Bremens Bau und Stadtentwicklung

Staatsrätin Nießen: „Wir können nicht jeden zufriedenstellen“

Mit schnellem Rhythmus, strukturiert und transparent will Gabriele Nießen, Bremens neue Staatsrätin für Bau und Stadtentwicklung, ihre Arbeit angehen. Ein Interview über Hochhäuser und Rock'n'Roll auf dem Bau.
15.02.2020, 06:00
Lesedauer: 5 Min
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Staatsrätin Nießen: „Wir können nicht jeden zufriedenstellen“
Von Pascal Faltermann
Staatsrätin Nießen: „Wir können nicht jeden zufriedenstellen“

Die neue Baustaatsrätin Gabriele Nießen will über den Hochhaus-Leitfaden reden.

Christina Kuhaupt
Ihr Vorgänger Jens Deutschendorf hatte hier im Büro eine Schallplatte von John Denver stehen, mit dem er entfernt verwandt ist. Welche Schallplatte stellen Sie hier auf?

Gabriele Nießen: Oha. Ich glaube von Reinhard Mey „Mein Apfelbäumchen“. Ich habe die Platte zur Geburt eines meiner Kinder bekommen. Wer sich mit dem Text beschäftigt wird erkennen, dass die Zeilen auch sehr gut zur Entwicklung einer Stadt passen, zum Entstehen eines Hauses oder eines Stadtteils.

Ist das die Musik, die bei Ihnen im Bereich Bau und Stadtentwicklung läuft? Oder ist Ihre Arbeitsweise eher mit Klassik oder Heavy Metal zu vergleichen?

Auf jeden Fall Musik mit einem schnellen Rhythmus. Reinhard Mey wäre da etwas zu langsam. Heavy Metal ist etwas zu heftig. Ich würde sagen, am ehesten wäre es mit Rock'n'Roll zu vergleichen.

Wie sieht diese Rock'n'Roll-Arbeitsweise aus?

Meine Arbeitsweise ist: analysieren, einen Eindruck verschaffen, Rahmenbedingungen klären und dann Entscheidungen treffen.

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Und das alles sehr schnell?

Es sollte auf jeden Fall sehr strukturiert vonstattengehen.

Sie sind eine große Befürworterin von Partizipation und Bürgerbeteiligung. Gehen da nicht die kompletten Strukturen verloren, hält das nicht alles auf?

Nein, ich finde nicht, dass das aufhält. Das ist nicht die richtige Bezeichnung. Als Stadtplanerin gehört es heute unbedingt in den Handwerkskasten, relativ früh zu informieren und zu beteiligen. Beteiligung ist integrativ und iterativ – das hat doch etwas mit Struktur zu tun. Man erstellt ein Konzept, berichtet darüber und sammelt Anregungen. Dann ist man aber gefordert Bürgerinnen und Bürgern auch wieder mitzuteilen, was man mit den Anregungen gemacht hat.

Bei verschiedenen Projekten in Bremen ist jedoch zu sehen, dass die Bürgerbeteiligung die Prozesse verlangsamt.

Nein. Je eher sie Akzeptanz schaffen, umso besser wird das Ergebnis wahrgenommen. Was man aber nicht glauben darf, ist, dass man hinterher jeden zufriedenstellt. Man muss Prozesse transparent gestalten, muss erklären, wie man zu Entscheidungen gekommen ist, aber am Ende muss eine Entscheidung getroffen werden. Es hält auf, wenn man am Anfang zu weit vorprescht und vergisst, die Bürgerinnen und Bürger mitzunehmen. Dann wird quasi im Prozess interveniert.

Jetzt sieht man ja aber an diversen Projekten – Galopprennbahn, Ringschluss der A 281, Hochhaus im Ostertor oder Vegesack – in Bremen, wie die Prozesse durch Proteste und Klagen aufgehalten oder blockiert werden. Wie wollen Sie dagegen vorgehen?

Wie gesagt, man muss solche Prozesse sehr transparent, sehr kommunikativ gestalten. Das Wichtige ist, den Bürgerinnen und Bürgern Antworten auf ihre Fragen zu geben. Die stellen nicht immer zufrieden, wie man an der Kohlhökerstraße sieht. Dort ist jetzt trotzdem das Bauvorhaben gekommen, aber in einer geringeren Höhe.

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Wie stehen Sie zu Hochhäusern?

Es gibt ja bereits Hochhäuser in unserer Stadt, etwa 100 an der Zahl, also ist das kein neues Thema. Tatsächlich spielt unser Hochhaus-Leitfaden eine Rolle, der aber nur ein Entwurf ist, bei der Kohlhökerstraße aber eine Rolle gespielt hat. Ich finde dieses Werk hat die falsche Intention. Wir müssen uns damit auseinandersetzen, was ein Bremer Maß ist. Also wie wir in Bremen bauen wollen, um Stadtsilhouette zu bewahren, um sich mit einer Stadtbildanalyse und unserem baukulturellen Erbe auseinanderzusetzen.

