Baupläne für das Brinkmann-Gelände

Bremer Tabakquartier bekommt Masterplan

Keine Denkverbote: Mit einem Masterplan will die Stadt neue Ideen für das vordere Woltmershausen sammeln. Das klappt aber nur, wenn Eigentümer, Stadt und Ortspolitik an einem Strang ziehen.
23.06.2018, 16:50
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Von Karin Mörtel
Bremer Tabakquartier bekommt Masterplan

Auf dem ehemaligen Brinkmann-Gelände plant die Justus Grosse GmbH ein Großprojekt für das vordere Woltmershausen.

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Das neue Tabakquartier in Woltmershausen liegt genau dort, wo das große Styropor-Modell von der Bremer Innenstadt im Erdgeschoss der Baubehörde endet. Doch nun rückt das Gelände hinter den Gleisen der Linie Bremen-Oldenburg in den Fokus – das Areal auf dem einst das Gaswerk der Stadt aktiv war und jahrzehntelang in der Tabakfabrik Martin Brinkmann Zigaretten für den Weltmarkt produziert wurden. Die Stadtplaner haben gemeinsam mit Fachleuten aus der Verkehrs-, Umwelt- und Wirtschaftsbehörde einen Masterplan für ein etwa 55 Hektar großes Gebiet beauftragt; das ist fast dreieinhalb Mal so groß wie das Großprojekt Gartenstadt Werdersee.

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Doch in Woltmershausen geht es nicht um eine grüne Wiese hinterm Deich, sondern um eine historisch gewachsene Gewerbe- und Industriefläche, die neu gedacht und sortiert werden muss. Ein städtebaulicher Rundumschlag soll der Masterplan daher werden, nicht nur für das jüngst von der Firma Justus Grosse gekaufte Brinkmann-Gelände, auf dem drei große Ziegelsteinspeicher auch der Münchner Immobilienfirma Ariston gehören.

Die Fläche des ehemaligen Gaswerks mit der SWB als Eigentümerin ist ebenso mit dabei im Kernbereich des Masterplans, der neu zu strukturieren ist. Darüber hinaus nehmen die Planer auch weite Flächen drumherum bis an die Weser und in die Neustadt in den Blick, damit das Tabakquartier ein Erfolg werden kann. Die zuständige Stadtplanerin Jutta Bettin bezeichnet das weitläufige Areal als einen Ort voller ungenutzter Möglichkeiten, der sich zu lange in unmittelbarer Nähe zur Innenstadt im „Dornröschenschlaf“ befand. Das Aufwecken wird jedoch mit einem herangaloppierenden Prinzen und einem kurzen Kuss nicht zu machen sein.

Altlasten auf dem Gelände

Es wird dauern, das heutige Durcheinander von Gewerbe, Industriebrache, Schrebergärten und vereinzelter Wohnbebauung sowie steingewaltigen Industriedenkmälern im Kernbereich neu zu denken – und die Ideen dann in machbare Konzepte zu gießen. Es fehlen Grünflächen und lebenswerte Freiräume, passende Wohnkonzepte, Kindergärten und eine Schule, neue Straßenverbindungen und eine Idee, wie sich der neue Wohn- und Arbeitsort in Bremen einfügen soll.

Dabei sind Stadt und Eigentümer voneinander abhängig: Ohne neue Bebauungspläne können die Eigentümer es vergessen, dort Wohngebäude zu errichten. Im Gegenzug braucht die Stadt Verhandlungspartner, die das städtebauliche Konzept am Ende auch umsetzen wollen und können. Das gemeinsame Ziel ist „ein quirliges, durchmischtes und buntes Areal“ – so sagt es Clemens Paul, geschäftsführender Gesellschafter bei Justus Grosse. Beim Bausenator hört man ähnliches. Gemeinsam wollen Stadt und Eigentümer die alte, gewachsene Industriestruktur teilweise erhalten und mit modernen Gebäudeformen verbinden. Dieses Grundprinzip erinnert stark an die Entwicklung der Überseestadt.

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Und ebenso wie in dem ehemaligen Hafenquartier sind auch in Woltmershausen die Herausforderungen für die Planer gewaltig: Handfeste Probleme gilt es zu lösen im Hinblick auf die Altlasten auf dem Gelände. Die haben es in sich, schließlich sind bei der Gasproduktion extrem umweltschädliche Abfallprodukte entstanden, die bis heute im Boden schlummern. Der verantwortungsbewusste Umgang damit wird ein zentrales Thema sein. Aber auch den Bahnlärm der nahen Strecke Bremen-Oldenburg gilt es, in den Griff zu bekommen. Ohne zusätzlichen Lärmschutz ist Wohnen sonst nur mit deutlichem Abstand von den Gleisen möglich.

