An offenen Sonntagen herrscht Besucherandrang / Zukunft des kleinen Museums weiter ungewiss Bremer stürmen den Focke-Windkanal

Ganze 3000 Euro jährlich bräuchte der Förderverein Focke-Windkanal nach eigener Aussage, um das einzigartige Denkmal in der Emil-Waldmann-Straße zu erhalten. Vor zehn Jahren, am 26. Todestag des Bremer Luftfahrtpioniers Henrich Focke (8. Oktober 1890 bis 25. Februar 1979) ist dessen Forschungslabor als kleines Museum eröffnet worden.
12.03.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Sigrid Schuer

Ganze 3000 Euro jährlich bräuchte der Förderverein Focke-Windkanal nach eigener Aussage, um das einzigartige Denkmal in der Emil-Waldmann-Straße zu erhalten. Vor zehn Jahren, am 26. Todestag des Bremer Luftfahrtpioniers Henrich Focke (8. Oktober 1890 bis 25. Februar 1979) ist dessen Forschungslabor als kleines Museum eröffnet worden.

Der Andrang und das Interesse sind groß. Die Führungen, die Olaf von Engeln aus Sebaldsbrück anbietet, sind überfüllt. Viele wollen den Focke-Windkanal, das wohl einzige vollständig erhaltene Forschungslabor des Luftfahrtpioniers Henrich Focke, sehen. „Es ist doch eine Schande, wie stiefmütterlich mit der ruhmreichen Bremer Vergangenheit umgegangen wird!“, sagt eine Frau, die gerade eine Führung mitgemacht hat und nicht namentlich genannt werden möchte.

Die Werkstatt, in der Henrich Focke nach seiner Pensionierung weiterarbeitete, stellte er im November 1963 der Öffentlichkeit vor. Und die Aura jener Zeit umfängt den Besucher auch heute noch. Die Mitglieder des Fördervereins haben mit großer Liebe zum Detail Fockes Werkstatt und den angrenzenden Windkanal originalgetreu rekonstruiert. Der Schreibtisch mit dem alten Wählscheibentelefon und dem Modell des von Focke konstruierten ersten Hubschraubers wirkt, als ob der Flugzeugpionier gerade eben aufgestanden wäre.

„Der heutige Windkanal wurde ursprünglich 1903 als Tischlerei erbaut. Als Henrich Focke und Georg Wulf 1923 die Focke-Wulf-Flugzeugwerke gründeten, befand sich das Büro in der Löningstraße, nur wenige Meter vom heutigen Windkanal entfernt“, erläutert Olaf von Engeln, Vorstandsmitglied des Fördervereins Focke-Windkanal.

Dass der Windkanal auch heute noch, oder besser: wieder funktioniert, ist in erster Linie Kai Steffen zu verdanken, dem Vorsitzenden des Fördervereins. 1997 stieß er in den Memoiren Fockes zufällig auf einen Hinweis auf das Forschungslabor. Seine Neugier war geweckt, und über Kontakte zur Familie des 1979 verstorbenen Flugpioniers wurde Kai Steffen unweit vom Hauptbahnhof fündig. Der Windkanal war 20 Jahre dem Verfall preisgegeben gewesen. Die Oberlichter des flachen Hinterhofgebäudes waren eingeworfen worden, und es hatte jahrelang hereingeregnet. Es blühten Algen und Schimmel.

Das ganze Forschungslabor mit seinen alten, kaum isolierten Leitungen sei ein einziger Kurzschluss gewesen, erzählt Olaf von Engeln. Inzwischen habe der Förderverein die gesamte Elektrik saniert. Von dem Wasserschaden sei auch der Raum betroffen gewesen, den Focke als Archiv genutzt habe. Unterlagen und Messprotokolle seien nur noch ein feuchter Klumpen Pappmaschee mit lila Klecksen gewesen. „Kai Steffen hat viel Arbeit hier reingesteckt. Er hat, als er mit den Restaurierungsarbeiten begann, 40 Stunden die Woche hier gewohnt, um sein ,Herzensbaby’ wieder herzurichten“, sagt von Engeln.

