Tischgespräch

Statt Sterneküche gibt’s Suppen und Säfte

Was kommt heraus, wenn ein Spitzenkoch und eine Personal-Fitness-Trainerin sich zusammentun? Bei Thomas Bicheler und Astrid Beck lautet die Antwort: ein Saftladen.
11.02.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Statt Sterneküche gibt’s Suppen und Säfte
Von Temi Tesfay

Das hier rettet mir gerade den Hintern.“ Thomas Bicheler deutet auf eine leere Glasflasche, deren Inhalt in einem kleinen Topf aufgekocht wird. Am Flaschenbauch ist das Symbol eines Entsafters aufgedruckt, darunter der Name des Geschäftes, das er zusammen mit Lebensgefährtin Astrid Beck betreibt: Pressgut. Ob Säfte, Eintöpfe oder Drinks, beim ehemaligen Sternekoch und der Personal-Fitness-Trainerin ist alles, was werktags in der Saftmanufaktur und sonnabends auf dem Findorffer Wochenmarkt angeboten wird, gepresst.

Ebenso wie ein weiteres Produkt, das ­Bicheler im Halbliter-Glas verkauft: Suppen. Weil sie vegan,glutenfrei und über sechs Wochen haltbar sind, aber auch, weil zu Jahresbeginn die Nachfrage für gesundes Fastfood besonders groß sei, retten sie ihm gerade den Hintern. Aber auch, weil sie neben dem guten Gewissen dem kritischen Gaumen gefallen und „voll lecker“ seien, wie ihr Slogan verspricht. Und genau das wollen wir beginnend mit der inzwischen heißen Süßkartoffel-Kokos-Suppe (5,10 Euro) probieren.

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Probiert und empfohlen: „Ich mag die Kombi von Kokos und Zitronengras“, beginnt Bicheler seine Wertung, die an unerwarteter Stelle kritisch wird. Der Kaloriengehalt liege mit 625 hier sehr hoch. Bei der Variante Fenchel-Orange liege man mit 110 deutlich drunter. Eine erfrischende Perspektive auf einen Gegenstand, der in der Hauptsache geschmacklich gewertet wird. Was dies betrifft, ist die Sache hier vom ersten bis zum letzten Löffel überzeugend. Frisch, aromatisch und gehaltvoll ist das erwartet Gefällige, die besondere Samtigkeit das unerwartete. „Ich püriere die nicht nur, sondern passiere sie sogar“, kommentiert der 53-Jährige und schiebt sein persönliches Warum grinsend hinterher: „Faserig ist fürchterlich.“ Nichtvegetariern empfiehlt Bicheler einfach eine Variation mit Scampi.

Als Nächstes kündigt er „das mit großem Abstand meist verkaufte Produkt“ an: einen Dinkel-Möhren-Quinoaburger mit Limettensojanaise und Guacamole (neun Euro). „Alles aus eigener Herstellung“, sagt der Koch stolz. Selbst wenn man es lieber mit Fleisch hält, macht diese Veganvariante Appetit. Der mit Tomate, Gurke und Feldsalat gespickte Burger sieht sehr einladend aus, ebenso wie der liebevoll angerichtete Beilagensalat. „Bei veganen Partys hast du oft das Gefühl, Brot mit Brot zu kombinieren“, greift Bicheler eine häufige Kritik auf, „unsere hingegen bestehen aus Quinoa, Chiasamen, roten Zwiebeln und getrockneten Tomaten, sind sehr saftig, glutenfrei und ohne Zusätze.“ Daher liege ihr Burger auch „ganz weit vorne“.

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Vom Kontext ist abhängig, ob ich hier zustimmen kann oder nicht. Wenn man Burger normalerweise mit Fleisch isst, kommen Alternativen ohnehin eher weniger auf die Frontplätze der Bestelloptionen. So auch bei mir. Wenn man die Kategorie veganer Burger aber zulässt, liegt diese Kreation schon weiter vorne. Wegen der Saftigkeit des Patties, der Frische und des konsequenten Selfmade-Ansatzes. Spitze wäre sie aber nicht. Denn ihr fehlt der Kontrast, sowohl in der Mundhaptik als auch im Geschmack . Alles ist devot und weich, der letzte Kick fehlt.

„Darf ich bei einem Ex-Sternekoch aber nicht erwarten, etwas Ausgefallenes serviert zu bekommen?“, frage ich Bicheler, der direkt zurückschießt: „Wie heißt mein Laden? Pressgut. Also, ich bin ein Saftladen mit Essen. Und kein veganes Restaurant. 15 Jahre habe ich gehobene Küche gearbeitet. Ich mag nicht mehr.“

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Und ich mag ihn für diese leidenschaftliche Rechtfertigung, die er natürlich nicht hätte liefern müssen. Zugegeben, als ich zu Beginn unseres Gespräches einige Säfte probierte, war ich mehr von Becks Gesundheitsvorlesung als den Produkten selbst fasziniert. Aber im Laufe des Gespräches habe ich dieses Konzept zunehmend schätzen gelernt. Und ganz am Ende sogar doch noch jenen Kick gefunden, der mir beim Burger fehlte. Die Limo IV (8,20 Euro für das Halbliter-Glas) mit Granatapfel, Orange, Maracuja, Physalis und, völlig überraschend, Chili. Hammer!


Pressgut, Sankt-Jürgen-Straße 132, 28203 Bremen. Barrierefrei. Telefon 04 21/69 50 01 71. Öffnungszeiten: Montag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag von 10 bis 17 Uhr, Dienstag von 10 bis 19 Uhr, Sonnabend auf dem Findorffer Wochenmarkt von 8 bis 14 Uhr. Klimaneutrale Verpackung.

Info

Zur Person

Temi Tesfay hat Hunger auf Bremen. Auf seinen wöchent­lichen Streifzügen durch die heimische Gastroszene hat er schon viele Küchen, Köche und ­kulinarische Schätze der Stadt kennengelernt. Unter dem Titel „Ein Bisschen Bremen“ schreibt er außerdem einen Foodblog.

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