Und schließlich fast der dickste Brocken auf der Liste: die Frage, wie der Verkehr flüssig nach Woltmershausen hinein- und wieder hinausgeleitet werden kann. Denn bereits heute gelten die beiden einzigen Verbindungswege Richtung Innenstadt und Neustadt als Nadelöhre, die häufig verstopft sind. Zu den Stoßzeiten stauen sich Autos und Laster am Pusdorfer Tunnel unter den Gleisen und am Neustädter Knoten, wo die A 281, Stadtstraßen und die Bundesstraße 75 aufeinandertreffen. „Eigentlich nah, aber gefühlt weit weg von der Innenstadt“, so bezeichnet Jutta Bettin das unerwünschte Phänomen im Stadtteil, das sich durch zusätzliche Autofahrten der neuen Bewohner noch verschlimmern könnte. „Wenn wir das Verkehrsproblem nicht in den Griff bekommen, können wir das ganze Projekt vergessen“, sagt Baustaatsrat Jens Deutschendorf ganz offen.

Neue Weserbrücke als Gedankenspiel

Keine Denkverbote, so heißt die Maxime in der Behörde deshalb an dieser Stelle. Alles, was die Mobilität der heutigen und künftigen Stadtteilbewohner verbessern könnte, sei eine Überlegung wert. Die Aufweitung des Tunnels beispielsweise, wie bereits am Concordia-Tunnel vor Jahren geschehen. Eine Neusortierung des Neustädter Knotens ist ohnehin im Bremer Süden erwünscht. ­­­Selbst der altbekannte Wunsch aus dem Stadtteil, die alte Straßenbahnlinie 7 wieder aufleben zu lassen, stößt angesichts der möglichen Entwicklung in Woltmershausen bei den Planern auf keinen kategorischen Widerstand mehr wie noch in den Jahren zuvor.

Keine Denkverbote. Das gilt auch für bessere Wegebeziehungen vom Tabakquartier in die übrige Stadt. Das wünschen sich die städtischen Strategen besonders für Radfahrer und Fußgänger, damit die neuen und alten Bewohner weniger häufig ein Auto benutzen müssen. Selbst eine neue Weserbrücke, die über die Landzunge am Hohentorshafen zur Überseestadt führt, gehört zu den Gedankenspielen, die momentan erstmal nur kühne Wünsche sind. Auch neue Übergänge oder Unterführungen unter den Bahngleisen Richtung Neustadt und Innenstadt sind darunter. Altbekannte Begehren der Stadtteilpolitik, die plötzlich ernsthaft in Betracht gezogen werden – ohne sie gleich mit der Kostenkeule abzuschmettern.

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Die Wirtschaftsförderer können es indes kaum erwarten, die offenbar große Nachfrage kleinerer Handwerksbetriebe und Start-Up-Unternehmen für den Bereich zu bedienen. Daher liegt der Fokus der Wirtschaftsbehörde ganz klar darauf, Gewerbe am Standort keineswegs zu verdrängen, sondern auch neue Entwicklungen zuzulassen – sofern sie keine Konflikte verursachen.

Derartige Vorüberlegungen sind nun abgeschlossen, nun ist das Planungsbüro „Elbberg“ am Zug, das den Zuschlag für den Masterplan erhalten hat. Die erfahrenen Stadtplaner aus Hamburg sollen den großen Wurf erarbeiten, mit dem die Stadt eine Marschrichtung vorgibt. Sie muss Eigentümer, Unternehmer und die Menschen vor Ort berücksichtigen. Zum Aufgabenpaket gehören eine detaillierte Bestandsaufnahme sowie verschiedene Szenarien für eine Umstrukturierung, die im Kernbereich denkbar sind.

"Breites und lebendiges Quartier"

Das alles soll nicht am grünen Tisch, sondern im Laufe eines Werkstattverfahrens mit Stadtteilbewohnern, Ortspolitikern sowie Stadt und Eigentümern passieren. Die Auftaktveranstaltung dazu findet an diesem Montag statt (siehe Infokasten).

Schließlich werden Senat und Bürgerschaft über den Masterplan abstimmen, auf dessen Basis dann Baurecht über neue, zeitgemäße Bebauungspläne geschaffen werden kann. Und davon sind gleich mehrere für das riesige Areal erforderlich, damit unerwartete Schwierigkeiten an einer Stelle nicht gleich das ganze Projekt verzögern. Paul: „Entscheidend wird für uns am Ende sein, dass es gelingt, das Quartier breit und lebendig aufzustellen – als einen Ort, an dem neue Entwicklungen passieren und die Menschen sich gerne aufhalten.“

Weitere Informationen

Das Werkstattverfahren und die Idee des Masterplans zum Tabakquartier wird Interessierten während der kommenden Beiratssitzung in Woltmershausen am Montag, 25. Juni, vorgestellt. Sie findet ab 19.30 Uhr im Gemeinderaum der Evangelischen Freikirche, Woltmershauser Straße 298, statt.

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