Interview mit Olaf Groh-Samberg

Bremer Professor: Stadtteile driften auseinander

Die Universität Bremen beteiligt sich am neuen bundesweiten Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ). Olaf Groh-Samberg erklärt als der Sprecher des Standorts, um was es dabei geht.
10.09.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Bremer Professor: Stadtteile driften auseinander
Von Joerg Helge Wagner
Bremer Professor: Stadtteile driften auseinander

"Die Wohnungsmarktpolitik hat schon einen ganz entscheidenden Einfluss", meint Professor Olaf Groh-Samberg vom Forschungszentrum Socium der Universität Bremen.

Christina Kuhaupt

Die Sozialwissenschaften befassen sich immer schon mit Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Warum braucht es jetzt noch ein besonderes Forschungsinstitut dafür?

Olaf Groh-Samberg: Der Begriff „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ kommt nicht aus den Sozialwissenschaften, sondern aus der Politik. Er hat innerhalb kurzer Zeit eine steile Karriere erfahren, vor allem durch das Aufkommen rechtspopulistischer Parteien, in Deutschland also der AfD. Dahinter stecken längere Phasen wachsender Ungleichheiten, aber auch Verunsicherung etwa durch Migrationsbewegungen oder die Digitalisierung der Arbeitswelt.

In Bremen wollen Sie den Dialog mit der Stadtgesellschaft suchen. Was heißt das? Wer ist die Stadtgesellschaft?

Bei dem Thema liegt es ja nahe, dass Wissenschaft und Öffentlichkeit in einen viel direkteren Dialog treten. Wir wollen eben nicht nur Erkenntnisse produzieren, in die Politik transportieren und darauf warten, dass sie irgendwann einen Weg in die Praxis finden.

Sondern?

Wir haben schon direkte Kontakte in den Stadtteil Gröpelingen, wo wir gemeinsam mit den Bewohnern Maßnahmen zur Verbesserung des Zusammenhalts entwickeln wollen. Das versuchen wir natürlich auch in anderen Stadtteilen. Es geht darum, unsere Ideen zu teilen und deren Ideen aufzunehmen.

Wo werden die Brüche in dieser Stadtgesellschaft am deutlichsten?

Wir haben extrem hohe Einkommensunterschiede zwischen den Stadtteilen und Bildungsungleichheiten. Man sieht es auch an den Lebenserwartungen. Gröpelingen sticht da sicher hervor.

Gibt es ein Ost-West-Gefälle in Bremen?

Es ist doch ein bisschen kleinteiliger. Es gibt ja auch im Westen bessere Stadtteile und im Osten etwas prekärere. Aber tendenziell stimmt das Bild.

Sie heben nicht nur auf die berühmte „soziale Schere“ zwischen arm und reich ab, sondern sehen auch ein Auseinanderdriften in den Mittelschichten. Gibt es denn mehrere?

Es ist eben nicht eine homogene Schicht oder Gruppe. Es gibt sehr starke Unterschiede, ökonomisch wie bildungsmäßig. Da sind die Akademiker, die zum Teil schon zur Oberschicht zählen könnten, mit hoher Bildung und oft gut bezahlten Jobs. Die leben meist sehr urban, haben progressive Werte und Einstellungen. Es gibt eine mittlere Schicht, in der gute berufliche Qualifikationen vorherrschen. Und eine untere Mittelschicht, wo es eher geringe Gehälter, Teilzeitjobs und Bildungsprobleme gibt. Aber auch innerhalb dieser Schichten gibt es unterschiedliche Milieus mit unterschiedlichen Wertvorstellungen.

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Verschiedene Milieus – Bildungsbürger, Facharbeiter, Konservative, Alternative – sind doch erst einmal ein Ausdruck von Vielfalt und damit positiv, oder?

Sicher. Die Frage ist eben nur, wie gut sich diese Milieus wechselseitig wahrnehmen und in Beziehung zueinander treten können, ob sie sich verstehen. Da beobachten wir, dass diese Milieus zunehmend in ihren eigenen Lebenswelten bleiben und es im Alltag wenig Berührungspunkte gibt. Das zeigt sich in den Berufslaufbahnen, in den Betrieben.

Und jenseits der Arbeitswelt?

Das ist noch ein großes Forschungsfeld. Was ist etwa mit den Vereinen? Wie stark ist dort noch die soziale Durchmischung? Selbst die Kirchen können nicht mehr so die soziale Integration leisten wie früher.

Die Gemeinden sind ja gerade in Bremen sehr unterschiedlich, von strikt konservativ bis sehr progressiv. Das sind eigene Mikro-Milieus.

Genau. Und auch darin spiegelt sich – genau wie bei den Bildungsinstitutionen und den Vereinen – ein Auseinanderdriften der Stadtteile. Dabei verliert man sich aus den Augen, man weiß gar nicht mehr, wie die Menschen in anderen Milieus ticken.

Mit welchen Folgen?

Es kommt sehr auf die politische Repräsentation an. Bestimmte Milieus sind in der Politik kaum mehr vertreten. Das Arbeitermilieu etwa hatte früher seine eigene politische Kultur und seine eigene Partei. Heute gibt es eher ein Dienstleistungsproletariat, weil die industrielle Arbeiterschaft einen ganz starken Strukturwandel erfahren hat. Zudem gibt es zunehmend ethnische Unterschiede. Diese Milieus haben den Anschluss verloren – früher etwa waren Hilfsarbeiter und Facharbeiter über die Gewerkschaften enger miteinander verbunden. Es gab einen gemeinsamen politischen und kulturellen Werteraum, man war solidarisch untereinander.

