Bremer Spediteure bereiten den Transport vor

Wie sich Bremer Firmen auf die Auslieferung des Corona-Impfstoffs vorbereiten

Die Verteilung des Corona-Impfstoffs wird eine Aufgabe für die gesamte Logistikbranche sein. Wie sich Unternehmen wie Kühne+Nagel und Leschaco schon jetzt auf diese Herkules-Aufgabe vorbereiten.
23.10.2020, 05:00
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Wie sich Bremer Firmen auf die Auslieferung des Corona-Impfstoffs vorbereiten
Von Florian Schwiegershausen

Als Kühne+Nagel in dieser Woche seine Geschäftszahlen für das dritte Quartal veröffentlicht hat, erwähnte der Logistiker nebenbei: „Kühne+Nagel ist vorbereitet, um Distributionsdienstleistungen für Covid19-Impfstoffe, Test-Kits und weitere Hilfsmaterialien sicherzustellen.“ Hier geht es um die zentrale Frage, die die Logistikbranche seit Wochen beschäftigt: Wenn der Impfstoff gegen Corona da ist, wie wird er in die Arztpraxen und Gesundheitsämter kommen?

Kühne+Nagel, das seine Deutschland-Zentrale in Bremen hat, will dabei eine Rolle spielen. Der Transport von Pharmazie-Produkten ist wichtiger Teil des Geschäfts. Erste Verträge in der Kontraktlogistik sind bereits geschlossen, um als Dienstleister den Impfstoff vom Hersteller in die Läger am Zielort zu bringen. Weltweit werden laut Unternehmensberatung Seabury zwischen elf und 15 Milliarden Impfdosen benötigt.

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Ein Sprecher von Kühne+Nagel erläutert die Berechnungen: „Heute geht man davon aus, dass ein künftiger Covid19-Impfstoff in zwei Dosen verabreicht werden muss. Falls zwischen 70 und 75 Prozent der Weltbevölkerung geimpft wird, bedeutet das die genannte Zahl an Impfdosen. In der Annahme, dass die Hälfte per Luft transportiert wird, würde das der Kapazität von insgesamt weniger als 1000 Boeing-747-Frachtern entsprechen.“

Wegen des Zeitfaktors ist für die Impfdosen Luftfracht gefragt, erst in späteren Wellen vielleicht auch der Schiffstransport. Der Impfstoff benötigt voraussichtlich während der gesamten Lieferkette Temperaturen zwischen zwei und acht Grad. Das ist zum einen mit Kühlcontainern möglich, den sogenannten Reefern, zum anderen kann man die Pakete mit den Impfdosen auch mit Trockeneis kühlen. Das gilt in großen Mengen aber als Gefahrgut: Es besteht aus Kohlendioxid und nimmt im gasförmigen Zustand um das 760-fache zu. Der Sauerstoffmangel kann daher in geschlossenen Räumen für Logistikmitarbeiter zum Verhängnis werden.

Teamwork wichtig bei Transportoptionen

Ein wichtiger Baustein in der Lieferkette soll bei Kühne+Nagel laut Sprecher der neue Standort am Flughafen Brüssel werden, der im September eröffnet wurde: "Dort haben wir direkten Zugang zum Rollfeld, wodurch wir die Produktintegrität jederzeit sicherstellen können. Das ist gerade bei temperatursensiblen Produkten von höchster Relevanz.“ In der Benelux-Region ist die Pharmabranche stark vertreten – auch die Unternehmen, die bereits in der letzten Erprobungsphase eines Impfstoffs sind.

Wenn es aber jetzt um Lieferungen nach Deutschland geht, werden die Impfseren wohl eher am Boden bleiben. „Wenn aus der Benelux-Region Bremen oder Norddeutschland mit Impfstoff beliefert werden soll, dann wird das voraussichtlich in erster Linie über die Straße geschehen. Trotzdem: Derzeit kennen wir die Einzelheiten zur Produktion noch nicht“, stellt der Sprecher von Kühne+Nagel fest. „Die Verteilung des Covid19-Impfstoffs wird eine Aufgabe für die gesamte Logistikbranche sein. Da werden nicht nur wir als Kühne+Nagel gefragt sein. Es müssen alle Spieler bei optimaler Planung zusammenarbeiten.“

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Daher sieht hier auch das Bremer Logistikunternehmen Lexzau, Scharbau & Co (Leschaco) seine Chance. Oliver Kaut beschreibt es so: "Hanseatisch und mit Bedacht in kleinerem Rahmen: Wir wollen das anbieten, was wir seit vielen Jahren können." Kaut ist bei Leschaco der globale Luftfracht-Chef und arbeitet in Frankfurt am Main. Für das Bremer Logistikunternehmen stellt der Pharmabereich eine wichtige Säule dar.

Angesichts der erforderlichen Kapazitäten geht Kaut davon aus, dass selbst große Carrier wie DHL, Fedex, UPS aber auch Kühne+Nagel das alles nicht bedienen können – auch wenn sie gut aufgestellt seien. Worauf er sich bei den ersten Auslieferungswellen einstellt: „Es wird den Markt überrennen. Das braucht entsprechende Lagerkapazitäten direkt an den Flughäfen.“

Die richtige Temperatur

Da sei Leschaco schon jetzt in der Beratung für die Kunden tätig. Allein schon das sei ein nicht zu unterschätzendes Geschäftsfeld für die Bremer. Hier gehe es auch um die Kühlkette vor und nach dem Lufttransport. Denn im Frachtraum des Fliegers selbst sei es kein Problem, die richtigen Temperaturen zu halten.

Auch den Transport danach im Lkw per Kühlcontainer sieht Kaut zwar gelassen, da könne es aber mit den Kapazitäten eng werden: „Heute sind diese Container schon in der Seefahrt knapp, weil sie in der Welt nicht dort verfügbar sind, wie man es sonst klassisch kannte, sei es zur Fischsaison in Lateinamerika. Auch beim Trockeneis kann es zu Engpässen kommen.“

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Leschaco beschäftigt sich nun damit, zusätzliche Trailer anzumieten, Kühlcontainer auf Vorrat zu holen und zum Teil auch zu kaufen. „Damit hätten wir mobile Läger und können unseren Beitrag leisten, wenn unsere Kunden danach fragen“, begründet Kaut. Er rechnet damit, dass das Ausrollen des Impfstoffs nicht ohne Airlines wie Lufthansa mit ihrem Cargo-Bereich zu bewerkstelligen sei. Er geht sogar davon aus, dass wieder Passagiermaschinen zu Frachtfliegern umfunktioniert werden.

Sprecherin Jacqueline Casini sagt dem WESER-KURIER: „Dazu gibt es bei Lufthansa Cargo eine eigene Task Force, die sich allein um die Vorbereitung dieser wichtigen Transporte kümmert. Unser Heimatdrehkreuz Frankfurt spielt dabei natürlich eine zentrale Rolle, daneben bauen wir weltweit an über zwei Dutzend weiteren Stationen vor – für das, was kommen wird.“ Lufthansa, Leschaco und Kühne+Nagel: Alle wollen bereit sein, wenn der wichtige Impfstoff endlich auf die Reise gehen wird.

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