Patenschaften helfen schwerkrankem Iraker Hilfe für Ezzuldin

Martin Schürenberg engagiert sich mit seiner Frau Kerstin unter anderem für die Sant'Egidio-Gemeinschaft. Darüber vermittelt er Patenschaften für einen jungen querschnittsgelähmten Iraker, auch in Bremen.
23.06.2020, 16:55
Lesedauer: 4 Min
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Hilfe für Ezzuldin
Von Sigrid Schuer

Dies ist die Geschichte von Ezzuldin, einem jungen Iraker, der sich seit zehn Jahren mühsam ins Leben zurückkämpft. Sein Credo: „Never give up“ (Gib niemals auf). Er und seine Familie wurden im Irak von terroristischen Milizen politisch verfolgt, sein Vater und sein jüngerer Bruder Daniel 2008 ermordet, erzählt er. Ein Jahr später brannten die Fundamentalisten ihr Haus in Bagdad nieder. Die Terroristen trachteten auch dem damals 13-Jährigen nach dem Leben, entführten ihn und prügelten, als er zu fliehen versuchte, derart mit Gewehrkolben auf ihn ein, dass er seitdem querschnittsgelähmt ist.

Die Mutter des heute 23-Jährigen flüchtete mit ihrem Sohn von Versteck zu Versteck, immer in der Angst, entdeckt zu werden. Dadurch verschlimmerte sich der Zustand des jungen Mannes. Eine intensive, therapeutische Behandlung wurde ihm nicht zuteil.

Seinem Bruder Viktor gelang 2016 die Flucht nach Deutschland, in dem Jahr, in dem ein weiteres Familienmitglied von den Terroristen ermordet wurde. Viktor hatte schon eine Odyssee durch verschiedene Bremer Krankenhäuser hinter sich, als er in einem Bus zwischen Tarmstedt und Bremen durch einen glücklichen Zufall mit Martin Schürenberg ins Gespräch kam. Er zeigte ihm die Krankenunterlagen seines Bruders.

Schürenberg engagiert sich mit seiner Frau Kerstin für karitative Zwecke, unter anderem für die Caritas und die von der römisch-katholischen Kirche anerkannte, 1968 gegründete und weltweit tätige Gemeinschaft Sant’Egidio. Spontan beschloss er, Ezzuldin irgendwie zu helfen. In einem ersten Schritt begann er über Sant’Egidio damit, Patenschaften für den jungen Iraker zu vermitteln, auch in der Hansestadt. Aber die finanziellen Mittel, die so zusammenkommen, sind begrenzt. Doch Ezzuldin und seiner Mutter ist es mithilfe dieser Spendengelder inzwischen gelungen, sich in die Türkei durchzuschlagen. Dort kann er von einer kleinen monatlichen Unterstützung leben. Dort, in Samsun am Schwarzen Meer, ist er zumindest sicherer als in Bagdad.

Aus Fremden wurden Freunde

2015 hatte Schürenberg im Caritas-Haus St. Franziskus in Bremen eine bemerkenswerte Initiative ins Leben gerufen: Er vermittelte den Kontakt zwischen jungen Geflüchteten und Seniorinnen und Senioren, die in St. Franziskus lebten. Dort lernte auch die Bremerin Holdherta Willich an ihrem letzten Geburtstag, im Oktober 2016, Ezzuldins Bruder Viktor kennen und verstand sich mit ihm blendend. So erzählt es ihre Tochter Friederike Willich: „Die gemeinsame Fluchtgeschichte hat sie verbunden. Denn meine Mutter ist nach dem Zweiten Weltkrieg aus Ostpreußen geflohen.

Von Viktor und seiner Frau Hardeer erfuhr sie von dem tragischen Schicksal ­Ezzuldins und beschloss, sich ebenfalls für Sant’Egidio zu engagieren, indem sie immer einmal wieder Benefizkonzerte gab, zu denen sich Ezzuldin per Video zuschalten konnte.

Und sie ließ sich zu einem farbenfrohen Gemälde inspirieren, in dem sie in abstrakter Malweise die friedliche Koexistenz verschiedener Kulturen thematisierte und deren gegenseitige Bereicherung. In ihm spiegeln sich die Bestrebungen der Schürenbergs, die es erwarben und es vervielfältigen ließen. Eine Kopie erhielt Ezzuldin.

Nach ihrem Master-Studium der freien Kunst absolvierte Friederike Willich ein Solistenstudium für Flöte an der Musikhochschule Hanns Eisler. Wie nahezu alle Kulturschaffenden ist sie von den Auswirkungen des Shutdowns zur Eindämmung der Corona-Pandemie existenziell bedroht.

Gemeinsam mit Stephan Schrader, dem Cellisten der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, gibt sie für Altersheime momentan Balkonkonzerte, was finanziell nicht mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein sei. Welche Völker verbindende Kraft die Musik besitzt, das hat sie besonders Anfang Februar diesen Jahres erfahren. Die Schürenbergs hatten sich vorgenommen, Ezzuldin und seine Mutter mit Melanie Thorun von der Lilienthaler Kirchengemeinde zu besuchen. Als Kulturmittler und Übersetzer fungierte der junge Aramäer Nashwan, er ist ebenfalls aus dem Irak geflüchtet.

Doch Kerstin Schürenberg musste vor der Abreise ins Krankenhaus. Spontan bot Martin Schürenberg der Malerin an, mitzureisen. Gesagt, getan: Friederike Willich sagte alle Projekte ab. „Wir sind unglaublich herzlich aufgenommen worden“, erzählt die Künstlerin. Aus Fremden wurden Freunde, durch die Musik.

Doch auch hier machte die Corona-Krise alle Hoffnungen zunichte. Im Zuge des Lockdowns wurde in der Türkei ein striktes Kontaktverbot erlassen. Die schüchternen Kontakte, die Ezzuldin und seine Mutter gerade mit ihren türkischen Nachbarn geknüpft hatten, wurden unterbrochen. Die Hilfsangebote, die die Türken unterbreitet hatten, liegen seitdem auf Eis. Genauso wie seine Physiotherapie. Und auch die eigene Website www.launchgood.com/campaign/help_Ezzuldin, die er für eine Crowd­funding-Kampagne ins Leben gerufen hat, lief im Corona-Chaos vorerst ins Leere. Denn die Zeit, die er in der Türkei bleiben darf, ist auf zwei Jahre begrenzt.

„Hier hat er die Chance auf eine bessere medizinische Versorgung und an einem Reha-Programm teilzunehmen, um seine Muskeln zu mobilisieren“, erzählt Friederike Willich. „Jetzt spart er eisern auf ein Touch Pad, das wäre für ihn das Tor zur Welt“, berichtet die Künstlerin, die per Whatsapp mit ­Ezzuldin in Kontakt ist. Dass sein Schicksal von noch mehr Menschen, vielleicht auch Stiftungen, gesehen wird, ist indes der größte Wunsch von Ezzuldins Unterstützern.

Weitere Informationen

Eine Kontaktaufnahme mit Martin Schürenberg ist möglich unter der Handynummer 0176/72276587 oder per E-Mail an
kmsch@online.de.

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