Sie werden beschimpft, gelobt, beschenkt

Bremer Schüler campieren auf dem Marktplatz für mehr Klimaschutz

Mit Schlafsäcken, Reggae und einem festen Willen campieren Bremer Schüler fünf Tage lang auf dem Marktplatz. In dieser Zeit haben sie viel erlebt: Die Jugendlichen wurden gelobt, beschenkt und beschimpft.
11.07.2019, 19:53
Lesedauer: 3 Min
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Bremer Schüler campieren auf dem Marktplatz für mehr Klimaschutz
Von Elena Matera
Bremer Schüler campieren auf dem Marktplatz für mehr Klimaschutz

Mit Farben, Pinseln und einem festen Willen bemalen die Jugendlichen ein Transparent. Mitten auf dem Bremer Marktplatz haben die Schüler ihr Lager aufgeschlagen. Immer wieder kommen Erwachsene vorbei und loben das Engagement der Schüler.

Spinti

Es ist Donnerstag, 12 Uhr, auf dem Bremer Marktplatz. Sechs Jugendliche sitzen auf Decken, Isomatten und Schlafsäcken. Um sie herum liegen Farbtuben, Pinsel, Kartenspiele und Äpfel. Aus einem kleinen Lautsprecher ertönt Musik – „Get up, Stand up“, ein Song von Bob Marley. Die Mädchen und Jungen singen mit: „Stand up for your rights“, übersetzt: „Steht auf für eure Rechte.“ Der Text passt zu ihrem Anliegen.

Seit Montag halten die Bremer Schüler auf dem Marktplatz eine Mahnwache. Vier Tage und drei Nächte haben sie bereits dort verbracht. Sie fordern mehr Klimaschutz, sie wollen gehört werden. Viele von ihnen haben bereits an den Freitagdemonstrationen „Fridays for Future“ teilgenommen, die von der schwedischen Schülerin Greta Thunberg ins Leben gerufen wurden. Unter dem Motto „Week for Future“ – „eine Woche für die Zukunft“, setzen sich die Proteste derzeit deutschlandweit in den Ferien fort, so auch in Bremen.

Polizei räumte Lager

In der Nacht zum Dienstag wurde das Lager der Schüler von der Polizei aufgelöst. Der Grund: Die Demonstration war nicht angemeldet. Am Dienstag entschuldigte sich der Polizeipräsident Lutz Müller persönlich bei den Schülern. „Das ist ja ganz nett“, sagt Daniel Wittig, ein 17-jähriger Schüler. „Man darf aber nicht vergessen: Sie haben Personalien von Kindern aufgenommen. Unsere Namen sind jetzt irgendwo registriert.“

Wittig ist vor Ort, um zu zeigen, dass die Schüler auch in ihrer Freizeit für den Klimaschutz einstehen. „Wir wollen eben nicht nur die Schule schwänzen“, sagt Wittig. Er bemalt ein großes Transparent aus weißem Stoff. Auf diesem ist ein Pinguin zu sehen, der im Wasser zwischen Plastikmüll treibt und weint. Die Sonne hat das Eis geschmolzen. Wittig malt die Buchstaben aus: „Where is my home?“ – „Wo ist mein zu Hause?“. Wittig ist seit Montag dabei und hat auch auf dem Marktplatz übernachtet. „Viel Schlaf bekommen wir nicht“, sagt er. Die Schüler halten abwechselnd Nachtwache. „Ab und zu kommen Betrunkene vorbei, wir werden auch angepöbelt. Aber die meisten sind sehr nett zu uns“, sagt Wittig. Angst hatte er noch nicht. In den umliegenden Restaurants und in dem Jugendcafé Buchte können die Schüler die Toiletten benutzen. Essen bekommen sie von Cafés, Restaurants und Passanten geschenkt. In einer Kiste stapeln sich die Geschenke: Brote, Süßigkeiten und ein Eimer mit fünf Kilo Tzatziki. An diesem Tag gibt es außerdem Pommes vom Ratskeller.

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Ein Mädchen nähert sich dem Lager. Ein kurzer Blick zu den Jugendlichen, ein leichtes Zögern. „Kann ich mich dazusetzen?“, fragt sie. Die Gruppe blickt auf. „Na klar!“, sagt Wittig. Das Mädchen lächelt. „Ich bin Friederike.“ Sie setzt sich. Friederike Palme ist aus Bremerhaven angereist. „Ich habe Angst vor der Zukunft“, sagt die 15-Jährige. Sie möchte sich auch in den Ferien für mehr Klimaschutz einsetzen und „nicht nur zu Hause herumsitzen.“ Diese Motivation verbindet die Schüler. Immer mehr setzen sich im Laufe des Nachmittags zu der Gruppe. Um 15 Uhr soll ein Vernetzungstreffen stattfinden. Fridays-for-Future-Gruppen aus Verden, Bremerhaven und Hannover wollen auf dem Marktplatz zusammenkommen, miteinander diskutieren.

Viele Erwachsene bleiben bei den Jugendlichen stehen. „Wollt ihr Schokolade haben?“, fragt Brigitte Fischer. Die 81-Jährige muss mit den Tränen kämpfen. „Ich finde das so toll. Diese Kinder sind unsere Zukunft, unsere Hoffnung.“ Fischer kauft dann doch keine Schokolade, sondern steckt einen 20-Euro-Schein in die Spardose der Jugendlichen. Auch andere Erwachsene loben die Schüler. Ein „Weiter so!“, ertönt hier und ein „Danke!“ dort. Auch eine Mutter schaut kurz vorbei, Tanja Rehpenn. Ihr 16-jähriger Sohn Frey protestiert auf dem Marktplatz. „Die machen tolle Erfahrungen. Die lernen, für eine Sache einzustehen. Das kommt in der Schule viel zu kurz“, sagt Rehpenn.

Jugendlichen wird Ahnungslosigkeit vorgeworfen

Doch es gibt auch negative Reaktionen auf die Mahnwache der Jugendlichen. Ein Mann mittleren Alters ruft: „Ihr denkt überhaupt nicht nach! Ihr benutzt Smartphones, fliegt in den Urlaub. Ihr habt doch keine Ahnung.“ Ein anderer älterer Mann schüttelt den Kopf. „Wenn man sich die so ansieht, dann merkt man gleich, dass nichts aus denen wird“, sagt er. Seinen Namen möchte er dem WESER-KURIER nicht nennen. „Verlumpt, verlaust, verwahrlost“, sagt er und geht.

Kurz vor 15 Uhr, ehe das Vernetzungstreffen beginnt, fängt es an zu regnen. Die Schüler decken ihr Schlaflager mit einer Plastikplane ab. Das Treffen droht ins Wasser zu fallen. Doch Stephan Kreutz, Pastor in der Unser Lieben Frauen Kirche, rettet die Situation der Jugendlichen dann noch rechtzeitig. Er ist spontan an der Gruppe auf dem Marktplatz vorbeigekommen und fasst einen Entschluss: Die Jugendlichen dürfen die Räume der Gemeinde nutzen. „Es regnet und wir haben ein Dach“, sagt Kreutz. „Sie stehen für eine tolle Sache ein.“ In der Kirche dürfen die Schüler auch die letzte Nacht ihrer Mahnwache verbringen.

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