WESER-KURIER-Talk in der Neustadt

Bremer Spitzenkandidaten auf der Suche nach Klartext

Großer Andrang beim ersten WESER-KURIER-Talk mit den Bremer Kandidaten zur Bundestagswahl: Am Sonntag beantworteten sechs Politikerinnen und Politiker Fragen zu Rente, Bildung und Mobilität.
03.09.2017, 15:35
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Bremer Spitzenkandidaten auf der Suche nach Klartext
Von Jan Oppel
Bremer Spitzenkandidaten auf der Suche nach Klartext

Diskutierten über die Wahlkampfthemen: Doris Achelwilm (Linke), Kirsten Kappert-Gonther (Grüne); Sarah Ryglewski (SPD), Moderator Moritz Döbler, Elisabeth Motschmann (CDU), Lencke Steiner (FDP), Reporter Jürgen Hinrichs und Frank Magnitz (AfD)

Frank Thomas Koch

Kaum ein Durchkommen. Die Kellnerin balanciert auf ihrem Tablett Kaffeetassen und Biergläser durch den Saal. Auf den Tischen stehen Körbe mit Brezeln, die Leute quatschen und sitzen dicht gedrängt. Der WESER-KURIER hat am Sonntagmorgen ins Restaurant "Filosoof" am Buntentorsteinweg in der Neustadt eingeladen – Frühschoppen mit den sechs Bremer Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl. Und schon eine halbe Stunde vor dem Start gibt es keinen freien Platz mehr. Pech für alle, die später kommen. Ein kurzer Blick durch den Saal, nichts zu machen. Aber die Veranstaltung wird immerhin draußen auf einem Bildschirm übertragen. „Sie sind zahlreicher gekommen, als wir es erwartet haben“, sagt Chefredakteur Moritz Döbler bei seiner Begrüßung. „Das Thema Politik zieht in Bremen.“

Noch viele Wähler unentschlossen

Die Zuschauer wollen sich ein Bild von ihren Kandidaten machen. Einer sogar im Wortsinn. Schnell knipst er mit seinem Smartphone noch ein Foto von den Spitzenvertreter der Bremer Parteien auf dem Podium, bevor es losgeht. Am 24. September ist Bundestagswahl. Aber nach jüngsten Umfragen wissen mehr als 40 Prozent der Wähler noch nicht, wo sie ihr Kreuz machen werden. So viele, wie noch nie in den vergangenen 20 Jahren. Das zeigt sich auch beim WESER-KURIER-Kandidatentalk. Und als Döbler zusammen mit Chefreporter Jürgen Hinrichs das Publikum fragt, wer denn noch unentschlossen ist, melden sich viele im Raum.

Lesen Sie auch

Doris Achelwilm von der Linken kann diesen Eindruck nur bestätigen. Die Leute kämen in Scharen zu den Infoständen der Parteien. „Die Wähler haben viel Gesprächsbedarf“, sagt sie. Ein Grund für die Unentschlossenheit, sei wohl auch der Umstand, dass die Kanzlerfrage schon entschieden scheint. Diese Meinung teilt die Mehrheit der Bremer Kandidaten auf dem Podium. Allein Sarah Ryglewski (SPD) glaubt, dass für den Kanzlerkandidaten Martin Schulz noch etwas geht. Elisabeth Motschmann von der CDU, hofft, dass ihre Partei mit Angela Merkel an der Spitze das Ergebnis der letzten Wahl wiederholen kann. Dafür zieht Motschmann dieser Tagen von Tür-zu-Tür. 400 Bremern hat sie schon einen Hausbesuch abgestattet.

WK-Talk 1 mit Spitzenkandidaten aus Bremen im Filosoof Sudhaus -

Die Plätze waren schnell belegt. 120 Zuschauer kamen zum politischen Frühschoppen ins Filosoof.

Foto: Frank Thomas Koch

Diskussion über Dieselskandal

Für die Vertreter der Alternative für Deutschland, Grünen, Linken und FDP ist das enge Rennen um Platz drei interessanter als die Kanzlerfrage. „Gerade, weil es noch so viele Nichtwähler gibt – die müssen wir mobilisieren“, sagt die FDP-Kandidatin Lencke Steiner. Frank Magnitz von der AfD rechnet sich Chancen auf ein zweistelliges Ergebnis aus. Die aktuellen Umfragen sehen seine Partei zurzeit zwischen acht und zehn Prozent.

Dann geht es inhaltlich los: Der Dieselskandal. Ein Thema, wie gemacht für die Grünen. Deren Spitzenkandidatin Kirsten Kappert-Gonther ist in ihrem Element. „Die Automobilindustrie hat unsere Gesundheit wissentlich aufs Spiel gesetzt“, beklagt sie. Aber nicht nur die Autos in den Innenstädten seien ein Problem. „Wir müssen Mobilität völlig neu denken.“ Für Kappert-Gonther heißt das: Bremen soll Hauptstadt der E-Mobilität werden, dazu brauche das kleinste Bundesland ein neues Verkehrskonzept und unter anderem mehr Einkaufsmöglichkeiten in den Stadtteilen.