Und wie sieht das Bremer Maß aus?

Nach dem Hochhaus-Leitfaden ist es beispielsweise in den schützenswerten City-Bereichen 45 Meter hoch.

Also wollen Sie nicht mehr so hoch bauen?

Wir müssen uns ansehen, was das bedeutet. Das Maß ist deutlich niedriger als manches geplante Hochhaus. Ich finde, wir sollten nicht schauen, wo Orte für Hochhäuser sind, sondern wo die zu bewahrenden Strukturen hinsichtlich Stadtsilhouette und Stadtbildanalyse sind. Daraus müssen wir dann das Bremer Maß entwickeln, egal wie viel Meter das dann tatsächlich sind.

Würfelbauten in der Überseestadt, viele einheitliche Blöcke, kaum außergewöhnliche Bauten - was für ein Bild haben Sie von der Architektur in Bremen?

Ganz unterschiedlich geprägt, mit kulturell sehr bedeutsamen Quartieren. Durch das Bremer Haus haben wir sehr, sehr ansprechende, historisch geprägte Viertel. Wir haben aber auch Siedlungserweiterungen der 60er- und 70er-Jahre, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen. Das städtische Gefüge sollte immer eine Rolle spielen. Das hat immer etwas mit dem Einzelfall, mit dem Stadtquartier zu tun. Historisierend sollte es aber nicht sein.

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Müsste sich Bremen architektonisch nicht ein bisschen mehr trauen? Wie zum Beispiel mit den Libeskind-Türmen?

Ich finde Bremen vielfältig. Es ist das Wesen von Architekturwettbewerben, dass man sich bei stadtbedeutsamen Vorhaben damit auseinandersetzt, was man sich als Antwort wünscht. Ich halte Wettbewerbsverfahren für unbedingt erforderlich.

Sie haben lange in Oldenburg gearbeitet, zuletzt in Ludwigsburg. Was kann denn Bremen von kleineren Städten lernen?

Ich würde es umdrehen und sagen, dass die Ludwigsburger von den Bremern lernen können, dass sie mehr Fahrrad fahren. Viele Bereiche in Deutschland können sich die multimodale Entwicklung hin zum Rad und zum reduzierten Autoverkehr in Bremen abschauen.

Laut Koalitionsvertrag sollen die Voraussetzungen für 10.000 neue Wohnungen in der Legislaturperiode geschaffen werden. Wie soll das gelingen?

Das beantworte ich am Tag 101, wenn ich mir einen größeren Überblick verschafft habe. Aber es gibt in der Koalitionsvereinbarung viele Punkte die darauf abzielen, was wir machen: Das Erbbaurecht, ein möglicher Bodenfonds, soziale Wohnraumförderung – das sind Instrumente, mit denen man sich befassen muss. Wir haben zwar einen angespannten Wohnungsmarkt, aber im Vergleich zu anderen Regionen steht Bremen gut da, was die von Quote der von Eigentümern bewohnten Wohnungen oder die Nettokaltmiete von knapp sechs Euro angeht.

Wie sehen Sie die Situation in der Innenstadt? Nehmen Investoren wie Kurt Zech oder Christian Jacobs der Stadt die Gestaltung ab?

Nein. Wir formulieren die Vorgaben, die Investoren wollen ihr Vorhaben realisieren. Das geht nur gemeinsam und zwar über die Steuerung mit den Instrumenten, die wir haben, über Beratung und weitere Gespräche.

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Sie wohnen noch in Oldenburg. Sollte eine Stadtentwicklerin nicht in Bremen leben?

Ich schaue mir erst mal an, wie das mit dem Pendeln funktioniert. Zwei meiner Kinder gehen noch zur Schule. Aber trotzdem vertrete ich grundsätzlich die Auffassung, wenn man für Stadtentwicklung verantwortlich ist, dass man auch in der Stadt leben muss, um sie zu verstehen. Wir haben gerade angefangen die Immobilienportale zu sichten.

In Oldenburg werden Sie als Kandidatin für die Oberbürgermeister-Wahl gehandelt. Sind Sie bald wieder weg aus Bremen?

Nein, ich will in eineinhalb Jahren nicht in Oldenburg kandieren. Ich freue mich sehr auf meine Aufgaben als Staatsrätin.

Das Interview führte Pascal Faltermann.

Info

Zur Person

Gabriele Nießen (55) ist Diplom-Ingenieurin für Raum- und Umweltplanung und seit dem 1. Februar Staatsrätin für Bau und Stadtentwicklung. Die gebürtige Düsseldorferin arbeitete zuvor als Bürgermeisterin in Ludwigsburg und Stadtbaurätin in Oldenburg. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder.

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