Allein gegen die Versicherungsbranche

Bremer sieht Senioren bei den Kfz-Tarifen benachteiligt

Ältere Autofahrer bauen mehr Unfälle: Für Rainer Schäffer ist diese Behauptung eine Legende, mit deren Hilfe Versicherungen die Senioren abzocken. Der Bremer fordert die Politik deshalb zum Handeln auf.
28.10.2017, 16:37
Lesedauer: 4 Min
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Bremer sieht Senioren bei den Kfz-Tarifen benachteiligt
Von Jürgen Theiner

Werden Senioren bei der Bemessung von Kfz-Versicherungsprämien systematisch benachteiligt? Mit dieser Frage hat sich der Grohner Kaufmann Rainer Schäffer intensiv auseinandergesetzt. Der frühere Immobilienverwalter hat Statistiken gewälzt, mit Versicherern korrespondiert und Behörden gelöchert. Sein Befund: Die Assekuranz-Konzerne sammeln bei den älteren Autofahrern jedes Jahr ungerechtfertigt dreistellige Millionenbeträge ein. Der Versicherungsexperte der Bremer Verbraucherzentrale und SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Arno Gottschalk hält Schäffers Argumente für nachvollziehbar.

Mit seinen 71 Lenzen zählt Rainer Schäffer selbst zu der Altersgruppe, die von der mutmaßlichen Tarif-Willkür der Versicherungsbranche betroffen ist. Bei seiner Kritik an der Beitragsbemessung für ältere Fahrer stützt sich Schäffer auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Für das Jahr 2015 weist die Behörde für die Altersgruppe der Über-65-Jährigen rund 31.400 Unfälle mit Personenschaden aus, was einem Anteil von 15,6 Prozent am Gesamtaufkommen entspricht. Zum Vergleich: In der Altersgruppe der 45- bis 65-Jährigen waren gut 59.400 Autofahrer an Kollisionen mit Personenschäden beteiligt.

Ihr Anteil liegt damit bei 29,5 Prozent. Am häufigsten waren Autofahrer im Alter zwischen 25 und 45 Jahren an Unfällen beteiligt, nämlich gut 69.400 oder 34,4 Prozent. Zwar war die Fahrleistung der Senioren geringer als die der mittleren Altersgruppen, so dass von mehr Unfällen pro gefahrenem Kilometer auszugehen ist als bei den Vergleichsgruppen. Aufschläge von bis zu 90 Prozent bei den Kfz-Versicherungsprämien seien allerdings nie und nimmer gerechtfertigt, argumentiert Rainer Schäffer. Dann zumal, wenn man auch andere Einflussfaktoren wie die durchschnittliche Schadenshöhe bei Unfällen in die Betrachtung einbezieht. Platt ausgedrückt: Wenn es bei älteren Fahrern mal scheppert, wird es nicht gleich so teuer.

"Drastische Ungerechtigkeit"

Das ergeben auch die Berechnungen des Verbraucherschützers Arno Gottschalk. Er hat sich die Mühe gemacht, den finanziellen Aufwand pro Unfall nach Altersgruppen aufzuschlüsseln. In der Gesamtheit der autofahrenden Bevölkerung schneiden die älteren Semester vergleichsweise günstig ab. In der Altersgruppe der Über-63-Jährigen kostete die Reparatur der beteiligten Fahrzeuge im Schnitt leicht unter 3000 Euro, bei den jüngeren Verkehrsteilnehmern teilweise deutlich darüber. Zweifel an der Angemessenheit der gegenwärtigen Tarifstaffeln in der Kfz-Haftpflicht „sind deshalb durchaus angebracht“, urteilt Gottschalk.

Für Rainer Schäffer haben sich die Zweifel längst zur Gewissheit verdichtet. Er spricht von einer „drastischen Ungerechtigkeit“ zulasten der älteren Autofahrer. Sie würden in unzulässiger Weise diskriminiert, denn eine unterschiedliche Behandlung von Versicherungsnehmern sei gesetzlich nur dann gerechtfertigt, wenn sie auf der Grundlage risikobezogener Kalkulation erfolgt. Diesen Nachweis habe die Versicherungsbranche allerdings nie erbracht. Eigentlich müssten deshalb die Aufsichtsbehörden einschreiten, findet Rainer Schäffer. Doch von denen ist er enttäuscht. Schriftlich hat er sich bereits an die verschiedensten Institutionen gewandt – von der Finanzaufsicht Bafin über das Bundesjustizministerium bis zu den Kartellbehörden. Nirgendwo fand er Resonanz. Sein enttäuschtes Fazit: „Eine wirksame Kontrolle durch die staatlichen Stellen fand bisher erkennbar nicht statt.“

Ältere Autofahrer profitieren von anderen Tarifmerkmalen

Beim Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) beharrt man auf dem erhöhten Unfallrisiko von Senioren. Eigenes Zahlenmaterial belege, „dass ältere Fahrer im Schnitt mehr Schäden verursachen als Fahrer mittleren Alters“, heißt es in einer Verbandsmitteilung. Auf Nachfrage des WESER-KURIER führt Sprecherin Kathrin Jarosch Unterschiede zu anderen Statistiken im Wesentlichen auf eine breitere Erfassung des Unfallgeschehens zurück. Die Statistik des GDV berücksichtige „auch kleinere Blechschäden und Schäden ohne polizeiliche Aufnahme“.

Die Huk-Coburg ist Marktführerin bei den Kfz-Haftpflichtversicherungen. Auch Huk-Sprecher Holger Brendel sieht die Senioren-Aufschläge solide auf Unfallstatistiken gegründet, weist aber zugleich darauf hin, dass ältere Autofahrer von anderen Tarifmerkmalen profitierten. „Sie haben im Durchschnitt hohe Schadenfreiheitsrabatte, eine niedrige jährliche Fahrleistung, niedriges Erwerbsalter der Fahrzeuge, sie haben sehr oft eine eigene Garage und eigenes Wohneigentum“, so Brendel. All das drücke die Prämien erheblich. Unterm Strich lägen die Senioren „deutlich unter dem Beitragsdurchschnitt unserer Kundengesamtheit“.

Bei der Anti-Diskriminierungsstelle des Bundes gehen nach Angaben ihres Sprechers Sebastian Bickerich „immer wieder Anfragen zum Thema ein“. Die Behörde weise dann stets darauf hin, dass die risikobezogene Kalkulation den Versicherern „einen recht weiten Spielraum lässt“. Der Antidiskriminierungsstelle seien keine Gerichtsurteile bekannt, in denen eine Altersdiskriminierung durch Kfz-Versicherer festgestellt wurde.

Den Rechtsweg hat auch Rainer Schäffer noch nicht beschritten – was nicht zuletzt daran liegen dürfte, dass seine Rechtsschutz- und Kfz-Versicherung beim gleichen Anbieter läuft. Die Erwartungen des 71-Jährigen richten sich daher eher auf die Politik. Vor zwei Jahren hat sich Schäffer an den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages gewandt, in der Hoffnung, dass man das Problem dort auch als ein solches erkennt. Ein erster Zwischenbescheid fiel schon mal negativ aus, aber der Grohner, das betont er, will die Hoffnung nicht aufgeben.

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