Prozess gegen Harry S. Bremer Syrien-Kämpfer vor Gericht

Harry S. soll in Syrien Mitglied des Daesch gewesen sein. Voraussichtlich im Juni beginnt vor dem Staatsschutzsenat in Hamburger Oberlandgericht der Prozess gegen den Mann.
10.05.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Syrien-Kämpfer vor Gericht
Von Jürgen Hinrichs

Harry S. soll sich in Syrien dem Daesch angeschlossen und eine Ausbildung zum Kämpfer einer Sondereinheit der islamistischen Terrororganisation durchlaufen haben. Im Juni beginnt in Hamburg der Prozess gegen den Mann.

Harry S. zeigt Reue und räumt das meiste ein, was ihm vom Generalbundesanwalt vorgeworfen wird. Der Mann soll sich in Syrien dem Daesch angeschlossen und eine Ausbildung zum Kämpfer einer Sondereinheit der islamistischen Terrororganisation durchlaufen haben. Erstmals steht damit wegen solcher Vorwürfe ein Bremer vor Gericht. In der Anklageschrift, die dem WESER-KURIER vorliegt, wird haarklein nachgezeichnet, welcher Weg den 27-Jährigen zum Islamismus geführt hat. Verhandelt wird darüber voraussichtlich ab dem 22. Juni vor dem Staatsschutzsenat des Hanseatischen Oberlandesgerichts in Hamburg.

Der Generalbundesanwalt hat auf 84 Seiten zusammengetragen, unter welchem Einfluss Harry S., der aus einer strenggläubigen katholischen Familie stammt, sich radikalisiert hat und schließlich dem Daesch zuwandte. Es ist eine prototypische Entwicklung. So oder so ähnlich lässt sie sich auch bei anderen deutschen Männern nachzeichnen, die sich dem Islamismus angeschlossen haben und den Terror wählten.

Katholisches Elternhaus

Harry S. kam bereits als Jugendlicher mit dem Gesetz in Konflikt. Er kassierte unter anderem wegen Körperverletzung und schweren Raubes Bewährungs- und Freiheitsstrafen. Erst im Februar dieses Jahres wurde er nochmals wegen Raubes verurteilt und muss für diese Tat vier Jahre ins Gefängnis. Zurzeit sitzt er wegen des Terrorverdachts in einem besonders gesicherten Trakt der Justizvollzugsanstalt in Oldenburg.

Die Eltern von Harry S., Mutter und Vater stammen aus Ghana, lebten getrennt. Die Mutter war mit ihren drei Kindern im Stadtteil Osterholz zu Hause. Sie fühlte sich stark zur Kirche hingezogen und schickte ihren Sohn Harry auf die katholische Privatschule St. Johannis, wo er den Hauptschulabschluss machte. In dieser Zeit war er schon mit Jugendgangs unterwegs. Nachdem die Familie vor zehn Jahren nach London umgezogen war, besuchte Harry S. verschiedene Colleges, er wollte Bauingenieur werden, schaffte aber keinen Abschluss. Geld verdiente er mit Hilfsarbeiten, er war auch mal Postbote und Verkäufer.

Mit 20 Jahren konvertiert

Harry S. fehlte offenbar der Halt, gesucht hat er ihn dann beim Islam. Nach Koranstudium und regelmäßigen Moschee-Besuchen konvertierte er mit 20 Jahren. Als er nach Bremen zurückkam, um eine Haftstrafe anzutreten, weil er die Bewährungsauflagen nicht erfüllt hatte, machte er in der JVA Oslebshausen Bekanntschaft mit René Marc S., einem islamistischen Terrorhelfer, der nach dreieinhalb Jahren Haft mittlerweile wieder auf freiem Fuß ist und in Bremen lebt.