Und die politisch Heimatlosen versucht nun die AfD einzusammeln – in Bremen allerdings mit sehr beschränktem Erfolg.

Zum Glück gelingt es den Rechtspopulisten noch nicht so richtig, die unteren Milieus flächendeckend zu mobilisieren. Vermutlich deshalb, weil die AfD kein gutes sozialpolitisches Profil hat. Die haben eher eine kulturpolitische Agenda, die wollen eine alte bildungsbürgerliche Hegemonie konservativer Werte wiederherstellen. Damit gelingt kein Brückenschlag zu den sogenannten einfachen Leuten.

Ob es um Wohnen oder Bildung geht – Bremens linke Landesregierung drängt gerne auf soziale Durchmischung der Stadtteile. Aber lässt sich das überhaupt politisch steuern, gar erzwingen?

Die Wohnungsmarktpolitik hat schon einen ganz entscheidenden Einfluss auf das Auseinanderdriften der Gesellschaft. Das sind allerdings sehr langfristige Entwicklungen. Jüngere Studien zu einer ganzen Reihe von deutschen Großstädten zeigen dies. Natürlich kann die Politik auch über die Infrastruktur steuern, sowohl bei der Verkehrsanbindung als auch bei den Bildungseinrichtungen. Damit kann man Stadtteile schon entwickeln und fördern, aber man kann eben nicht einfach einen Schalter umlegen und morgen den Effekt sehen.

Und die Bevölkerung muss ja auch zur Durchmischung bereit sein. Kennen Sie denn Uni-Kollegen, die in Gröpelingen, Kattenturm oder Blumenthal wohnen?

Nein, in der Tat. Das hängt natürlich auch stark von den Vorlieben ab.

Denn leisten könnten sie es sich ja.

Na klar. In akademischen Milieus wird zwar Durchmischung wertgeschätzt, aber eben auch eine bestimmte Urbanität – und Gröpelingen ist eben auch irgendwie weit ab vom Schuss.

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Bedeutet Segmentierung immer auch Polarisierung, gar Radikalisierung? Hier die Klimaschützer, da die Motorsportfans, hier die weltgewandten Hipster, dort die Modernisierungsverlierer?

Eine gewisse Sortierung nach Vorlieben und Ansichten ist grundsätzlich erst einmal nicht problematisch. Auf der Ebene von Nachbarschaften haben wir durchaus einen sehr starken Zusammenhalt, der Bertelsmann-Monitor hat das etwa für Huchting gezeigt. Wichtig ist aber auch, wie gut der Zusammenhalt zwischen den einzelnen Stadtteilen funktioniert. Wenn sich hier sozusagen verschiedene Werte-Welten entwickeln, die nicht mehr politisch ausgeglichen werden, dann kommt es zu einer Polarisierung.

Im Fußballstadion oder auf Rockkonzerten sind dann plötzlich alle wieder gleich und duzen sich. Hat Corona Segmentierung beschleunigt, weil diese Räume ja nun wegfallen?

Corona hatte sehr unterschiedliche Wirkungen. Auf der einen Seite hat das Virus das Gefühl des Zusammenhalts gestärkt. Plötzlich ging es darum, dass jeder Rücksicht auf den Anderen nimmt. Es gab neue Möglichkeiten, solidarisch zu handeln, und öffentlichen Dank an systemrelevante Berufe.

Aber dieses große Krisen-Wir-Gefühl lässt sich nicht verstetigen.

Eben. Es haben sich sehr schnell alte und neue Ungleichheiten eingestellt – etwa zwischen jenen, die ins Homeoffice gehen können, und jenen, denen das verwehrt war. Viel Last ist wieder bei den Frauen hängengeblieben, ganze Berufsgruppen haben anhaltende Probleme. Die Politik muss nun mit ihren zum Teil gigantischen Hilfspakten dafür sorgen, dass sich diese Gräben nicht vertiefen.

Das Gespräch führte Joerg Helge Wagner.

Info

Zur Person: Olaf Groh-Samberg ist Professor für Soziologie an der Universität Bremen. Der 49-Jährige spricht für den Bremer Standort des neuen bundesweiten Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt.

Info

Zur Sache: Auftaktveranstaltung im Übersee-Museum

Mit zwei Vorträgen und einer politischen Diskussionsrunde präsentiert sich das neu gegründete interdisziplinäre Bremer Teilinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt an diesem Donnerstag ab 17 Uhr im Übersee-Museum. An der Diskussion beteiligen sich Bettina Wilhelm (Landesfrauenbeauftragte), Benedikt Rogge (Pastor der St. Ansgarii-Gemeinde), Jasmina Heritani (Lehrerin, Kulturwissenschaftlerin und SPD-Bürgerschaftsabgeordnete) und Joerg Helge Wagner (Weser-Kurier, Mitglied der Chefredaktion). Elke Heyduck (Arbeitnehmerkammer) moderiert.

Für die Teilnahme vor Ort sind nur noch wenige Restplätze verfügbar. Anmeldung per E-Mail mit Namen und Adresse an fgz@uni-bremen.de. Ansonsten kann die Veranstaltung im Live-Stream verfolgt werden unter http://unihb.eu/fgzstart, Kenncode: 3NGzdX. Es besteht dabei auch die Möglichkeit, sich über Chat mit Fragen und Kommentaren an der Diskussion zu beteiligen.

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