Bremer Schwerbehindertenvertreter Die lange Suche nach einem barrierefreien Büro

Anderthalb Jahre Suche nach einem barrierefreien Büro haben bislang nichts gebracht: Marco Bockholt, Bremens Schwerbehindertenvertreter, ist in seiner Dienststelle immer noch für viele Besucher unerreichbar.
23.07.2020, 05:00
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Die lange Suche nach einem barrierefreien Büro
Von Nina Willborn

„Wir freuen uns über Ihren Besuch“, der freundliche Satz steht am Ende der Vorstellung von Gesamtschwerbehindertenvertreter Marco Bockholt auf der Homepage seiner Dienststelle. Der Satz ist nicht falsch, Bockholt freut sich über jeden, der ihn in seinem Büro in der Knochenhauerstraße besuchen kommt. Aber nach wie vor klingen die Worte wie eine Vorlage für jedes Satiremagazin, denn nicht jeder kann Bockholt besuchen, vor allem viele derjenigen nicht, deren Interessen er vertreten soll: die schwerbehinderten Menschen im öffentlichen Dienst Bremens.

Auf die absurde Problematik macht Bockholt seit seinem Dienstantritt im Herbst 2018 aufmerksam, auch der WESER-KURIER hat im Mai und Dezember 2019 über das Büro mit Barrieren berichtet. Umgezogen ist er aber auch im Sommer 2020 noch nicht, das kam in der Juli-Sitzung der Bürgerschaft heraus, die FDP hatte beim Senat nachgehakt. Nun aber scheint sich langsam eine Lösung abzuzeichnen.

Raumfindung wird leichter

Inzwischen suchen Finanzbehörde als zuständiges Ressort und Immobilien Bremen (IB) „mit Hochdruck und hoher Priorität“, wie es in der Antwort des Senats an die FDP hieß, nämlich nicht nur für Bockholt und seine bis zu drei Kollegen eine neue Bleibe. Auch der Gesamtpersonalrat (GPR) und die Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau (ZGF), die beide ebenfalls in verschiedenen Etagen des Gebäudes an der Knochenhauerstraße zu finden sind, sollen nun mit umziehen, was die Findung geeigneter Räumlichkeiten womöglich leichter macht als zuvor.

Dagmar Bleiker, Sprecherin von Finanzsenator Dietmar Strehl (Grüne), erklärt: „Es wird nun nach einer größeren Lösung gesucht. Wir gehen davon aus, dass wir mit allen gemeinsam Anfang August geeignete Objekte besprechen können.“ Die räumliche Nähe der drei Stellen beizubehalten und sie möglicherweise sogar auf einer dann barrierefreien Ebene noch zu vergrößern, befürwortet auch GPR-Vorsitzende Doris Hülsmeier. „Wir arbeiten sowohl mit der Gesamtschwerbehindertenvertretung als auch mit der ZGF in vielen Bereichen eng zusammen. Da sind kurze Wege sinnvoll“, sagt sie.

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Dass GPR und ZGF nicht von Anfang an in die Suche nach barrierefreien Räumen einbezogen waren, erklärt sich zumindest im Fall der Ersteren durch zeitliche Fragen: Der GPR wollte laut Hülsmeier nicht mitten in der Vor- und Nachbereitung der Wahlen der Personalräte, die im März stattgefunden haben, umziehen, zudem hätten personelle Abwesenheiten einem früheren Umzug entgegengestanden. „Auch unser Ziel ist es, barrierefrei erreichbar zu sein“, sagt sie.

Sucht man barrierefreie Büros für knapp 25 Leute, ist das einfacher, als nur für drei Personen welche zu finden: Das ist die Hoffnung von Finanzen/IB. „Ich hoffe, dass das stimmt“, sagt Bockholt. Nur für ihn und seine Kollegen, die Ansprechpartner sind für die Schwerbehindertenvertreter aller Bremer Behörden sowie für etwa 40 Dienststellen, in denen es keine Vertretung für Schwerbehinderte gibt, also insgesamt etwa 1700 Menschen, seien in den zurückliegenden Monaten elf Objekte „detailliert geprüft“ worden, heißt es in der Senatsantwort. Sämtlich seien sie aber nicht in Frage gekommen, unter anderem aufgrund des geringen Gesamtbedarfs an Fläche.

Kein Vorwurf an die Behörde

Bockholt will der Behörde insgesamt nicht den Vorwurf machen, das Thema werde nicht mit der gebotenen Schnelligkeit und Ernsthaftigkeit angegangen. „Ich frage mich aber schon, warum mir Objekte gezeigt wurden, bei denen von vornherein klar war, dass sie zu groß sind“, sagt er. Andere wiederum, darunter die Räume einer ehemaligen Kindertagesstätte an der Faulenstraße, seien viel zu klein gewesen. „Da hätten wir drei bis vier Büros auf 45 Quadratmetern einrichten müssen“, sagt er. Das Finanzressort hatte ihm auch angeboten, zumindest interimsmäßig in Räume im Haus des Reichs in der Nähe der Landeshauptkasse überzusiedeln.

Das lehnte der Gesamtschwerbehindertenvertreter ab. „Diese Situation wäre unglücklich gewesen, weil der Senator für Finanzen ja für das Personal im öffentlichen Dienst zuständig ist“, sagt Bockholt, der sich in diesem Fall um den Datenschutz seiner Besucher, die sich im Zweifel wegen Problemen mit ihrem Arbeitgeber an ihn wenden, gesorgt hätte. Das kennt er allerdings bereits aus der aktuellen Situation: Weil Rollstuhlfahrer nicht in den Fahrstuhl passen, der zu seiner Dienststelle im dritten Stock fährt, habe er schon diverse Gespräche im öffentlichen Raum, beispielsweise in Kaufhaus-Cafés, führen müssen.

Es ist natürlich kein Trost, aber mit der Situation – die so übrigens schon seit den 80er Jahren besteht – ist Bremen kein Einzelfall. Bockholts Kollege in Hamburg, so erzählt er, ist kürzlich in ein neues Büro umgezogen. „In den 10. Stock. Der Mann kann aber aus psychischen Gründen keinen Fahrstuhl benutzen“, sagt Bockholt. „Und dann gibt es andere Kollegen, bei denen denke ich: ,Wow, toll, was denen alles geboten wird.'“

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