Doppelinterview zu "Fridays for Future"

Bremer Schüler streiten mit Bildungssenatorin Bogedan

Ist die Klimakrise ein Generationenkonflikt? Gehören Strafen bei Schulstreiks dazu? Ein Streitgespräch zwischen den Bremer Organisatoren der Bewegung „Fridays for Future“ und Bildungssenatorin Claudia Bogedan.
21.03.2019, 20:21
Lesedauer: 7 Min
Zur Merkliste
Von Nico Schnurr Marc Hagedorn
Frau Bogedan, wann haben Sie das erste Mal demonstriert?

Claudia Bogedan: Das war gegen den ersten Irakkrieg. Es muss 1991 gewesen sein, damals war ich Schülersprecherin und habe zum Streik aufgerufen. Es kamen vielleicht nicht Tausende wie zuletzt in Bremen, aber in unserer hessischen Kleinstadt war das eine große Sache.

Wie hat die Schule reagiert?

Bogedan: Großen Ärger gab es nicht, weil wir nur dieses eine Mal während der Schulzeit demonstriert haben. Meine Mutter hätte mir trotzdem die Hölle heiß gemacht, wenn sie erfahren hätte, dass ich nicht in der Schule war, sondern auf der Straße.

Sie haben es ihr verheimlicht?

Bogedan: Ich habe mich in vielen Punkten über meine Eltern hinweggesetzt. Das war so einer. Mir war auch egal, ob ich für mein Fehlen eine Sechs bekomme. Später als Studentin habe ich gegen die Castor-Transporte protestiert, obwohl ich wusste, dass ich mir eine Vorstrafe einhandeln könnte. Wenn die Jugend für ihre Zukunft eintritt, entsteht immer Reibung.

Das klingt nach Verständnis für Ihren Protest, Frau Reinke und Herr Schlichting. Wie finden Sie das?

Julius Schlichting: Wir sind eine Schülerbewegung, aber wir freuen uns, wenn sich auch Ältere angesprochen fühlen. Bei Ihnen ist das aber anders, Frau Bogedan. Sie sind Teil des Systems, das wir kritisieren. Natürlich richtet sich unser Streik auch gegen die Bremer Politik. Und wenn wir Taten statt Worte fordern, dann meinen wir auch Sie. Sie loben uns und sagen gleichzeitig, dass wir mit den Konsequenzen leben sollen. Das ist heuchlerisch.

Bogedan: Was erwarten Sie von mir? Dass ich die Schulpflicht aussetze? Das werde ich nicht machen.

Schlichting: Es wirkt, als wollten Sie sich mit uns profilieren. In Bremen wird bald gewählt, da schadet es bestimmt nicht, wenn die Eltern wissen: Die Bildungssenatorin unterstützt politische Schüler. Aber warum geben Sie dann nicht einfach die Empfehlung an die Bremer Schulen raus, die Disziplinarmaßnahmen für die großen Streiks auszusetzen?

Bogedan: Sie verwechseln da etwas. Ich begrüße, dass Sie sich für Ihre Werte einsetzen. Aber ich mache mich nicht mit Ihrer Sache gemein. Jeder muss für sich entscheiden, wofür er sich einsetzen will. Wer wäre ich, um zu beurteilen, ob eine Bewegung nun unterstützenswert ist oder nicht?

Lesen Sie auch

Nona Reinke: Sie sind die Bildungssenatorin. Wenn Sie unseren Protest nicht bewerten, dann machen es die Schulleiter. Die können nicht einfach so ausweichen wie Sie, weil sie von verunsicherten Lehrern bedrängt werden. Sie schieben die Verantwortung nur eine Ebene weiter nach unten in der Hierarchie. Das bedeutet dann, dass es auf der einen Schule einen positiven Vermerk auf dem Zeugnis für besonderes Engagement gibt. Und auf der anderen muss man mit einem Verweis oder schlechteren Noten rechnen. Das ist völlig willkürlich.

Bogedan: Was ist Ihre Furcht? Sie gehen voller Überzeugung für den Klimaschutz auf die Straße, und dann sorgen Sie sich ernsthaft um ein paar unentschuldigte Fehlstunden, weil das nicht schön aussieht im Bewerbungszeugnis? Sie knicken vor dem kapitalistischen System ein. Ich würde Sie gerne ernst nehmen, aber mit dieser Diskussion um die Strafen machen sich eher unglaubwürdig.

