Das Geschäft mit dem Tod

Bremer Sterbehelfer und Klient gehen gegeneinander vor

Sterbehelfer Peter Puppe wird von seinem Klienten angezeigt. Grund sind die Kosten für das Informationsmaterial und die Beratung. Beide fühlen sich betrogen und gehen jetzt gegeneinander vor.
03.05.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Bremer Sterbehelfer und Klient gehen gegeneinander vor
Von Jürgen Hinrichs
Bremer Sterbehelfer und Klient gehen gegeneinander vor

Verteidigt sich gegen die Vorwürfe eines Klienten: Sterbehelfer Peter Puppe.

Frank Thomas Koch

Peter Puppe handelt mit dem Tod. Er berät Menschen, die sterben wollen, gibt ihnen Handreichungen und nimmt Geld dafür. Puppe ist professioneller Sterbehelfer, eine Tätigkeit, die nach der jüngsten Rechtsprechung wieder besser dasteht, denn sie ist nicht mehr verboten. Probleme hat Puppe trotzdem, seit ihn einer seiner Kunden angezeigt hat. Die Polizei ermittelt wegen Wucher und Betrug. Doch was ist dran an den Vorwürfen, lassen sie sich tatsächlich halten? Eine Geschichte über Geschäfte im Graubereich und über das Leben und den Tod.

Als Horst Schmidt* Ende Februar in den Nachrichten hört, dass die Verfassungsrichter in Karlsruhe keinen Grund dafür sehen, geschäftsmäßige Sterbehilfe zu untersagen und in ihrer Entscheidung im Gegenteil das Recht auf einen selbstbestimmten Tod betonen, wartet er nicht lange und schreibt einen Brief an Peter Puppe. „Ich habe gegoogelt und bin auf Medienberichte über Herrn Puppe gestoßen“, erzählt der 71-Jährige. So kam es zu dem Kontakt.

Giftcocktail mit Medikamenten

Schmidt ist an COPD erkrankt, einer chro­nischen Schwächung der Lunge. Er benötigt rund um die Uhr künstlichen Sauerstoff, mal mehr, mal weniger, um seine Atemnot zu ­lindern. „Ich habe zu wenig geraucht, sonst wäre ich wohl schon tot“, sagt Schmidt. Er will nicht warten, bis es noch schlimmer wird. „Mittlerweile kann ich noch nicht einmal mehr staubsaugen.“ Er will sterben, sobald er das Gefühl hat, dass es reicht. Er will ein Mittel dafür haben, und Puppe sollte es ihm liefern. Medikamente, die stark genug sind, ihn zu töten.

Für den Sterbehelfer wäre das Routine gewesen. Er hat den Giftcocktail schon oft ­gemixt, bis diese Praxis vor fünf Jahren vom Gesetzgeber verboten wurde. Wie oft genau, weiß Puppe nicht, er kann die Zahl nur schätzen und kommt auf knapp 200 Fälle. So hatte er das Ende Februar dem WESER-KURIER ­erzählt, als ihn ein Reporter besuchte. Puppe ließ sich gerne befragen, kein Problem. Das Gespräch kam binnen einer Stunde zustande und fand in seiner Bremer Wohnung statt.

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Der Sterbehelfer machte damals auch aus den Details seiner Arbeit kein Geheimnis. Er kramte eine elektrische Kaffeemühle aus dem Schrank, schraubte den Deckel ab und zeigte, was drin ist, die Reste eines weißen Pulvers: „Probieren Sie mal, nicht schlimm, passiert nichts.“ In so geringer Dosierung wohl tatsächlich nicht. Die gesamte Menge von 60 bis 80 Tabletten, die pulverisiert und danach in Wasser aufgelöst wurden, hatte aber jedes Mal eine tödliche Wirkung. Es war zehn Jahre lang das Mittel seiner Wahl, so half er den Sterbenskranken, sich vom Leben in den Tod zu befördern. „Weggegangen bin ich immer erst, wenn der Mensch nicht mehr geatmet hat. Das hatte ich vorher versprochen.“

Puppe war früher Lehrer. Heute ist der 76-Jährige nach seiner Einschätzung einer von wenigen in Deutschland, bei denen man sich Rat holen kann, wenn das Leben ein Ende haben soll, weil die Leiden zu groß geworden sind. Er macht das seit 15 Jahren, durfte von 2015 an aber nur noch Gespräche anbieten und nicht mehr die direkte Unterstützung beim Sterben. Dass er sich daran hält, mochten die Strafverfolger nicht so recht glauben. Sie nahmen einen Fall in Erfurt zum Anlass, gegen Puppe zu ermitteln. Er soll dort 2016 einer Frau in den Tod geholfen haben. Seine Wohnung wurde durchsucht, doch beweisen konnten sie ihm nichts. Im vergangenen Jahr sind die Akten geschlossen worden. Puppe weist den Verdacht bis heute weit von sich: „Die Frau lag sechs Wochen tot in ihrer Wohnung. Glauben Sie, das hätte ich zugelassen?“

