Traditionsbetrieb wird verkauft

Traditionshotel Zum Werdersee schließt Ende Januar

Schluss mit Feiern, Schlemmen und Übernachten am Fuße der Erdbeerbrücke in Habenhausen: Der Traditionsbetrieb Hotel-Restaurant Zum Werdersee wird verkauft und abgerissen.
18.01.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Karin Mörtel
Traditionshotel Zum Werdersee schließt Ende Januar

Ingeburg Möhlenkamp hat ihr Hotel-Restaurant Zum Werdersee verkauft.

Petra Stubbe

Ein letztes Mal Alt-Bremer Hühnersuppe, Großmutters Rinderroulade, Gänsebraten oder Hirschgulasch: Noch gibt es die gewohnten Speisen zum Mitnehmen zu kaufen beim Hotel-Restaurant Zum Werdersee. Doch Ende Januar schließt das Traditionshaus am Fuße der Erdbeerbrücke in Habenhausen seine Türen für immer.

Inhaberin Ingeburg Möhlenkamp hat den Betrieb verkauft. „Es musste sein“, sagt die Frau, die in Arsten und Habenhausen bekannt ist wie kaum eine andere. Wenn sie anfängt, die Gründe für den Verkauf aufzuzählen, wird schnell deutlich, dass es keine leichtfertige Entscheidung gewesen ist. „Ich habe in den letzten zwei Jahren meine Familie verloren“, setzt Möhlenkamp an.

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Erst ihren Ehemann Thomas Möhlenkamp, der völlig unerwartet im April 2018 gestorben ist. Nur drei Monate später verstarb ihr Vater Horst Möhlenkamp, der den Betrieb 1966 übernommen und neu aufgebaut hatte (siehe unten). „Er war ein leidenschaftlicher Koch und Küchenchef“, beschreibt sie ihn rückblickend. Als sie im Mai 2019 dann auch noch ihre Mutter Marie Luise Möhlenkamp zu Grabe tragen musste, stand sie ganz alleine da mit dem damals gut laufenden Gastronomiebetrieb.

„Man kann einen Betrieb in dieser Größenordnung alleine führen, aber das ist ein 24-Stunden-Job an sieben Tagen in der Woche ohne Urlaub“, sagt Möhlenkamp. 46 Mitarbeiter, darunter 20 Festangestellte, der Restaurantbetrieb, das Hotel mit 20 Zimmern und dann auch noch die zahlreichen Feste und Feiern im Haus: Das hätte sie irgendwie noch geschafft, glaubt sie.

Hohe Investitionen

Doch zusätzlich sei ihr klar gewesen, dass sie das Haus modernisieren muss. „Das letzte Mal ist das vor 18 Jahren passiert, ich hätte 500.000 Euro investieren müssen – und ich bräuchte zehn gute Jahre, um das wieder reinzuholen“, erklärt Möhlenkamp. Eine schwierige Entscheidung im Alter von 58 Jahren, findet sie. „Und dann kam Corona“, beschreibt Möhlenkamp den Punkt, an dem ihr klar geworden sei: Spätestens jetzt geht es nicht mehr weiter.

Bis heute stapeln sich noch die Getränke im Keller, die sie eigentlich für die Kohlfahrten im März 2020 eingelagert hatte. 350 Leute kann sie im Haus unterbringen, wenn sie ausgebucht ist. Nun muss sie sehen, ob sie die überschüssige Ware im Betrieb noch verwerten kann.

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Bei der Suche nach Käufern hätten Gastronomen wegen der Pandemie schnell abgewunken, doch Wohnungsbau am Werdersee, das konnten sich wohl gleich mehrere Interessenten vorstellen. „Am Ende war es eine Bauchentscheidung, das Haus an die Projektentwicklungsgesellschaft Holzdamm 104 zu verkaufen“, sagt die Hotelinhaberin.

Hotel wird wohl abgerissen

Es ist nicht viel, das die Käufer zu diesem frühen Zeitpunkt über sich preisgeben. Es handelt sich nach deren Angaben um einen Zusammenschluss von zwei Habenhauser Handwerksunternehmen, einen Projektentwickler und einen Architekten. Ob sie an der begehrten Lage am Werdersee Eigentumswohnungen oder betreutes Wohnen realisieren wollen, stehe aufgrund der kurzen Planungszeit noch nicht fest, lassen sie schriftlich übermitteln. Das Hotel wird wohl abgerissen, Baubeginn ist dann frühestens 2022.

Wer das halbe Dorf zu seinen Stammgästen zählt und auch über die Stadtgrenzen hinaus als Institution gilt, weiß, dass die Schließung viele Menschen trifft. Besonders in einem Ortsteil der Stadt, in dem es nur noch wenige Gaststätten gibt, in denen die Bewohner noch zum Feiern zusammenkommen und nach dem Vereinssport klönen können. „Manche von unseren Gästen haben hier ihr ganzes Leben gefeiert – von der Taufe bis zur Hochzeit und darüber hinaus“, weiß sie. Und Möhlenkamp war seit ihrem vierten Lebensjahr mit dabei. Sie wohnte bis vor kurzem im Haus, mit zwölf Jahren stand sie zum ersten Mal hinter der Theke. Sie war da, wenn die Familien zusammenkamen, um neue Kinder willkommen zu heißen, Konfirmationen zu feiern oder Verstorbene zu betrauern.

Hotel Zum Werdersee

Am Tresen darf bis zur Schließung nur noch ein Stofflöwe Platz nehmen. Wegen des Lockdowns müssen die Stammgäste aus Arsten und Habenhausen aus der Ferne Abschied nehmen.

Foto: Petra Stubbe

All das ist nun vorbei „und ich finde es dreifach schade, dass wir uns wegen des Lockdowns nicht richtig verabschieden können“, bedauert Möhlenkamp. Sie weiß auch, dass es für ihre Mitarbeiter schwer ist, ihre Arbeitsplätze zu verlieren – manche waren weit über 30 Jahre im Haus angestellt.

Nun schließt das Haus genau 55 Jahre, nachdem ihr Vater es übernommen hatte. Möhlenkamp: „Aber das ist inzwischen in Ordnung für mich, damit ist das Kapitel für mich abgeschlossen und ich bedanke mich für die langjährige Treue unserer Gäste.“

Info

Zur Sache

Die Geschichte des Traditionsbetriebs am Werdersee

Bereits Ende des 18. Jahrhunderts eröffnete an der Stelle des heutigen Restaurants Familie Schmidt „Schmidt’s Kaffeehaus“. Am 11. November 1966 übernahmen Hans Walter Schulze und sein Sohn Horst Möhlenkamp die Lokalität am Holzdamm 104. 1967 kam Ehefrau Marie Luise Möhlenkamp dazu. 1969 wurden eine Kegelbahn und ein Hotel angebaut. Es wurden laufend Um- und Anbauten durchgeführt. 1972 wurde der bis dahin als Lager genutzte Saal eingerichtet und in Betrieb genommen.

1984 ist die Tochter Ingeburg Möhlenkamp in das Unternehmen eingetreten und hat es 2002 übernommen. Im selben Jahr führt sie eine Kernsanierung durch und lässt einen Wintergarten anbauen. Das Unternehmen wurde danach gemeinsam von Ingeburg Möhlenkamp und bis zu dessen Tod im Jahr 2018 von Ehemann Thomas Möhlenkamp geführt. Am 31. Januar 2021 wird das Hotel verkauft. Zuletzt hatte der Betrieb nach eigenen Angaben bis zur Pandemie monatlich etwa 3500 Gäste und in den Hauptgeschäftsmonaten bis zu 7000 Gäste pro Monat.

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