Bovenschulte soll auf Böhrnsen folgen

Bremer SPD hat offenbar Kronprinzen gekürt

Bremen. Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) gibt sein Amt ab. Das steht fest – niemand rechnet damit, dass er zum politischen Johannes Heesters werden will. Offenbar hat die SPD bereits einen Kronprinzen gekürt: Andreas Bovenschulte könnte Böhrnsen beerben.
19.05.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Bremer SPD hat offenbar Kronprinzen gekürt
Von Wigbert Gerling
Bremer SPD hat offenbar Kronprinzen gekürt

Bremen. Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) gibt sein Amt ab. Das steht fest – niemand rechnet damit, dass er zum politischen Johannes Heesters werden will. Bisher aber fehlten zu der Feststellung immer noch kleine, aber doch interessante Ergänzungen: An wen gibt er ab und wann?

Seit einer Woche ist beim Wörtchenpaar "an wen" die Sicht besser: Auf dem Landesparteitag in Vegesack wurde Andreas Bovenschulte mit 95 Prozent der Stimmen im Amt des sozialdemokratischen Landesvorsitzenden bestätigt. Es gab nur sechs Gegenstimmen, und man ist geneigt zu glauben, dass diese von Delegierten kamen, die mit ihrem Stift den Wahlzettel nicht richtig trafen, weil sie ihre Brillen zu Hause vergessen hatten.

Die Delegierten müssen sich nicht schämen, wenn sie dieses Ergebnis so knapp unter hundert Prozent kollektiv zusammenzucken ließ. Denn damit gibt es nun fast die Verpflichtung, die politische Erbfolge zugunsten von Andreas Bovenschulte anzupeilen. In der Kulisse steht zwar auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Carsten Sieling, aber der wird sein Glück in Berlin suchen. Und es gibt den kleinen Unterschied: Sieling ist in der Partei respektiert, Bovenschulte ist respektiert und geliebt. Herz oder Hirn, ganz gleich, wer was bevorzugt, die Genossen mögen ihren "Bovi".

Da steht er nun und kann gar nicht mehr anders. Er selbst mag seine neue Rolle vorn an der Rampe offenbar noch am wenigsten fassen, sollte aber ab sofort das Warmlaufen in Richtung Rathaus üben.

Der Schub pro Bovenschulte wurde auf dem Parteitag geradezu sinnlich transportiert – seine herausragende Stellung in der SPD war auf der Empore augenfällig: 36 Quadratmeter freie Fläche, eine hell erleuchtete Bühnenrückwand von 48 Quadratmetern – davor ganz alleine als Redner der Landeschef. So sehen Sozis Sieger. Fehlte nur noch, dass Bovenschultes Rede ab und zu vom Rieseln roter Rosen unterbrochen wurde.

Wann geht Böhrnsen?

Und dann diese 95 Prozent! Oh, Schreck! Mit solch einem Resultat muss es bei der Diskussion um einen Termin für die Stafettenübergabe von Böhrnsen an Bovenschulte nun aber auch gleich losgehen. Und tatsächlich – es geht los. Deshalb erlebt das Wörtchen "wann" in den parteiinternen Diskussionen jetzt einen enormen Aufschwung. Da wird es allerdings etwas komplizierter. Niemand in der SPD möchte Böhrnsen verscheuchen, aber es ist schließlich geradezu geprägt von physischer Notwendigkeit, dass er seinen Stuhl räumen muss, bevor sich Bovenschulte draufsetzen kann – es gibt nur ein’n Rudi Völler, aber auch nur ein’n Bremer Bürgermeister.

Früher... da war es einfacher. Als die Losung spätestens 2005 lautete, der Scherf müsse weg, da hatte der Status quo etwas Stimmiges: Der damalige SPD-Regierungschef Henning Scherf sah viele Genossen am liebsten von hinten und viele Genossen ihn ebenso. Beides hatte genau denselben – sehr hohen – Grad erreicht. So ging es dann einfach: Man entfernte sich immer weiter, bis die Verbindung riss. Scherf dankte ab, wurde Pensionär und kann sich seither auf hohem Versorgungsniveau als Philosoph der lustvollen Vergreisung profilieren – in Seniorenresidenzen von Flensburg bis Bad Hindelang dürfte sein Name einen guten Klang haben.

