Eine Software für bessere Verständigung

Bremer Student entwickelt Übersetzungsprogramm

Der Sohn konnte die Sprache seiner Mutter nicht richtig verstehen – also entwickelte er eine Sprach-Software, die auf künstliche Intelligenz setzt. Dieser Sohn heißt Bonaventure Dossou und studiert in Bremen.
23.11.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Bremer Student entwickelt Übersetzungsprogramm
Von Sara Sundermann

Weil er Probleme hatte, die Sprache seiner Mutter zu verstehen, entwickelte er eine Übersetzungs-Software mit künstlicher Intelligenz: Bonaventure Dossou studiert an der Jacobs University in Bremen. Der 23-Jährige ist hier seit August im Master-Studiengang „Data Engineering“ eingeschrieben.

Während man für Sprachen wie Englisch, Französisch oder Russisch zwischen verschiedenen Übersetzungsprogrammen auswählen kann, fehlen für viele afrikanische Sprachen solche digitalen Hilfsmittel. Bonaventure Dossou wuchs vor allem mit Französisch auf, der Amtssprache seines Heimatlands Benin. Seine Mutter aber spricht nur die Sprache Fon.

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Doch auf Fon kennt Dossou nur einige Grundvokabeln, erzählt er: „Die Begrüßung, die Bitte, was ich einkaufen soll, solche Dinge verstehe ich, aber vieles andere nicht – und meine Mutter spricht oft in bildlichen Ausdrücken und Redewendungen.“ Sein Vater sprach Französisch mit ihm, auch in der Schule wurde Französisch gesprochen. „Nach sechs Schultagen pro Woche und einem langen Heimweg war ich meist erst am späten Abend zuhause, da blieb nicht mehr viel Zeit“, erzählt er. „Deshalb habe ich nicht so viel Fon mitbekommen.“

Dass Dossou als 17-Jähriger mit einem Stipendium zum Mathematik-Studium nach Russland ging, machte die Verständigung nicht einfacher. „Meine Mutter hat mir Sprachnachrichten aufs Handy geschickt, die ich meist nur zum Teil und oft auch gar nicht verstanden habe“, erzählt er. Dann bat er seine Schwester, die weiterhin in Benin lebt, um Hilfe beim Übersetzen. „Es gab viele Missverständnisse und zum Teil auch Diskussionen zwischen meiner Mutter und mir, weil ich ihre Nachrichten nicht verstanden habe“, erzählt er.

Sein Ziel: Der Austausch mit der Mutter

Die Kommunikationsprobleme mit seiner Mutter waren für den Sohn der Ausgangspunkt, etwas zu tun. Mit seinem Freund Chris Emezue aus Nigeria, mit dem er an der Universität der russischen Stadt Kasan studierte, begann Bonaventure Dossou, eine Software zu entwickeln, die von Fon ins Französische und umgekehrt übersetzt.

Und das Projekt der Hobbytüftler hatte mit vielen Hindernissen aufzuwarten: Trotz bestehender Übersetzungsprogramme für größere Sprachen habe es keine Vorbilder für das gegeben, an denen man sich orientieren konnte, erzählt Bonaventure Dossou: „Wir wollten etwas machen, das noch niemand gemacht hatte.“ Eine große Hilfe seien aber Wissenschaftler aus der ganzen Welt gewesen, die aktuell an Übersetzungsprogrammen für andere afrikanische Sprachen arbeiten. Online waren die beiden in Kontakt mit Forschern aus Südafrika, Deutschland oder Nigeria.

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Ein Problem war, dass Fon wie die meisten der rund 2000 afrikanischen Sprachen keine Schriftsprache ist. Dabei gehört Fon im Benin zu den meist gesprochenen Sprachen. Auf die Frage, ob er viele Rückmeldungen von Landsleuten bekommt, die gern seine Software nutzen würden, lacht Dossou: „Alle im Benin interessieren sich dafür!“

Doch Texte auf Fon, um die Software mit Inhalt zu füllen, gibt es nur wenige. Texte werden aber gebraucht, denn die lernende Software funktioniert mit Künstlicher Intelligenz. Sie muss mit Daten gefüttert und im Satzbau trainiert werden. Die jungen Programmentwickler griffen zum Teil auf sehr alte Texte zurück: Bibeltexte, die von Missionaren auf Fon übersetzt wurden. „Und wir haben viele Begriffe manuell eingetragen“, sagt der Student – eine mühsame Arbeit.

Die Entwicklung stößt auf Interesse

In bestimmten Ländern und Kreisen kann der Student wohl als Berühmtheit gelten. Die BBC berichtete über ihn, ebenso wie afrikanische Medien und das Fernsehen im Benin. Von der Regierung im Benin wurden sie nicht finanziell unterstützt, sagt Bonaventure Dossou. Die Sprach-Software ist noch in Arbeit. Das Studenten-Duo war aber nach Angaben der Jacobs University schon eingeladen, seine Arbeit auf zwei der weltweit größten Konferenzen zu Künstlicher Intelligenz und Computerlinguistik vorzustellen – in Äthiopien und in den USA.

Fertig ist aber ein anderes Hilfsmittel aus der Feder von Bonaventure Dossou und zwei seiner Freunde – Fabroni Yoclounon and Ricardo Ahouanvlame. Sie haben eine Handy-Tastatur für afrikanische Sprachen entwickelt, die im Google Play Store verfügbar ist. Das ist wichtig, sagt Dossou. Zuvor habe seine Mutter ihm nur Sprachnachrichten schicken können, weil das Schreiben auf Fon viele Akzente und Sonderzeichen benötigt, die normale Tastaturen nicht bieten.

Das Programmieren hat der Student sich selbst beigebracht – mit Anleitungen im Netz, sagt er. Er ist Anfang 20 und sagt Sätze wie: „Ich versuche, meine Zeit so effektiv und sinnvoll wie möglich zu nutzen.“ Er sagt offen, dass er nachts oft nicht viel schläft und insgesamt wenig ausgeht.

Für die Zukunft hat er einiges vor. Mit seinem Freund Chris Emezue, der inzwischen in München studiert, arbeitet er an einer Version ihrer Software, die aus Fon in die in Nigeria weit verbreitete Sprache Igbo übersetzt. „Und ein Programm für Igbo – Wolof wäre der nächste Schritt“, sagt Bonaventure Dossou. Wolof wird vor allem im Senegal gesprochen. Was seine Mutter zu den digitalen Erfindungen ihres Sohnes sagt? „Sie ist total stolz“, sagt der Student.

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