Reinke: Wir erwarten nicht, dass wir jeden Freitag frei bekommen, um auf die Straße zu gehen. Wir leben mit den Strafen, schon jetzt. Damit kommen wir klar. Es ist aber nicht fair, wenn die Konsequenzen von Schule zu Schule vollkommen anders aussehen.

Bogedan: Wenn die Schulen das Thema so unterschiedlich handhaben, ist das ein Teil der Demokratie. Wir haben aber auch gesagt, dass ein Streik ein außerschulischer Lernort sein kann.

Lesen Sie auch

Fühlen Sie sich eigentlich angesprochen von den Klimastreiks, Frau Bogedan?

Bogedan: Die jungen Leute sagen uns: Ihr lebt nicht mehr so lange und wir müssen eure Sorglosigkeit ausbaden. Wenn ich die Bewegung ernst nehme, muss ich mich da natürlich angesprochen fühlen. Ich gehöre zu den Erwachsenen, denen bislang andere Sachen wichtiger waren als der Klimaschutz.

Was werden Sie Ihren Kindern sagen, wenn die irgendwann mal fragen: Mama, hast du genug fürs Klima gemacht?

Bogedan: Das ist die böse, berechtigte Frage der nachfolgenden Generation. Als ich eine Jugendliche war, haben Asylbewerberheime gebrannt. Es war damals ganz klar, dass wir gegen Rassisten auf die Straße gehen, nicht gegen den Klimawandel. Es gibt einen Werteunterschied. Das ist normal, die Denkweisen ändern sich: In der Reibung zwischen den Generationen entsteht Fortschritt. Das geht aber nur, wenn man die Jugend in ihrem Kampf ernst nehmen kann und nicht das Gefühl hat: Wenn es unbequem wird, kneifen sie.

Wie viel Vertrauen haben Sie in die Politik?

Schlichting: Wir sind mit dem Gefühl aufgewachsen, in der Politik grundsätzlich benachteiligt zu werden. Die Politik wird für die Alten gemacht, nicht für uns. Wir finden nicht statt, werden gar nicht wahrgenommen. Wenn man das über Jahre spürt, führt das zu Enttäuschung, Frust und Misstrauen. Manchmal fühlt es sich an, als würden die Politiker nur die Ideen von großen Konzernen umsetzen, nicht ihre eigenen Überzeugungen.

Bogedan: Keine Sorge, ich bin mit Sicherheit nicht von einem Konzern bezahlt. Natürlich haben wir Politiker aber einen großen Anteil daran, dass so viel Vertrauen verloren gegangen ist.

Beunruhigt Sie, was die beiden schildern?

Bogedan: Ich würde unter einer Käseglocke leben, wenn ich jetzt total überrascht wäre und das zum ersten Mal hören würde. Wahrscheinlich hätte ich als Jugendliche selbst so geantwortet. Man kann Frust gegenüber Parteien und Politikern haben. Es stimmt mich aber positiv, wenn die Reaktion dagegen Protest ist. Solange die Jugend in die Demokratie vertraut und ihre Stimme auf die Straße trägt, denke ich: Da ist noch nicht alles in den Brunnen gefallen.

Reinke: Es wäre schön, wenn man schon in der Schule lernen würde, eine politische Haltung zu entwickeln und dafür einzustehen.

Bleibt dafür in der Schule heute keine Zeit?

Bogedan (zückt das Schulgesetzbuch und zitiert): Die Schule soll insbesondere erziehen zur Bereitschaft, politische und soziale Verantwortung zu übernehmen; zur Bereitschaft, kritische Solidarität zu üben.

Schlichting: Das ist schön, wenn so etwas irgendwo steht. Aber ich sehe nicht, wo das aktuell an Bremer Schulen umgesetzt wird. Je nachdem, wie man seine Fächer wählt, kann es sein, dass man maximal erklärt bekommt, wie dieses Ding namens Demokratie funktioniert. Warum die Demokratie so wertvoll ist, erfährt man dann schon gar nicht mehr. Meine Politisierung kommt nicht aus der Schule, sie kommt aus meinem Umfeld. Im Unterricht geht es ständig um Leistung, man muss funktionieren. Da bleibt wenig Raum, um demokratischen Streit und Streik zu lernen. Davon sind wir weit entfernt.