Lesen Sie auch

Darauf meldet sich ein Zuschauer. Es werde bei dem Thema immer nur über die Autos diskutiert. „Aber was ist mit dem wachsenden Flugzeug- und Schiffsverkehr? Der wird bei der Debatte gerne vergessen“. Im Dieselskandal sieht er in erster Linie einen Schaden für das Ansehen der deutschen Wirtschaft. Die SPD-Kandidatin Ryglewski nickt. „Der Dieselskandal ist ein Armutszeugnis für die deutsche Wirtschaft. Ich hätte erwartet, dass die Konzerne die Kunden freiwillig entschädigt hätten. Die Leute wurden betrogen“, sagt Ryglewski, die Sprecherin des Themenforums Verbraucherpolitik der Bundes-SPD ist.

WK-Talk 1 mit Spitzenkandidaten aus Bremen im Filosoof Sudhaus -

Fragen ausdrücklich erwünscht: WESER-KURIER-Chefredakteur Moritz Döbler unterstützt das Publikum mit dem Mikrofon.

Foto: Frank Thomas Koch

Motschmann: "Das Problem ist, dass Bremen nicht mit dem Geld vom Bund umgehen kann"

Moritz Döbler und WESER-KURIER-Chefreporter Jürgen Hinrichs müssen als Moderatoren die Kandidaten immer wieder ermahnen. Denn die schweifen gerne auch mal ab, ohne die Fragen konkret zu beantworten.

Beim Thema Bildung meldet sich eine ehemalige Schulleiterin aus dem Publikum zu Wort. „Bremen muss endlich anfangen, Bildungsgerechtigkeit zu schaffen und das Angebot Ganztagsschulen ausbauen“, fordert sie. „Dafür müssen wir das Kooperationsverbot in Sachen Bildung endlich abschaffen.“ Die FDP-Politikerin Steiner spricht sich ebenfalls für eine Aufhebung des Kooperationsverbots zwischen Bund und Ländern aus. Dann könne der Bund auch in Schulen investieren.

„Ich sehe nicht, dass wir den Bildungsföderalismus abschaffen müssen“, kontert Motschmann. „Das Problem ist eher, dass Bremen nicht mit dem Geld vom Bund umgehen kann.“ Die CDU-Politikerin verweist darauf, dass der Bildungsetat unter Kanzlerin Angela Merkel stark erhöht worden sei. Linken-Politikerin Achelwilm ist das nicht genug: Sanierungsstau, fehlende Lehrkräfte – alles Probleme, die vom Geld abhingen. Im Stadtstaatenvergleich sei Bremen das Bundesland, was am wenigsten für Bildung ausgebe. „Der Bremer Standard ist nicht wettbewerbsfähig“, findet der AfD-Kandidat Magnitz. Am Ende sind sich alle einig, dass Bremen bei der Bildung einiges nachzuholen hat.

Zu wenig Klartext

Nach anderthalb Stunden ist der erste Polit-Talk vorbei. So früh sie gekommen sind, so schnell drängen die Gäste nach der Veranstaltung wieder ins Freie. Drinnen ist es warm geworden, die Luft steht. Die Kellnerin räumt die Gläser ab. Vor dem Restaurant sind zwei Frauen schon bei der Manöverkritik. Eine gute Idee sei der WESER-KURIER-Talk zur Wahl, findet die eine. „Mich stört aber, dass die Spitzenkandidaten offenbar nicht in der Lage sind, ein Thema in kurzen, prägnanten Sätzen zu beantworten“, sagt die andere. Zu wenig Klartext, da sind sich die beiden einig. Für die Politiker geht es an diesem Vormittag gleich weiter. Einer nach dem anderen steigen sie in ihre Autos: Anschlusstermine. Infostände, Hausbesuche, Podiumsdiskussionen – schließlich ist Wahlkampf.

Zwei weitere Gelegenheiten zur Diskussion: Bei zwei weiteren politischen Frühschoppen des WESER-KURIER haben alle Interessierten Bremerinnen und Bremer noch Gelegenheit, sich ein Bild von den Bremer Spitzenkandidaten zur Bundestagswahl zu machen. Am kommenden Sonntag, 10. September, werden die sechs Parteienvertreter von CDU, SPD, Grünen, FDP, Linken und der AfD um 13 Uhr in der Union-Brauerei, Theodorstraße 12, in Walle erneut aufeinandertreffen.

Eine Woche später, am Sonntag, 17. September, treffen sich die Kandidaten zum dritten Frühschoppen um 10 Uhr im Grand Central an der Rockwinkeler Landstraße 42b in Oberneuland. Selbstverständlich bekommen alle Besucher auch bei diesen beiden Veranstaltungen Gelegenheit, Fragen an die Kandidaten zu richten. Der Eintritt ist wie beim ersten Talk frei. Die FDP-Politikerin Lencke Steiner wird allerdings beim zweiten politischen Frühschoppen von Thore Schäck, Vorsitzender der FDP-Jugendorganisation Junge Liberale in Bremen, vertreten. Am kommenden Sonntag werden WESER-KURIER-Chefreporter Jürgen Hinrichs und André Fesser, stellvertretender Leiter der Lokalredaktion, das zweite Aufeinandertreffen der Politiker in der Union-Brauerei in Bremen-Walle moderieren.

Dieser Artikel wurde um 19:35 Uhr aktualisiert.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+