Sozialpsychologe Klaus Boehnke im Interview

„Es geht Richtung Ellenbogengesellschaft“

In einer Ausnahmesituation wie einer Pandemie verändern sich die Werte einer Gesellschaft. Der Sozialpsychologe Klaus Boehnke, Professor an der Jacobs University, erklärt, warum.
26.10.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Es geht Richtung Ellenbogengesellschaft“
Von Nina Willborn
„Es geht Richtung Ellenbogengesellschaft“

Augen sind der Spiegel der Seele, sagt man. Wenn sie aber das einzige sind, was vom Gesicht zu sehen ist, wird die Kommunikation erschwert.

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Herr Boehnke, Sie erforschen zurzeit mit Kollegen aus anderen Fachbereichen die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Werte einer Gesellschaft. Wie gehen Sie dabei vor?

Klaus Boehnke: Wir haben in Form einer Online-Befragung repräsentative Stichproben in Großbritannien und Deutschland erhoben. Dabei haben wir im April jeweils 2000 Briten und Deutsche unter anderem gefragt, wie viel Angst sie vor Corona haben. Die Angaben haben wir mit den Länderdurchschnitten, die uns aus anderen großen, hoch angesehenen Studien wie dem European Social Survey vorlagen, verglichen. Im Januar werden wir dieselben Menschen erneut fragen, und dann noch einmal dann, wenn Impfungen gegen Corona verbreitet sind.

Kann man grundsätzlich davon ausgehen, dass sich einschneidende Veränderungen wie eine Pandemie auf das Wertesystem der Menschen auswirken?

Ja, das kann man sagen. Man kann allerdings noch nicht sagen, wie nachhaltig diese Veränderungen sind. Das muss noch genauer erforscht werden. Wir sind mit zwei Thesen an unsere Studie herangegangen. Einerseits könnte die Pandemie dazu führen, dass sich die Menschen stärker auf Sicherheitswerte besinnen und dazu tendieren, sich von Mitmenschen abzugrenzen. Man kann aber auch die These vertreten, dass die Leute sagen, die Pandemie ist etwas, das alle Menschen bedroht. Das könnte dazu führen, dass die Menschen eher das Zusammenrücken, das Gemeinschaftliche favorisieren.

Bislang stellen wir fest, dass es im Vergleich zu den Studien von 2018 eine Veränderung der Werte in Richtung mehr Abgrenzung gibt. Es geht fast ein bisschen in Richtung Ellbogengesellschaft – sowohl in Deutschland als auch in Großbritannien. Die Menschen ziehen sich tendenziell doch eher in ihren Sicherheitskokon zurück und sagen sich nicht: ,Das trifft uns alle gleichermaßen, deshalb lasst uns mal zusammenstehen‘.

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Und woher kommt dieses Sicherheitsbedürfnis?

Weil sich die Menschen tatsächlich bedroht fühlen. Bedrohungstheorien, die seit Langem empirisch belegt sind, sagen ganz eindeutig, dass sich Menschen in diesem Fall eher zurückziehen. Das ist allgemein menschlich, weil es mit Ängsten zu tun hat. Wenn ich mit Angst auf etwas reagiere, bin ich tendenziell nicht so offen für die Welt.

Uns als Redaktion wurde kürzlich vorgeworfen, wir hätten nicht über eine angeblich von der Polizei aufgelöste Großhochzeit mit mehreren Hundert Menschen berichtet. Dass die Veranstaltung aufgelöst worden sei, stellte sich dann als Gerücht heraus. Gehört die Tendenz, Mitmenschen kritischer zu bewerten und ihnen im Zweifel eher schlechte Absichten zu unterstellen, auch zu diesem durch Angst getriebenen Verhalten?

Das würde ich als einen Versuch interpretieren, für die Verbreitung der Pandemie einen Schuldigen zu suchen. Es ist der Versuch, die schwer einschätzbare Bedrohung, die ja nicht von irgendeinem bösen Menschen ausgeht, zu personalisieren. Wenn man vor etwas Angst hat, ist es ein bekannter Reflex, jemanden festzustellen, der an meiner Angst Schuld ist. Das sehe ich bei solchen Vorwürfen relativ eindeutig.

Der Sozialpsychologe Klaus Boehnke erforscht menschliches Verhalten.

Der Sozialpsychologe Klaus Boehnke erforscht menschliches Verhalten.

Foto: Jacobs University

Das heißt, einen vermeintlich Schuldigen zu haben, macht die Pandemie für mich als einzelnen erklärbarer?

