Kundgebung auf Marktplatz

Bremer Schulbeschäftigte protestieren gegen zu viele Aufgaben

Bei einer Personalversammlung haben Lehrkräfte und Sozialpädagogen, Erzieher und Assistenzen am Mittwoch kritisiert, dass sie immer mehr Aufgaben bewältigen sollen. Im Anschluss gab es eine Kundgebung.
19.02.2020, 15:24
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Schulbeschäftigte protestieren gegen zu viele Aufgaben
Von Sara Sundermann
Bremer Schulbeschäftigte protestieren gegen zu viele Aufgaben

Im Anschluss an eine Personalversammlung protestierten Bremer Schulbeschäftigte am Mittwoch auf dem Marktplatz.

Christina Kuhaupt

Die Halle ist riesig, und sie ist gut gefüllt. Der Personalrat Schulen hatte mit etwa 2000 Beschäftigten gerechnet – 3500 sind zur Personalversammlung der Bremer Schulen gekommen, schätzt die Bildungsgewerkschaft GEW. Die Versammlung in Messehalle 7 dürfte damit die bisher größte ihrer Art in Bremen sein, darin sind sich mehrere Organisatoren einig. Aus guten Gründen hatten die Veranstalter diesmal nicht wie sonst das Pier 2 gemietet, sondern die noch größere Messehalle: Bei der letzten Versammlung mussten mehrere Hundert Beschäftigte draußen warten, im Saal war kein Platz für sie. Diesmal passten alle rein – mehrere Hundert von ihnen zogen im Anschluss an die Versammlung am Mittwoch demonstrierend von der Bürgerweide zum Marktplatz.

Das Thema Arbeitszeit stand im Zentrum: Seit der ersten Pisa-Studie sei eine "wahre Aufgabenflut" über die Schulen "hereingebrochen", beschreibt die Personalratsvorsitzende Angelika Hanauer die Situation. Absprachen mit Beratern zum Umgang mit Schulmeidern und Inklusionskindern, Mitarbeit an Schulentwicklungsplänen, Dokumentationspflichten und Fortbildungen, zählt Hanauer auf.

Die Folge seien längere Arbeitszeiten: Bremer Lehrkräfte würden dauerhaft erheblich mehr arbeiten als vertraglich verankert. "Und die Unterrichtsverpflichtung wurde nicht abgesenkt, sondern um zwei Stunden pro Woche aufgestockt", sagt Hanauer. Bremen habe ein unterausgestattetes Schulsystem, in dem diejenigen, die sich dafür abmühen, dass alles dennoch irgendwie läuft, am Ende aufgefordert würden, an der Qualität ihres Unterrichts zu arbeiten, kritisiert die Personalrätin. "Das Signal, das von dieser Versammlung ausgeht, ist: Uns reicht's!"

„Seit Jahren werden den Schulen neue Aufgaben verordnet, unter anderem die Entwicklung zu einer inklusiven Schule, der Ausbau des Ganztags und die Qualitätsentwicklung", sagt auch Barbara Schüll, Vorstandssprecherin der Bremer GEW. Der Widerspruch zwischen "politisch verordneten Anforderungen" und der "mangelhaften Ausstattung" führe zu einer immer stärkeren Arbeitsbelastung. „Damit muss Schluss sein! Ein Arbeitspensum, das krank macht, hilft uns nicht weiter.“

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Bildungsbehörde muss mit Klagen rechnen

Die Bremer Bildungsbehörde muss wohl damit rechnen, dass perspektivisch Schulbeschäftigte zum Thema Arbeitszeit vor Gericht ziehen. Der Personalrat forderte Beschäftigte auf, ihre Arbeitszeit zu dokumentieren, und bot ihnen Unterstützung bei der Vorbereitung einer Klage an. Hanauer: "Ich gehe davon aus, dass die realen Arbeitszeiten vieler Schulbeschäftigter gesetzeswidrig sind."

Wer übrigens bei einer Personalversammlung der Schulen an ein großes Lehrertreffen denkt, ist im Irrtum. Lehrkräfte stellen zwar weiterhin die Mehrheit der Kollegien, doch etwa ein Drittel der Schulbeschäftigten sind inzwischen pädagogische Fachkräfte. Dazu gehören Erzieherinnen und Sozialarbeiter ebenso wie Assistenzkräfte für Kinder mit Behinderung. Sie alle sollen miteinander kooperieren und sich gut absprechen, so die Theorie. Diese Zusammenarbeit in "multiprofessionellen Teams" wird häufig als Ideal einer guten Schule gepriesen. Doch gerade für solche Absprachen bliebe – wie für vieles andere – im Alltag zu wenig Zeit, kritisieren mehrere Beschäftigte.

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Eine der vielen pädagogischen Fachkräfte an Bremer Schulen ist die Sozialpädagogin Bianca Berger. Sie beschreibt ihre vielen Aufgaben jenseits der direkten Arbeit mit den Kindern: Der Klassenlehrer, der sie bittet, beim Elternabend dabei zu sein. Der Ausflug und die Klassenfahrt, die sie begleitet. Der Briefwechsel mit dem Jugendamtsmitarbeiter. Das Gespräch mit der Rebuz-Beraterin. Das lange Telefonat mit der Mutter des kleinen Systemsprengers. "Für die Vor- und Nachbereitung meiner Arbeit mit den Kindern sind offiziell zehn Prozent meiner Arbeitszeit vorgesehen", sagt Berger. "Real braucht es sehr viel mehr Zeit."

Immer weniger Lehrkräfte in Vollzeit

Die Vielzahl der Aufgaben führe dazu, dass immer weniger Lehrkräfte Vollzeit arbeiteten, sagt Hanauer: "Wir haben ganz viele Leute, die sich in Teilzeit flüchten, der Teilzeit-Anteil ist riesig." Selbst Berufsanfänger würden oft direkt in Teilzeit arbeiten, weil die Arbeit in Vollzeit nicht anständig zu schaffen sei. Sie fordert deshalb weniger Unterrichtsstunden und Entlastung für Beschäftigte.

"Ich arbeite Teilzeit, weil ich zwei kleine Kinder habe, aber Vollzeit wäre für mich auch nicht vorstellbar unter diesen Bedingungen", sagt zum Beispiel Demo-Teilnehmerin Lisa Kastenholz, die als Sonderpädagogin an einer Bremer Oberschule arbeitet. Sie unterrichtet 18 Stunden pro Woche. "Hinzu kommen etwa 10 bis 15 Stunden für Aufgaben wie Elternarbeit, Konfliktlösung in der Klasse und Fortbildungen", sagt die 35-Jährige.

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Teilzeit ist ein Aspekt, vorzeitiger Ruhestand ein anderer: "Nur 20 Prozent der Lehrkräfte in Bremen erreichen das reguläre Pensionsalter", sagt GEW-Landesvorstandssprecher Jan Ströh. "Da ist ein Haushalt, der den gestiegenen Schülerzahlen durch neue Lehrerstellen und Schulbauten Rechnung trägt, nicht verkehrt, aber sicher noch nicht das, was wir brauchen.“ Am Dienstag hatte der Senat seine Pläne für den neuen Haushalt verkündet – Bildung ist der größte Schwerpunkt. In den kommenden beiden Jahren sollen in diesen Bereich 360 Millionen Euro mehr fließen.

+ + + Dieser Artikel wurde um 19.53 Uhr aktualisiert + + +

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