Sparkassengelände am Brill

Stillstand statt Skyline

Seit 2016 steht fest, dass die Sparkasse ihren Hauptsitz am Brill verkauft. Doch aus der großen Chance, die das freie Areal mitten in der Stadt mit sich bringt, ist ein Scheitern geworden. Wie konnte es soweit kommen?
25.06.2020, 05:00
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Stillstand statt Skyline
Von Jürgen Hinrichs
Stillstand statt Skyline

So wollte der US-amerikanische Architekt Daniel Libeskind auf dem Sparkassengelände am Bremer Brill bauen. Die vier Türme sind unterschiedlich hoch und ragen bis zu 98 Meter auf.

Studio Libeskind

Es beginnt mit einer Überraschung und mit einem Versprechen. Von einem Tag zum anderen kündigt die Sparkasse im Dezember 2016 an, ihren Hauptsitz am Bremer Brill zu verkaufen, um an die Universität zu ziehen. Ein Paukenschlag. Nur der Bürgermeister wird am Abend vor der Entscheidung vom Sparkassen-Chef informiert, die restlichen Senatsmitglieder sind komplett ahnungslos.

Für den Bausenator ergeben sich plötzlich zwei Probleme: Was tun mit dem riesigen Sparkassengelände mitten in der Stadt? Und wie damit umgehen, dass die Bank an einen Standort will, wo sie eigentlich nicht hingehört? Der Technologiepark ist Unternehmen vorbehalten, die eng mit der Universität verknüpft sind. So schreibt es das Baurecht vor. Die Sparkasse trägt daraufhin Argumente vor, untermauert ihre Position unter anderem damit, dass ihre Spitzenleute regelmäßig vor Studenten referieren und die Entwicklung neuer Finanzprodukte stark mit Technologie zu tun hat. Es dauert nicht lange, und die Behörde gibt nach. Ihre Bedenken lösen sich in Luft auf.

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Bleibt die Fläche am Brill. Und da kommt das Versprechen ins Spiel. Die Sparkasse überschreibt ihre Pressemitteilung zum geplanten Verkauf des 11.000 Quadratmeter großen Grundstücks damals nicht etwa damit, dass sie sich aus ökonomischen Gründen in jeder Hinsicht verändern will und muss. Sie stellt nicht sich selbst in den Vordergrund, sondern die Stadt. Die Überschrift lautet: „Signifikanter Beitrag zur innerstädtischen Entwicklung.“ Das Areal am Brill solle verkauft werden, um an diesem attraktiven Standort ein Einkaufszentrum zu ermöglichen. Wir helfen Bremen, heißt das. Ein Versprechen.

Sparkasse zieht pünktlich zum 1. Oktober um

Doch nun, nach dreieinhalb Jahren, ist alles ganz anders gekommen. Die Gebäude auf dem Sparkassengelände werden zwar leer geräumt, pünktlich zum 1. Oktober, wenn die Bank umzieht. Sie werden aber nicht abgerissen. Keine Neubauten, wie es jetzt aussieht. Stattdessen eine irgendwie geartete Nutzung der bestehenden Häuser. Es handelt sich um Immobilien, die teils so marode sind, dass die Sparkasse sie für abgängig erklärt. Aus der Chance ist ein Scheitern geworden. Und das in dieser Lage, mit der wichtigen Scharnierfunktion zwischen City und Stephaniviertel. Wie konnte es soweit kommen?

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Am Anfang geht alles noch seinen geordneten Gang. Im Einvernehmen mit der Sparkasse lobt Bremen einen städtebaulichen Wettbewerb aus. Es geht um Baumassen, Höhen und Wegebeziehungen, noch nicht um Architektur. Wichtigste Kennziffer, und das wird während der gesamten Zeit so bleiben, ist die Bruttogeschossfläche. Daran misst sich für die Investoren, wie viel Rendite sie herausschlagen können. Mehr Fläche, mehr Gewinn, so einfach.

Die Stadt stellt sich für das Gelände am Brill rund 40.000 Quadratmeter vor. Als der Sieger des Wettbewerbs bei 47.000 Quadratmetern landet, soll das auf Geheiß der Baubehörde kritisch geprüft werden, übersetzt bedeutet das: zur Not ja. Doch dann weht der Wind auf einmal von ganz woanders her. Beauftragt vom neuen Eigentümer des Areals, dem israelischen Brüderpaar Samuel und Pinchas Schapira, zieht ein Architekt von Welt in die Planung ein. Der US-Amerikaner Daniel Libes-­kind zaubert vier hohe Türme aufs Papier. Ein spektakulärer Entwurf, an dem sich sofort die Geister scheiden. Die einen feiern ihn, die anderen sind entsetzt. Mit dem Plan hat sich die Bruttogeschossfläche gegenüber den ursprünglichen Überlegungen der Stadt so gut wie verdoppelt und liegt jetzt bei 76 000 Quadratmetern.

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Das ist der Punkt, an dem das Bauressort nicht mehr mitgehen will. Die Schapiras bekommen per Brief eine Absage, die Botschaft ist klar und unmissverständlich: So nicht! Senatorin Maike Schaefer (Grüne) verweist von nun an auf den entsprechenden Passus im Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und Linken. Dort nehmen die Regierungsparteien das Ergebnis des städtebaulichen Wettbewerbs als Grundlage für die Planungen auf dem Sparkassengelände. Der Investor wertet diese Haltung als Affront. Monatelang herrscht Schweigen zwischen ihm und der Behörde. Die Schapiras wollen mit Schaefer nicht mehr reden – wohl aber später mit dem Bürgermeister.

Bovenschulte macht ungewöhnlichen Vorstoß

Andreas Bovenschulte (SPD) setzt sich mit einem höchst ungewöhnlichen und im Senat eigentlich nicht statthaften Schritt über die Ressortzuständigkeit hinweg. Er reist zu Beginn dieses Jahres nach Hamburg und wird in einem Nobelhotel beim Investor vorstellig. Die Schapiras zeigen ihm einen neuen Entwurf – kein Libeskind mehr, sondern Pläne des Architekturbüros Chapman Taylor. Wie Bovenschulte sich dazu bei dem Treffen verhält, ist nicht überliefert. Als Ministerpräsident ohne Weisungsbefugnis gegenüber den Senatoren bleibt er in der Öffentlichkeit still und sagt nichts.

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Im März bekommt auch die Bausenatorin den veränderten Vorschlag, er umfasst 56 000 Quadratmeter, liegt also ebenfalls deutlich über der Maßgabe der Stadt. Die Schapiras machen jetzt noch einmal Druck und schicken ihre Emissäre los, darunter einen Vorstand der Sparkasse. Kurz vor Pfingsten gibt es ein Treffen in der Behörde, das ohne greifbares Ergebnis verläuft.

Am Montag dieser Woche teilen die Schapiras schließlich mit, dass sie von jeglichen Neubauplänen abrücken. Investieren wollen sie nur noch in den Bestand, in Häuser, die aus Sicht der Sparkasse zum Teil nur noch für den Abriss taugen. „Wir hätten am Brill gerne ein Leuchtturmprojekt mit großer Strahlkraft über die Bremer Landesgrenzen hinaus realisiert. Wir akzeptieren und respektieren jedoch die Entscheidung der Stadt“, lässt sich der Investor in einer Pressemitteilung zitieren. Dem Senat hat er vorher nicht Bescheid gesagt.

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