Bundesweite Initiative

Bremer Studentin startet Antirassismus-Petition

Migration und Kolonialgeschichte sollten stärker im Unterricht vorkommen, fordern bundesweit 93 000 Unterzeichner einer Petition an die Bildungssenatorin, die die Bremer Studentin Maimuna Sallah formuliert hat.
12.08.2020, 16:22
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Studentin startet Antirassismus-Petition
Von Sara Sundermann
Bremer Studentin startet Antirassismus-Petition

Maimuna Sallah setzt sich für mehr kritische Auseinandersetzung mit Kolonialgeschichte und Migrationsgeschichte an Bremer Schulen ein.

Frank Thomas Koch

In Schulen sollte Antirassismus im Unterricht stärker vorkommen. Das fordert eine Bremer Studentin in einer Petition an die Bildungssenatorin. Mehr als 93 000 Menschen unterstützen bundesweit ihr Anliegen und ähnlich lautende Petitionen in anderen Bundesländern. Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) zeigt sich offen für das Thema: in der Behörde werde bereits an Veränderungen bei dem Thema gearbeitet.

Konkret sollten Migrations- und Kolonialgeschichte stärker und aus kritischer Perspektive in den Lehrplänen verankert werden, dafür setzt sich die Initiatorin der Bremer Petition, Maimuna Sallah, ein. Die 28-Jährige studiert Transnationale Literaturwissenschaft an der Bremer Uni. Sie hat die Petition aus eigenem Interesse und nicht als Teil einer Gruppe gestartet, erzählt sie. „Auch ich bin als schwarze Deutsche und ehemalige Lehramtsstudentin von Rassismus betroffen, weshalb mir die Verbreitung meiner Petition auch persönlich ein großes Anliegen ist“, sagt Sallah. „Ich habe gesehen, dass es für Bremen noch keine solche Petition gab, und da habe ich sie geschrieben.“

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Sie ist aber im Kontakt mit denjenigen, die in anderen Bundesländern eine ähnliche Petition gestartet haben. Es gibt in fast jedem Bundesland eine solche Petition – nur im Saarland bisher nicht. „Die Unterschriften aller Petitionen gehen auf einen Zähler“, erklärt die Studentin. Will heißen, wer eine Petition in seinem Bundesland unterzeichnet, unterstützt damit zugleich die ähnlich lautenden Petitionen in den anderen Bundesländern.

„Wenn ich mich an meine eigene Schulzeit erinnere, habe ich den Eindruck, dass Kolonialgeschichte doch auf eine teils recht romantisierte Weise vermittelt wurde“, sagt Sallah. „Da ging es viel um die Entdeckung Amerikas und um Kolumbus als großen Weltumsegler.“ Laut Lehrplan stehe im 9. Schuljahr Imperialismus und Kolonialismus als Thema an, sagt sie. „Aber es geht nicht nur darum, ob ein Thema vorkommt, sondern auch wie man darauf blickt“, sagt Sallah.

Hansestadt mit kolonialer Geschichte

Dass Deutschland immerhin die drittgrößte Kolonialmacht war und auch an Zwangsausbeutung von Menschen in den kolonisierten Gebieten beteiligt, komme selten vor: „Oft gibt es immer noch einen leicht verklärten Blick.“ Gerade in Bremen als Hansestadt mit kolonialer Geschichte sei es wichtig, diese Themen zu behandeln, findet die Studentin. „Bremen hat da auch eine Verantwortung, diese Themen in die Schulen zu bringen.“

Auch Migrationsgeschichte gehört für Sallah in den Klassenraum. Es werde zwar oft die Anwerbung von Gastarbeitern in Schulen aufgegriffen, doch da dürfe man nicht stehen bleiben: „Es muss auch anerkannt werden, dass mittlerweile die Enkel und Urenkel von Gastarbeitern hier leben, und dass es Deutsche mit verschiedener Herkunft gibt.“

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In ihrem eigenen Lehramtsstudium an der Uni Oldenburg habe sie erlebt, dass Antirassismus als Thema zwar mehrfach angerissen worden sei. Ihr fehlen aber beispielsweise Trainings für angehende Lehrer, die vermitteln, wie Pädagogen gut mit dem Thema umgehen können, beispielsweise, wenn es rassistische Beleidigungen in der Klasse gebe.

