Soziologin im Interview

„Das ist eine Verhöhnung dessen, was Eltern leisten“

Kita- und Schulschließungen haben zu einer Belastung der Eltern geführt, die für Sonja Bastin „nicht tragbar ist.“ Die politische Debatte über dieses Problem beginnt für die Soziologin der Uni Bremen zu spät.
03.05.2020, 19:20
Lesedauer: 3 Min
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„Das ist eine Verhöhnung dessen, was Eltern leisten“
Von Björn Struß
Frau Bastin, seit knapp zwei Wochen gilt in Kitas und Schulen die erweiterte Notbetreuung. Ist das die große Entlastung, auf die Eltern lange gewartet haben?

Sonja Bastin: Nein. Es kann weiterhin nur ein Bruchteil der Kinder institutionell betreut werden. Und von Kitas, Politik und der Gesellschaft wird daran appelliert, die Notbetreuung nur in Anspruch zu nehmen, wenn es unbedingt sein muss – was auch immer das heißt. Man solle doch die Doppelbelastung bitte weiter aushalten, weil wir nicht wissen, was mit der Infektionsrate passiert. Es geht mir aber nicht nur um diese Maßnahme.

Sondern?

Es kann nicht sein, dass es so lange gedauert hat, bis überhaupt darüber gesprochen wird, dass die Last der Familien gerade nicht tragbar ist. Es geht nicht, erwerbstätig zu sein und gleichzeitig all die Arbeit aufzufangen, die sonst in den Betreuungs- und Bildungseinrichtungen geleistet wird. Lange wurde nicht einmal kommuniziert, dass in dieser Frage an einer Lösung gearbeitet werden muss, sondern vermittelt: Das bleibt jetzt erstmal so.

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Sie vermissen die politische Debatte. Fehlt den Eltern die Lobby?

Ja, vollkommen. Das hat strukturelle Gründe. In den entscheidenden Positionen sind nicht diejenigen repräsentiert, die diese Sorgearbeit leisten. In der Regel sind das junge Eltern und insbesondere Frauen. Diese Perspektive fehlt in der Debatte. Das sieht man auch an den Empfehlungen der Leopoldina.

Was kritisieren Sie an den Empfehlungen der Leopoldina?

Die Sorgearbeit darf nicht nur aus einer sozialen Perspektive beurteilt werden. Sie ist elementar wichtig für das Funktionieren der gesamten Wirtschaft. Die Logik „erst die Wirtschaft und dann alles andere“ funktioniert nicht. Kern des Problems ist, dass die Sorgearbeit nicht als Wirtschaftsfaktor anerkannt wird.

Müsste die Erziehungsarbeit der Eltern grundsätzlich entlohnt werden, um als Wirtschaftsfaktor jetzt auch in der Krise mehr Beachtung zu finden?

Wir müssen verstehen, dass niemand von uns ein Geschäft eröffnen könnte, niemand wäre Politiker oder könnte einen Impfstoff finden, wenn es diese Sorgearbeit nicht gäbe. Keiner sollte auf einen erwachsenen Arbeitnehmer zugreifen dürfen, ohne dafür eine Kompensation zu zahlen. Aktuell werden Kinder als Privatsache betrachtet. Es gibt zwar Erzieher, tatsächlich leisten aber die Eltern und insbesondere Frauen sehr viel. Wenn wir verstanden hätten, dass dies die systemrelevanteste aller Gruppen ist, wäre auch von Anfang an auf sie geguckt worden. Und nicht erst sechs Wochen später.

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Mit besseren Betreuungsangeboten haben Wirtschaft und Politik versucht, Familie und Beruf besser vereinbar zu machen. Sind die Erfolge in der Krise null und nichtig?

Ja, das sieht man jetzt. Die Eltern haben sich auf die geschaffenen Strukturen verlassen, nun brechen diese weg. Die Erwerbstätigkeit wird weiter erwartet, alles andere soll irgendwie nebenbei laufen. Das ist eine Verhöhnung dessen, was Eltern grundsätzlich und insbesondere jetzt leisten. Und es ist auch eine Verhöhnung der Leistung von Erzieherinnen und Erziehern.

Wird das konservative Familienbild mit einem Vater als Alleinverdiener und einer Mutter für die Kinder jetzt wieder ein Erfolgsmodell?

Erfolg für wen?

Für das Funktionieren der Familie?

Nein, das Funktionieren einer Familie darf nicht zu der Benachteiligung einer Person, häufig der Mutter, führen. Schon Konstellationen, in denen die Mutter etwa weniger verdient, führen aktuell dazu, dass sie nun noch mehr unbezahlte Sorgearbeit übernimmt als zuvor. Das kann dazu führen, dass Mütter mit Problemen aus der Krise herausgehen werden. Aktuell vernachlässigen Mütter ihren Beruf mehr als Väter. Und Eltern mehr als Kinderlose. Nach der Krise werden bei den Chefs die Arbeitnehmer in Erinnerung bleiben, die den Laden am Laufen gehalten haben. Und das sind die Kinderlosen und die Väter.

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Welche Lerneffekte erwarten sie durch die Krise?

Im Moment lernen ganz viele Eltern: Was wir tun wird nicht beachtet. Sie merken, dass ihr Vertrauen in Politik und Gesellschaft missbraucht wurde. Ich hoffe, dass die Politik künftig anders mit dieser Gruppe umgeht. Wir müssen Sorgearbeit als wertschöpfende Tätigkeit anerkennen. Da gibt es viele Lösungsansätze, die endlich berücksichtigt werden müssen. Wir erleben, dass unser aktuelles System nicht krisenfest ist.

Das Gespräch führte Björn Struß.

Info

Zur Person

Sonja Bastin (36) ist promovierte Soziologin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik (Socium) der Uni Bremen. Im Blog „Corona & Care“ der Friedrich-Ebert-Stiftung hat sie sich zuletzt mit der Systemrelevanz von unbezahlter Elternarbeit beschäftigt.

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