Entwicklung der Bremer Innenstadt Aktionsbündnis drängt auf Verlegung der Straßenbahn

Im Gegensatz zu den Fachleuten der Bremer Straßenbahn AG favorisieren Gutachter aus Hannover die Verlegung der Straßenbahn von der Obernstraße in die Martinistraße.
16.08.2021, 18:21
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Aktionsbündnis drängt auf Verlegung der Straßenbahn
Von Jürgen Hinrichs

Die Verlegung der Straßenbahn von der Obernstraße in die Martinistraße ist nicht nur sinnvoll, sondern technisch machbar und verkehrlich ein Gewinn – diese Einschätzung hat sich das Aktionsbündnis Innenstadt von einem Gutachten untermauern lassen. Die am Montag vorgestellte Untersuchung eines Ingenieurbüros aus Hannover kommt zu dem Schluss, dass die vorhandenen Straßenräume und Radien sowohl eine Gleisverbindung von der Balgebrückstraße in die Martinistraße als auch eine neue zentrale Umsteigeanlage in der Balgebrückstraße zulassen.

Mobilitätssenatorin Maike Schaefer (Grüne) hat sich für eine andere Variante entschieden. Sie will die Straßenbahn weiterhin durch die Obernstraße fahren lassen; gebündelt halten und abfahren soll sie auf der Domsheide vor dem Konzerthaus Glocke. Der Senat ist sich darüber noch uneins. Im Herbst soll es einen Beschluss geben.

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"Der bislang vorgesehene Umbau der Domsheide ist keineswegs alternativlos", sagt Matthias Fonger, Hauptgeschäftsführer der Handelskammer. Vielmehr biete sich jetzt die Gelegenheit, mit der Verlegung der Straßenbahn ein ambitioniertes Schlüsselprojekt für die Innenstadtentwicklung auf den Weg zu bringen. Die Kammer gehört zum Aktionsbündnis, das vor einem Jahr gegründet wurde. Weitere Mitglieder sind Unternehmen aus der Immobilienwirtschaft, die Gewerkschaft Verdi, die City-Initiative und die drei Kammern der Arbeitnehmer, Architekten und Handwerker. "Das ist ein signifikanter Anteil der Stadtgesellschaft", erklärte Stefan Brockmann, Vorstand der City-Initiative. Daran komme der Senat nicht so ohne Weiteres vorbei.

Die Gutachter haben sich mit drei Varianten beschäftigt und eine davon zum Favoriten erklärt. Demnach sollten die Straßenbahnlinien 2 und 3 am besten über eine zentrale Haltestelle mit vier Gleisen in der Balgebrückstraße in die Martinistraße geführt werden. Eine zweite ebenfalls denkbare Möglichkeit wäre aus Sicht der Ingenieure die Strecke von der Kunsthalle im Ostertor über Altenwall und Tiefer bis zur Martinistraße. Die dritte Option, eine Umfahrung der Innenstadt über die Bürgermeister-Smidt-Brücke und die Westerstraße in der Neustadt, wird in dem Gutachten verworfen. Sie würde nach Einschätzung der Experten das ÖPNV-Angebot in der City deutlich verschlechtern. "Das ist nicht zielführend", sagte Heinz Mazur, Geschäftsführer der PGT Umwelt und Verkehr GmbH, die das Gutachten erarbeitet hat.

Sollte die erste Variante zum Zuge kommen, rechnet Mazur nach eigenen Angaben mit einer Planungs- und Bauzeit von sechs bis acht Jahren, "vielleicht geht es aber auch schneller". In einem Prüfbericht der Bremer Straßenbahn AG (BSAG), der Mitte Juli vorgelegt wurde, wird von einem Zeitraum von bis zu elf Jahren ausgegangen. Über die Kosten lassen sich die Autoren des neuen Gutachtens nur insofern aus, als sie bei den beiden von ihnen als möglich erachteten Varianten in etwa gleich hoch wären. Im BSAG-Papier steht eine Summe von mindestens 50 Millionen Euro für die Verlegung der Straßenbahn. Ursprünglich war sie von denselben Fachleuten mit 20 bis 25 Millionen Euro angesetzt worden. In der Endfassung kam aber ein Kostenpunkt hinzu, der vorher in diesem Zusammenhang keine Rolle gespielt hatte: der Rückbau und die hochwertige Gestaltung der Obernstraße. "Das ist ein ganz anderes Projekt", kritisierte Fonger diese Art der Rechnung.

In einer Pressemitteilung werden noch einmal die Vorteile herausgehoben, die sich das Aktionsbündnis von der Verlegung der Straßenbahn verspricht: Eine nachhaltige Belebung der Fußgängerzone in der Obern- und Hutfilterstraße. Die "gute Stube" rund um den Marktplatz könnte zu einem ungestörten Ort der Begegnung werden. Die Glocke käme ganz anders zur Geltung. Und in der Martinistraße würde eine neue zentrale Haltestelle zwischen Pieperstraße und Pressehaus nicht nur einen optimalen Anschluss von Schlachte und Innenstadt an den ÖPNV bedeuten, sondern dem städtischen Raum dort mehr Dynamik als bisher geben. Mazur bezeichnete eine Haltestelle an dem Ort als "Riesengewinn".

Der Senat wird laut Mitteilung vom Aktionsbündnis aufgefordert, die Verlegung der Straßenbahn mindestens in Erwägung zu ziehen und dafür die erforderlichen Untersuchungen einzuleiten. Gekoppelt werden müsse das mit der Suche nach Finanzierungswegen. Die bisherigen Umbaupläne für die Domsheide sollten überdacht werden.

Zur Sache

SPD widerspricht Maike Schaefer

Maike Schaefer (Grüne) hält nichts von einer Verlegung der Straßenbahn, und sie streitet für einen zentralen Haltepunkt vor der Glocke. In beiden Punkten hat sie am Montag eine weiteres Mal Kontra von ihrem sozialdemokratischen Koalitionspartner bekommen. "Das Gutachten des Aktionsbündnisses bestätigt unsere Einschätzung, dass durch eine geänderte Straßenbahnführung eine beträchtliche Aufwertung der Innenstadt möglich wäre", erklärt SPD-Fraktionsvorsitzender Mustafa Güngör. Die Verlegung in die Martinistraße mit einer zentralen Haltestelle an der Balgebrückstraße sei dabei eine der interessantesten Varianten. "Von einer Bündelung der Haltestellen an der Glocke kann man aus meiner Sicht nur abraten", so Güngör. Seine Fraktion werde sich das Gutachten jetzt genau anschauen und bis zum Herbst ihre Schlüsse daraus ziehen. "Es hat sich gezeigt, ausgeschlossen ist nichts, möglich ist vieles."

Auch die CDU spricht sich für einen neuen Trassenverlauf der Straßenbahn aus und nimmt das jetzt vorgelegte Gutachten als Beweis dafür, wie richtig sie damit liegt. "Bautechnisch ist diese Lösung absolut machbar, ohne das ÖPNV-Angebot für die Innenstadt zu verschlechtern", betont Fraktionsvorsitzender Heiko Strohmann. Eine Verlegung bringe die zwingend notwendige Verbesserung der Aufenthaltsqualität in der Obernstraße. Zudem würde die Schlachte deutlich besser angebunden und die Martinistraße allein durch die höhere Taktung des ÖPNV verkehrsberuhigt werden können. "Die Verkehrssenatorin muss diese fachlich substanzielle Einschätzung nun in die Erarbeitung einer baulichen Veränderung der Martinistraße einfließen lassen, wenn sie sich nicht unglaubwürdig machen will", so Strohmann.

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