Insgesamt glaubt sie, dass viele Menschen in Bremen Interesse an Antirassismus haben. „Bremen ist dafür durchaus empfänglich, es gibt viele Gruppen und Kollektive, die sich für das Thema einsetzen.“ Das macht sie zum Beispiel an den beiden jüngsten Demonstrationen in Bremen zum Tod von Georg Floyd in den USA und von Mohammed Idrissi in Gröpelingen fest. „Es waren sehr viele Menschen bei der Floyd-Demo.“ Maimuna Sallah stellt fest: „Bremen ist eine sehr bunte Stadt, was ich toll finde. Hier leben viele Menschen mit ganz unterschiedlicher Herkunft.“

Bislang keine Reaktion der Bildungsbehörde

Von der Behörde hat die Studentin auf ihre Petition bislang keine Reaktion bekommen. Auf Nachfrage zu dem Thema stellt Stephanie Dehne als persönliche Referentin der Bildungssenatorin klar, das Thema Antirassismus liege Claudia Bogedan am Herzen. Keinesfalls vertrete man die Position, dass alles gut so sei, wie es ist. „Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Diskriminierung sind allgegenwärtig in unserer Gesellschaft – mal offen, mal verdeckt“, sagt die Senatorin. Eine wehrhafte Demokratie müsse diese Tendenzen erkennen und gegen sie gewappnet sein. „Das fällt nicht vom Himmel“, sagt Bogedan. „Unsere Kitas und Schulen müssen das dafür notwendige Wissen vermitteln. Jeden Tag aufs Neue.“

Zudem verweist ihre Referentin Dehne darauf, dass es an Bremer Schulen diverse Aktionen und Programme gebe, zum Beispiel „Stopp den Antisemitismus“ oder „Schulen gegen Rassismus“. Man wolle es aber nicht dabei belassen, sondern diese Themen konsequenter bündeln. Grundlage dafür sei der Landesaktionsplan gegen Rassismus, der in Arbeit sei. Dazu sollten auch Stellen in den Regionalen Beratungs- und Unterstützungszentren (Rebuz) geschaffen werden, die mit verschiedenen Schulen zusammen arbeiten.

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Bremer Schulen sollen zudem künftig stärker mit dem Gedenkort Bunker Valentin kooperieren. Im Bildungshaushalt wurden Dehne zufolge von der Bürgerschaft 28.000 Euro zusätzlich für Klassenfahrten zum Denkort bereitgestellt. Auch mehr Lernmodule und Fortbildungen würden derzeit entwickelt. Angesichts der Herausforderungen der Pandemie werde das aber etwas länger dauern.

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Zur Sache

Was Bremen gegen Rassismus tun will

Ein Landesaktionsplan gegen Rassismus soll in Bremen erarbeitet werden. Dafür hatten sich zuletzt Grüne, SPD und Linke in einem Antrag eingesetzt. Darin stellen sie eine Zunahme rassistischer Taten und Gesinnungen fest. Um dem entgegenzuwirken, soll Bremen ressortübergreifend Maßnahmen weiterentwickeln: Zum Beispiel durch antirassistische Bildungsarbeit in Kitas und Schulen, Fortbildungen für Behördenmitarbeiter, Antirassismus-Beauftragte in Bremer Ämtern sowie eine bessere Strafverfolgung von rassistischer Hetze im Netz.

Auch beim Umgang mit Kolonialgeschichte kam in Bremen in den vergangenen Jahren einiges in Bewegung: Beispielsweise setzte sich das Überseemuseum unter anderem in Form von Forschungsprojekten und einer Ausstellung kritisch mit der eigenen Geschichte und der Herkunft seiner Schätze auseinander – als erstes deutsches Museum dieser Art.

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