Nach Urteil des Bundesverfassungsgerichts

Bremer Sterbehelfer erzählt von seiner Arbeit

Peter Puppe hilft Menschen in den Tod – nach dem Urteil der Verfassungsrichter ist das wieder erlaubt. Der Bremer, 76 Jahre alt, war früher Lehrer. Sterbehelfer ist er seit 15 Jahren.
28.02.2020, 07:30
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Sterbehelfer erzählt von seiner Arbeit
Von Jürgen Hinrichs
Bremer Sterbehelfer erzählt von seiner Arbeit

Peter Puppe war früher Lehrer. Seit 2005 arbeitet er als Sterbehelfer.

Frank Thomas Koch

Sie wollte in ihrem Leben keine 18 werden, so hat sie es ihm gesagt, am Telefon. Peter Puppe sollte ihr beim Sterben helfen, deswegen der Anruf. „Sie hat mich gefragt, ob sie kommen darf“, erzählt er, „normalerweise mache ich das nicht, keine Beratung bei mir zu Hause.“ Doch so weit kam es nicht. „Als das Mädchen sagte, dass es ohne Rückfahrkarte bucht, habe ich abgelehnt.“

Wie der Fall ausgegangen ist, weiß Puppe nicht. So wenig wie bei den meisten Menschen, die er trifft, weil sie sich den Tod wünschen. Dann hat Puppe nur mit ihnen geredet, mehr nicht. Bei wie vielen er daneben saß, als sie ihren letzten Atemzug taten? Wie vielen er etwas mitgebracht hat, damit sie sterben können? „Ich weiß die genaue Zahl nicht.“ Grob schätzen kann er sie aber schon. Es dürften knapp 200 gewesen sein.

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Der Mann holt eine elektrische Kaffeemühle aus dem Schrank hervor und schraubt den Deckel ab. Er zeigt den Inhalt, die Reste eines weißen Pulvers: „Probieren Sie mal, nicht schlimm, passiert nichts.“ Er nimmt ein bisschen, leckt den Finger ab: „Bitter!“ Das Zeug ist in so geringer Dosierung ungefährlich, wirkt aber tödlich, wenn 60 bis 80 Tabletten pulverisiert und in Wasser aufgelöst getrunken werden. Das war das Mittel seiner Wahl, so hat er es gemacht. Und dann gesessen. Und gewartet. „Weg gegangen bin ich immer erst, wenn der Mensch nicht mehr geatmet hat. Das verspreche ich vorher.“

Puppe, 76 Jahre alt und ehemaliger Lehrer, ist Sterbehelfer. Der einzige in Bremen, sagt er, und einer von nur noch ganz wenigen in Deutschland. Es war ein Triumph für ihn, als am Mittwoch ein Gesetz kassiert wurde, das ihm sein Leben mit dem Sterben schwer gemacht hat. Das Bundesverfassungsgericht hob das Verbot organisierter Sterbehilfe auf. Es verstößt gegen das Grundgesetz. Jeder Mensch, so die Begründung, hat ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben und darf sich dabei unterstützen lassen. „Das habe ich erhofft und auch erwartet“, sagt Puppe, „der Bundestag wollte damals nicht auf den Rat der Fachleute hören.“

Haltlose Vorwürfe der Staatsanwaltschaft

2015 war das, danach musste er aufpassen: „Ich habe seitdem nur noch beraten.“ So recht glauben wollten ihm die Behörden das nicht. Es gab ein Ermittlungsverfahren, erzählt Puppe. „Die haben mein Haus durchsucht.“ Der Vorwurf lautete, einer Frau in Weimar in den Tod geholfen zu haben. Die Beweise reichten aber nicht aus. Nach anderthalb Jahren wurden die Akten geschlossen. „Die Frau lag sechs Wochen lang tot in ihrer Wohnung. Glauben Sie, das hätte ich zugelassen?“ Schon deshalb, sagt Puppe, waren die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft haltlos.