S. soll Harry S. auf die Seite der Radikalen gezogen haben. So jedenfalls stellt es der Generalbundesanwalt dar. René Marc S. bestreitet das, er sei dem Mitgefangenen nur einmal begegnet, betonte er im Gespräch mit dem WESER-KURIER. Die Staatsanwälte sehen das anders: „Durch S. lernte er einen salafistischen Islam kennen, der insbesondere eine freiheitlich-demokratische Grundordnung sowie Toleranz gegenüber Andersdenkenden, liberalen Muslimen ablehnte“, heißt es in der Anklageschrift. S. sei wie ein „großer Bruder“ gewesen.

Sicher ist, dass Harry S. bereits während seiner Freigänge und später nach der Entlassung aus dem Gefängnis engen Kontakt zum „Kultur- und Familienverein“ (KuF) in Gröpelingen hatte, wo S. eine maßgebliche Rolle gespielt haben soll. Der Verein ist vor anderthalb Jahren verboten worden, weil die Sicherheitsbehörden nachweisen konnten, dass aus seinen Reihen etliche Männer und Frauen nach Syrien ausgereist waren, um für den Daesch zu kämpfen. Teilweise hatten sie ihre Kinder mitgenommen.

Kampfausbildung beim Daesch

Auch Harry S. ging nach Syrien und begann dort im April vergangenen Jahres die Kampfausbildung beim Daesch. Nach zwei Monaten gab er wegen des harten Trainings auf, unter anderem wegen gesundheitlicher Probleme. Exponiert hat sich der Bremer damals trotzdem. Er trat als martialischer Fahnenträger in einem Video auf, das unter anderem die Hinrichtung von Gefangenen des Daesch zeigt.

In dem Film wird in deutscher Sprache dazu aufgerufen, „Ungläubige“ anzugreifen und zu töten, wenn nicht in Syrien, dann in Deutschland. Harry S. war während seiner Zeit in Syrien nach eigenen Angaben mehrfach gefragt worden, ob er in seine Heimat zurück wolle, um dort Anschläge zu verüben. Er habe das abgelehnt und sei auch in Syrien nie an Kampfhandlungen beteiligt gewesen. Die Waffen, die er bei sich getragen habe, seien nie zum Einsatz gekommen.

Am 20. Juli vergangenen Jahres kehrte Harry S. nach Bremen zurück, nachdem er von Syrien aus in die Türkei geflüchtet war. Bei seiner Ankunft am Bremer Flughafen wurde er von der Polizei in Empfang genommen und dem Haftrichter vorgeführt. In Untersuchungshaft kam er zum einen wegen schweren Raubes, gefährlicher Körperverletzung und räuberischer Erpressung, was im Februar mit vier Jahren Haft geahndet wurde. Zum anderen wegen des Terrorverdachts.

Höchststrafe von zehn Jahren

Sollte Harry S. die Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung nachgewiesen werden, droht ihm eine Strafe von bis zu zehn Jahren. Weil er in weiten Teilen geständig ist und erhebliche Teile der Anklageschrift auf seinen Aussagen beruhen, darf er jedoch auf Milde hoffen. In ähnlich gelagerten Fällen hatte es im vergangenen halben Jahr vor den Gerichten in Celle und Düsseldorf drei bis fünf Jahre Haft gegeben. Die Angeklagten waren wie Harry S. junge Männer, die in den Vernehmungen mit Generalbundesanwaltschaft und Verfassungsschutz einiges über die Struktur des Daesch verrieten und Namen von Mitkämpfern und Kommandanten preisgaben.

Am Wochenende war bekannt geworden, dass Harry S. während seiner Zeit in Syrien auch Kontakt zu einem der mutmaßlichen Drahtzieher der Pariser Anschläge vom November 2015 hatte. Auf Fotos, die ihm vorgelegt wurden, habe er den belgischen Islamisten Abdelhamid Abaaoud identifizieren können, berichtet das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ in seiner jüngsten Ausgabe. Harry S. behauptet, sich mit Abaaoud und anderen französischsprachigen Kämpfern in einem sogenannten sicheren Haus des Daesch aufgehalten zu haben.

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