Anders Böhrnsen. Er ist SPD-kompatibel. Völlig. Das unterscheidet ihn nicht von Bovenschulte. Böhrnsen in die Wüste schicken? Damit ist nicht zu rechnen. Königsmörder werden im öffentlichen Teil der Politik gerne so stigmatisiert, wie sie im Hintergrund gebraucht werden. Aber in diesem Fall sind sie gar nicht gefragt. Wenn Böhrnsen bleiben will, dann bleibt er. Aber will er bis zum Ende der Legislaturperiode 2015 bleiben? Die eindeutige aktuelle Bilanz: Die einen sagen so, die anderen so. Also haben die küchenpsychologischen Kenner unter den Sozialdemokraten Hochkonjunktur, schwanken aber in ihren Bewertungen. Bis vor Kurzem sah es demnach eher so aus, als liebäugele Bürgermeister Böhrnsen mit einem Amtsverzicht in absehbarer Zeit und sortiere bereits sein politisches Vermächtnis.

Plan A sollte greifen. Der dazugehörige Grundgedanke unter Parteistrategen: In die nächste, erstmals fünfjährige Legislaturperiode fällt die bundesweite Neuordnung des Länderfinanzausgleichs. Es muss in den letzten Etappen bis 2019 der Nachweis erbracht werden, dass Bremen die Schuldenbremse einhalten und auf eine zusätzliche jährliche Verschuldung verzichten kann. In einer solch entscheidenden Phase für die Zukunft des Bundeslandes ist es demnach nicht opportun, die Regierungsspitze auszuwechseln. Dies ist zwar an den Haaren herbeigezogen, klingt aber zumindest bei nachlässigen Zuhörern einigermaßen intelligent und politisch jeden Fall wichtig – in den Parteidiskussionen um den besten Zeitpunkt für die Böhrnsen-Nachfolge dürften diese Hinweise verfangen.

Teil zwei von Plan A: Um dem Nachfolger Bovenschulte vor der Wahl 2015 genug Zeit für die Bemühungen um bremische Berühmtheit einzuräumen, wird der Wechsel – wie auch bei Scherf zu Böhrnsen – rund anderthalb Jahre vorher vollzogen. Demnach bleibt nur die Frage, ob der Mai 2013 genau zwei Jahre nach der Bürgerschaftswahl der richtige Moment wäre oder noch die Bundestagswahl im Herbst kommenden Jahres abgewartet werden sollte.

Der Wechsel ist eher ein Prozess

Doch sozialdemokratische Auguren haben es geschafft, die forschen Terminplaner zu irritieren – und zwar unmittelbar nach dem Vegesacker Parteitag. Da sickerte doch tatsächlich nach der "Frühstücksrunde" mit den Senatoren durch, dass der Bürgermeister das Thema "bezahlbare Wohnungen" in Bremen aktiv angehen will. Es wurde auch sogar eigens eine Staatsräte-Arbeitsgruppe eingesetzt. Strategen reiben sich die Augen: Da setzt doch dieser Böhrnsen unversehens ein größeres politisches Rad in Gang. Man weiß nicht, was soll es bedeuten. Vermächtnis ordnen jedenfalls sieht anders aus.

Die Terminplanung für den Wechsel Böhrnsen-Bovenschulte wird wohl eher ein Prozess, der für Heißsporne nicht geeignet ist. Mutmaßlich bleibt der Amtsinhaber bei seiner Ankündigung, wonach er diese Legislaturperiode durchmacht und -hält. Zeitnah könnte 2015 der Rückzug eingeleitet werden.

Dann kommt Bovenschulte, der ab sofort klar der Kronprinz ist. Ihm ist dieser Status noch spürbar unheimlich. Er wehrt ab, unterstreicht unentwegt seine Freude über die große Zustimmung für seine Arbeit ausschließlich als Parteivorsitzender und preist Jens Böhrnsen in einer Intensität, die den Verdacht einer fürsorgliche Belagerung nähren kann.

Bovenschulte ist Jahrgang 1965 und hatte keine Chance, den britischen Schriftsteller Oscar Wilde kennenzulernen (Jahrgang 1854). Ein Satz des Literaten aber dürfte schließlich auch für den aktuellen "Mister 95 Prozent" der SPD gelten, der sich noch ziert: "Ich kann allem widerstehen – nur nicht der Versuchung."

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