Seit dem Karlsruher Urteil kann er wieder schalten und walten wie früher. Die Kaffeemühle ist noch da. Das Geschäft mit dem Tod kann von vorn beginnen, und genau darauf hatte sein Klient gebaut. „Ich wollte die Medikamente haben“, sagt Horst Schmidt. Was er bekam, war etwas anderes. Zunächst einen Brief mit genauen Angaben zu den Zahlungen, die Schmidt leisten sollte, sofern er sich auf den Handel einlässt. 280 Euro für die schriftliche Ausfertigung der „persönlichen Handreichung“ mit Tipps, welche Mittel und Methoden fürs Sterben taugen. Geld für eine 15-seitige Mappe, das verrechnet würde, falls es zum Beratungsgespräch käme. Für dieses Treffen berechnet der Sterbehelfer in einem Schreiben, das dem WESER-KURIER vorliegt, eine „Aufwandsentschädigung“ von 480 Euro. Außerdem bietet er für 24,80 Euro noch sein Buch an, das er über Sterbehilfe geschrieben hat. Alles gegen Vorkasse. Schmidt hat gezahlt.

Ermittlungen nach Strafanzeige

„Ich habe mich noch nie so betrogen gefühlt“, sagt er. Puppe habe ihn besucht, „der kam nach zwölf und war um eins schon wieder weg“. Gesagt habe er nicht mehr als das, was in der Mappe steht. Eine einzige Enttäuschung. Schmidt wollte das nicht auf sich beruhen lassen und erstattete Anzeige bei der Polizei. Seitdem laufen die Ermittlungen.

Umgekehrt ist nun aber auch der Sterbehelfer auf den Zinnen. Er wirft seinem Klienten vor, ihn grundlos zu beschuldigen. Von einer Medikamentengabe sei nie die Rede gewesen. Und es stimmt, Puppe hat recht. Jedenfalls steht davon nichts in seinem Angebot. Er habe mittlerweile mehr als 1300 Beratungsgespräche geführt, betont der Sterbehelfer, nur in zwei Fällen seien die Menschen nicht ganz zufrieden gewesen. Niemand habe sich bisher an die Polizei gewandt. „Also was soll das? Sie haben dazu keinerlei rechtliche Grundlage“, schreibt Puppe seinem Klienten als Reaktion auf die Strafanzeige. Obwohl er sehr verärgert sei, werde er nun 200 Euro zurückerstatten. Allerdings unter Vorbehalt: „Ich würde sie zurückverlangen, sofern Sie weiterhin gegen mich vorzugehen beabsichtigen.“

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Der eine ist des anderen Teufel, könnte man sagen. Zusammengebracht hat sie der Tod. Puppe machte beim Besuch des Reporters im Februar kein Hehl daraus, dass er Geld für seine Arbeit sehen wolle: „Ich bin kein Wohltäter“, sagte er damals. In einem weiteren Gespräch hat er jetzt die Höhe der Honorare verteidigt: „Rechtsanwälte dürfen pro Stunde 250 Euro nehmen, dort sehe ich mich auch.“ Das viele Geld für die Mappe mit den „persönlichen Handreichungen“ drücke deren Qualität aus. Außerdem müsse man die 280 Euro als Schutzgebühr verstehen. Das Material solle nicht in falsche Hände geraten. Es gebe Menschen, die keinen geplanten Suizid begehen wollten, sondern aus Panik handelten, unreflektiert, und dann sei es fatal, wenn sie sich ohne Weiteres an seinen Informationen bedienen könnten.

Horst Schmidt hat alles vorbereitet für die Zeit nach seinem Tod. Die Feuerbestattung, das anonyme Grab in Delmenhorst, die Beerdigungsversicherung, damit sein Sohn nicht dafür aufkommen muss. So soll das über die Bühne gehen, niedergelegt in Dokumenten. Doch nun muss er mit dem Sterben noch warten. Angst, sagt Schmidt, habe er keine, nicht vor dem Tod. „Warum? Davon merke ich doch nichts.“ Er habe viel nachgedacht und gehe nüchtern damit um: „Ich kann über meinen eigenen Tod inzwischen reden wie über frische Bratwurst.“

Der Mann, gebürtiger Rheinländer und früher als Bauhandwerker unterwegs, hat eine sehr kantige Art. Er weiß, was er will und was auf keinen Fall: wiederbelebt werden. „In meiner früheren Wohnung hatte ich überall Schilder aufgehängt: Bitte keine Wiederbelebungsversuche!“ Schmidt besitzt zwar eine Patientenverfügung, „aber wird das eine Rolle spielen, wenn der Rettungsdienst kommt?“ Er will seinem Leben deshalb selbst ein Ende setzen. Hilfe von Peter Puppe bekommt er dabei aber sicher nicht.

*Name von der Redaktion geändert

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