Richtig. Selbst der amerikanische Präsident nennt die Pandemie das China-Virus. Das ist auch der Versuch zu sagen, dass es Schuldige gibt, Personen, die dafür verantwortlich sind, dass dieses Virus uns alle bedroht. Auch wenn diese Suche nach Verantwortlichen eigentlich gar nicht angebracht ist.

Im Moment könnte man ebenfalls den Eindruck gewinnen, dass die Hilfsbereitschaft aus der Anfangszeit der Pandemie inzwischen einem Gegeneinander von verschiedenen Gruppen gewichen ist. Schausteller gegen die Gastronomen, Privat- gegen Geschäftsreisende, Junge gegen Alte...

Dazu kann die Forschung noch nicht wirklich etwas sagen. Ich teile aber diesen Eindruck. Aus meiner Sicht ist das relativ leicht mit einer schon sehr alten These der psychoanalytisch beeinflussten Sozialpsychologie zu erklären, nämlich mit der Frustrations-Aggressions-These. Das heißt, wir sind doch in großen Teilen frustriert, dass Corona trotz aller gemeinsamen Anstrengungen immer noch da ist. Deshalb kommt auch die Aggression hervor, die sich gegen Menschen richtet, die man dafür haftbar machen möchte.

Fördern Extremsituationen also eher die schlechten Seiten zutage als die guten?

So pauschal kann man das nicht sagen. Aber die lang anhaltende Bedrohungssituation scheint die Wendung zur Ich-Bezogenheit zu verstärken. Reaktanz ist auch so ein Begriff, der dann ins Spiel kommt. Wenn man sozusagen bedrängt wird von vielen Regeln, an die man sich halten soll, hat man irgendwann die Nase voll davon. Das geht den meisten Menschen so. Wenn ich gesagt bekomme, den Rasen nicht zu betreten, habe ich immer den Reflex, so, jetzt gehe ich da extra drauf. Die aktuelle Situation, in der das Ende zwar vorhersehbar, aber noch nicht im Blick ist, kann diese Reaktanz durchaus verstärken.

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Gesichtsmasken tragen, Abstand halten: Wirken sich diese Schutzmaßnahmen auch auf unser Sozialverhalten aus?

Ich glaube, dass das sehr einschneidend ist, wenn ich nicht mehr sehen kann, was mein Gegenüber von mir denkt, während er mit mir kommuniziert. Und zwar im Sinne einer gewissen Entfremdung. Mir persönlich geht es so, dass ich manchmal die Leute mit Maske gar nicht erkenne. Natürlich kann man auch jenseits von Mund und Nase Befindlichkeiten artikulieren, aber lange nicht so gut. Auch körperlichen Abstand zu halten ist auf Dauer hoch problematisch. Die deutsche Kultur ist ja geprägt vom Händeschütteln als eine der Möglichkeiten, mit anderen Menschen in einen friedlichen Kontakt zu treten. Das dürfen wir jetzt nicht. Es ist ein unfreiwilliges Deprivationsexperiment, der Verlust von etwas sehr Vertrautem.

Haben Sie in Ihrer Studie eigentlich Unterschiede zwischen Briten und Deutschen festgestellt?

Wir hatten zunächst gedacht, dass sich große Unterschiede zeigen, weil eben das gesundheitspolitische Handeln in beiden Ländern doch ziemlich unterschiedlich war. Bei uns wurde schon früh recht strikt reagiert, während man in Großbritannien zunächst eher auf die Durchseuchung gesetzt hat. Zu unserer eigenen Überraschung gibt es aber diese Unterschiede nicht.

Sind Ausnahmesituationen wie Corona insgesamt eine interessante Zeit für Soziologen?

Es klingt fast etwas zynisch, aber ja, sie sind es auf jeden Fall. Außergewöhnliche Ereignisse sind für uns so etwas wie natürliche Experimente. Wenn es uns gelingt, Menschen davor und danach zu befragen, haben wir Erkenntnisse, die sonst nicht zu bekommen gewesen wären. Ansonsten können wir nur theoretisch fragen, wie die Menschen im Fall des Falles reagieren würden.

Das Gespräch führte Nina Willborn.

Info

Zur Person

Klaus Boehnke (69) ist seit 2002 Professor für Sozialwissenschaftliche Methodenlehre an der Jacobs University. Er ist zudem unter anderem Präsident der „International Association for Cross-Cultural Psychology“.

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