Der Hartnäckigkeit des promovierten Maschinenbau-Ingenieurs ist es zu verdanken, dass über die Jahre hinweg insgesamt eine Viertel Million Euro eingeworben worden ist, darunter 100 000 Euro von der Stiftung Wohnliche Stadt und 50 000 Euro von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. 25 000 Euro investierte der frühere Präses der Handelskammer, Friedo Berninghausen, noch einmal die gleiche Summe machte der Leiter der Aerodynamik bei Airbus locker, und einen weiteren Betrag steuerte die Bildungsbehörde bei. Dazu kamen unzählige Sach- und Dienstleistungs-Spenden. Wenn Kai Steffen denn mal die Techniker an der Strippe hatte und sein Anliegen vortrug, dann kam oft die Antwort: „Wir haben schon mit Focke gearbeitet, wir unterstützen Sie!“

Techniker haben ein Herz für den Tüftler und Sparfuchs Focke, der auf Nachhaltigkeit gesetzt und 1000 Patente entwickelt hat. So baute er ein Nachtschränkchen zu einer Kreissäge um oder verwendete die Röhrchen, in denen sich seine Herztabletten befanden, als Aufbewahrungsboxen für andere Dinge weiter. „Sogar die Gewichte für die von ihm konstruierten Ölstoßdämpfer hat er aus alten Bleikugeln umgegossen“, weiß von Engeln. Und im Windkanal verbaute Focke 600 einen Meter lange Ofenrohre aus verzinktem Blech.

Der Förderverein hat den Windkanal mit modernster Messtechnik ausgestattet. Olaf von Engeln lässt seinen Vereinskollegen Jan Fiete Bressern den Windkanal anwerfen, der bis zu 60 Stundenkilometer an Windgeschwindigkeit produzieren kann, und demonstriert mit einem Stöckchen, an dem ein Wollfaden befestigt ist und an einem Holzmodell des Borgward P 100 die Gesetzmäßigkeiten der Aerodynamik. „Die Strömung, die auf den vorderen Teil des Flugzeugs einwirkt, hält es in der Luft. Sobald die Piloten die Nase herunterziehen, kommt es zum Strömungsabriss. Das Flugzeug kommt ins Trudeln und stürzt ab. Das Geheimnis der Aerodynamik liegt darin, diesen Strömungsabriss möglichst gering zu halten “, erläutert Olaf von Engeln. „Wir haben hier ehrenamtlich rund 700 000 Euro an Ingenieursleistungen investiert. Umso ärgerlicher ist es, dass wir vor drei Jahren die fristlose Kündigung bekommen haben. Das hat uns viele Nerven gekostet.“ Die gerichtliche Auseinandersetzung, die inzwischen auf Eis liege, sei absolut kontraproduktiv gewesen. Eine Windkraftfirma, die Versuche im Labor machen wollte, sei ob der unsicheren Verhältnisse abgesprungen. „Der Einstieg des Investors hätte die Zukunft des Fluglabors für die nächsten 50 Jahre gesichert“, ist sich Kai Steffen sicher. Derzeit experimentieren Schüler und Studierende in Fockes altem Labor, und auch „Jugend forscht“ nutzt die Geräte.

Wie die Zukunft des Windkanals aussieht, ist noch unklar. Vor drei Jahren war von der Gründung einer Stiftung die Rede gewesen – wer das Sagen haben sollte, darin war man sich nicht einig.

Der Focke-Windkanal, Emil-Waldmann-Straße 4, kann an jedem ersten Sonntag im Monat besichtigt werden. Zwischen 12 und 17 Uhr werden zu jeder vollen Stunde kostenlose Führungen angeboten. Mehr unter www.Focke-Windkanal.de.

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