Warum setzt er sich dem aus? Mit Strafverfolgern im Nacken, die ihn in bestimmten Fällen auch ohne das Gesetz von 2015 drankriegen können, wegen unterlassener Hilfeleistung zum Beispiel, auch wenn das juristisch umstritten ist. Puppe lehnt sich bei dieser Frage weit zurück in seinem Schreibtischstuhl und faltet die Hände vor dem Bauch, er holt aus: „Man kann darüber schöne Worte machen, aber trifft das den Kern?“

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Kurz erzählt war es so: „Ich hatte Interesse an dem Thema, habe das erste Mal geholfen und gemerkt, dass ich's kann.“ Zuerst vor 15 Jahren bei einem Mann, der 90 war, als er sterben wollte. Puppe gehörte damals zur Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben. Er kümmerte sich um Patientenverfügungen und wurde bei einem seiner Besuche plötzlich mit einer ganz anderen Bitte konfrontiert. Der 90-Jährige wollte den Tod, nichts anderes. Er hatte mehrfach versucht, sich umzubringen. Am Ende sind sie in die Schweiz gefahren, zur Sterbehilfeorganisation Dignitas. Dort hat der Mann seinen Willen bekommen.

„Wenn die Menschen offen über ihren Wunsch sprechen können, wirkt das schon befreiend“, sagt Puppe. Das Vertrauen ihm gegenüber, die Dankbarkeit – „ich war gerne Lehrer, aber das jetzt, das ist das Wertvollste für mich“. Nie, sagt er, läuft es gleich auf den Tod hinaus. „Selbstverständlich überlegen wir gemeinsam, ob es andere Möglichkeiten gibt.“ Doch noch einmal zum Arzt, das Leben verlängern? Letzter Versuch, und dann – Puppe stanzt einen Satz in den Raum seiner Wohnung: „Es geht nicht um die Beendigung von Leben. Es geht um die Beendigung von Leiden.“ Er wählt das Wort Bilanz-Suizid: Strich drunter, nachschauen und handeln. „Das ist kein voreiliger Tod.“

Die Schmerzen nicht mehr ertragen können

Er nimmt Geld für seine Arbeit: eine Aufwandsentschädigung, von der was übrig bleiben sollte, sagt Puppe. Wer seine Hilfe in Anspruch nehmen will, muss vorher zahlen, mindestens für Fahrt und Übernachtung. Gerne auch mehr. Ein Beispiel: die Tour ins Allgäu, ein Tag hin, ein Tag zurück und das Beratungsgespräch. Die Rechnung betrug 680 Euro. Puppe: „Ich bin ja kein Wohltäter.“ Vorher hat er sich als barmherziger Samariter bezeichnet und aus der Bibel zitiert. „Ich bin Christ. So wie man keine Verletzten liegen lässt, sollte man es auch mit den Menschen machen, die sterben wollen, weil sie ihre Schmerzen nach vielen Jahren nicht mehr ertragen können.“

Durch das Urteil aus Karlsruhe sind die Sterbehelfer von einigen Fesseln befreit. Doch für wie lange? Puppe ist skeptisch: „Der Gesetzgeber wird sich etwas einfallen lassen.“ Irgendeine Instanz zum Beispiel, vor der sich die Sterbewilligen erklären müssen, bevor entschieden wird, ob sie mit organisierter Begleitung den Tod wählen dürfen. Der Sterbehelfer winkt ab: „Das können Sie vergessen, das macht niemand mit.“ Viel zu groß die Sorge, meint er, unter Kontrolle und Zwang des Staates zu geraten. Puppe hat für die nächsten Wochen Termine gemacht. Gespräche mit Menschen, die ans Sterben denken. Geht er jetzt wieder den einen Schritt weiter? Setzt er die Kaffeemühle in Gang? „Ich weiß es noch nicht.“

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