arbeiterwohlfahrt habe ein Schnittmuster entworfen, aktuell befinde sich der Prototyp in der Waschprobe, teilt Theatersprecherin Kristin Packer mit: „Der Bedarf ist riesig.“ Davon gehen auch Hebammen an den Bremer Krankenhäusern Links der Weser und Mitte aus. Sie produzieren nach Kräften. Im Krankenhausalltag aber, sagt Gesundheit-Nord-Sprecherin Karen Matiszick, werde normgerechtes „Profimaterial benutzt“.

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