Bogedan: Das sehe ich anders. Schon im Kindergarten durften Sie im Morgenkreis mitbestimmen, wie der Tag aussieht. In der Grundschule saßen Sie im Klassenrat zusammen. Und jetzt können Sie sich in der Schülervertretung engagieren. Das alles gehört zur demokratischen Kultur an Schulen. Zu meiner Schulzeit habe ich noch Repressalien bekommen, weil ich in der Schülervertretung war. Meine Kopfnoten fürs Sozialverhalten waren deswegen nie die Besten. Wer aufmuckt, kriegt Probleme. Das war damals der Preis für meinen Protest.

Haben Sie Angst, dass Ihr Protest irgendwann im Sand verläuft?

Schlichting: Wir wurden das schon vor Monaten gefragt. Die Antwort hat sich seitdem nicht verändert. Wir haben keine Angst. Wieso auch? Wir fangen gerade erst an.

Reinke: Wir werden solange streiken, bis wir keine Kraft mehr haben. Und glauben Sie mir: Wir sind ziemlich zäh und ausdauernd. Gerade arbeiten wir mit Wissenschaftlern an einem Forderungspapier. Erst wenn die Politiker handeln und wirkliche Maßnahmen gegen die Klimakrise ergreifen, gehen wir freitags wieder zur Schule.

Bogedan: Wenn ich heute jung wäre, würde ich vielleicht auch bei „Fridays for Future“ mitlaufen. Den Schülern muss aber eines klar sein: Es wird anstrengend. Für den Mindestlohn habe ich zwölf Jahre gekämpft. Die Schüler werden einen sehr langen Atem brauchen.

Lesen Sie auch

Das Gespräch moderierten Nico Schnurr und Marc Hagedorn.

Info

Zur Person

Nona Reinke ist 17 Jahre alt und besucht die Bremer Waldorf-­Schule. Sie gehört zu den Organisatoren der Bremer Schulstreiks der Bewegung „Fridays for Future“. Reinke kümmert sich außerdem um die Medienarbeit.

Julius Schlichting ist 18 Jahre alt und geht auf das Gymnasium der St.-Johannis-Schule. Er gehört zu den Organisatoren der Bremer Streiks. Schlichting vertritt den Bremer Ableger zudem auf Bundesebene.

Claudia Bogedan ist 43 Jahre alt und promovierte Sozialwissenschaftlerin. Die SPD-Politikerin ist seit 2015 Bildungssenatorin in Bremen.

Info

Zur Sache

Bremer Schulstreiks: Grüne beantragen Aktuelle Stunde

Die Grünen wollen in der Bürgerschaft über die Klimastreiks sprechen. Die Bremer Fraktion hat eine Aktuelle Stunde zum Thema beantragt. Der Titel, den die Partei für die Diskussion im Parlament gewählt hat, lautet: „Klimakrise: Die SchülerInnen haben’s verstanden – konsequenter Klimaschutz jetzt!“ Statt Jugendliche zu maßregeln, müsse die Politik endlich ihre Arbeit erledigen, sagt Maike Schaefer.

„Dass die jungen Menschen zu Tausenden auf die Straße ­gehen, ist dem Klimaschutz-Schwänzen der Bundesregierung geschuldet“, so die Fraktionsvorsitzende der Bremer Grünen. „Für die Kinder und Jugendlichen geht es in der Klimapolitik um nicht weniger als ihre Zukunft.“ Schaefer appelliert an die Bremer Schulen, mit der Schulpflicht während der Streiks verantwortungsvoll umzugehen.

„Die Fehlzeiten dieser jungen Menschen sind Auszeichnungen für Umweltbewusstsein, Zivilcourage und demokratisches Engagement“, sagt Schaefer. „Statt gebetsmühlenartig auf die Schulpflicht hinzuweisen, ist von der Politik tatkräftiges Handeln gegen die Klimakrise gefragt.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+