Skandal um dubiose Zeitschriften Bremer Uni-Rektor räumt Publikationen bei Scheinverlagen ein

Recherchen von NDR, WDR und SZ zufolge haben mehr als 5000 deutsche Wissenschaftler ihre Forschungsergebnisse bei zweifelhaften Verlagen publiziert. Unter ihnen auch der Rektor der Uni Bremen.
19.07.2018, 06:31
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Sebastian Krüger Alice Echtermann

Mehr als 5000 deutsche Wissenschaftler haben Medienberichten zufolge Forschungsergebnisse in wertlosen Online-Fachzeitschriften pseudowissenschaftlicher Verlage publiziert. Diese Verlage achteten die grundlegende Regeln der wissenschaftlichen Qualitätssicherung nicht, berichten die Sender NDR, WDR und das "Süddeutsche Zeitung Magazin". Die publizierten Beiträge seien oft mit öffentlichen Geldern finanziert worden. Weltweit seien rund 400.000 Forscher betroffen. An den Recherchen haben sich den Angaben zufolge auch weitere nationale und internationale Medien beteiligt.

Wie Radio Bremen berichtet, haben sich auch Bremer Forscher an dieser Praxis beteiligt. Es soll sich um Wissenschaftler verschiedener Fachgebiete von der Universität Bremen, der Jacobs University und anderer Einrichtungen handeln - darunter ein prominenter Name: Bernd Scholz-Reiter, der Rektor der Uni Bremen. Er ist laut Radio Bremen der einzige Leiter einer deutschen Hochschule, dessen Name in den Recherchen auftaucht. Er soll zwischen 2009 und 2014 insgesamt 30 Veröffentlichungen bei sogenannten Scheinverlagen getätigt haben. Sie stammten vor allem aus seiner Zeit als Chef des Bremer Instituts für Produktion und Logistik (Biba).

In einer Stellungnahme bestätigt Scholz-Reiter, zusammen mit anderen Wissenschaftlern in dem Zeitraum Beiträge bei solchen Verlagen publiziert zu haben. Einer dieser Verlage ist "World Academy of Science, Engineering and Technology" (Waset). Scholz-Reiter bestreitet jedoch die Teilnahme an einer Konferenz dieser Verlage. Für ihn sei zu keinem Zeitpunkt ersichtlich gewesen, um was für Verlage es sich gehandelt hat. Das Phänomen sei ihm damals noch nicht bekannt gewesen. „Hätten ich selbst oder meine Ko-Autoren damals Zweifel an der Seriosität der Verlage gehabt, hätten wir dort sicherlich nicht veröffentlicht.“ Heute würde er nicht mehr bei den betreffenden Verlagen publizieren und andere Wissenschaftler davor warnen.

Außerdem ist eine Wissenschaftlerin der Universität Bremen bei einer pseudowissenschaftlichen Konferenz mit einem Preis ausgezeichnet worden. Dies hatte zuerst Radio Bremen berichtet. Die Pressemitteilung des Sonderforschungsbereichs 1232 ("Von farbigen Zuständen zu evolutionären Konstruktionswerkstoffen") der Universität Bremen, in der die Ehrung der Forscherin verkündet wurde, ist zwar nicht mehr online, aber noch über den Cache abrufbar. Dies ist ein Speicher von Suchmaschinen. Die Konferenzen haben mitunter den gleichen Titel wie ihre seriösen Pendants und setzen offenbar darauf, dass Forscher darauf hereinfallen und viel Geld für die Teilnahme zahlen. Dabei fehlt den Konferenzen jeglicher wissenschaftliche Standard. Ein Team von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" hat sich mit gefälschten Namen, einer ausgedachten Universität und Nonsens-Texten auf eine Konferenz in London begeben und wurde ebenfalls ausgezeichnet.

Hochschulen warnten vor Verlagen

„Es ist nicht akzeptabel, dass unseriöse Verlage gutgläubige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler austricksen“, kritisiert Wissenschaftssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD). Das sei ein ernst zu nehmendes Problem und schade dem Ansehen und der Glaubwürdigkeit der Wissenschaft enorm. „Die Bremer Hochschulen sind aufgefordert, die wissenschaftliche Publikationspraxis kritisch zu überprüfen, um die Einhaltung wissenschaftlicher Standards jederzeit zu gewährleisten.“

Uni-Sprecherin Kristina Logemann hat vor den Gefahren der unwissenschaftlichen Praxis gewarnt, die eigenen personellen Verstrickungen der Uni darin jedoch nicht erwähnt. Für die Wissenschaftler seien die Machenschaften der Scheinverleger oftmals nur schwer zu erkennen. Daher seien Universitäten, Hochschulen und Forschungseinrichtungen in der Pflicht, ihre Mitarbeiter bestmöglich darüber zu informieren.

Das Phänomen der pseudowissenschaftlichen Verlage sei zwar schon seit Jahren bekannt, heißt es in den Berichten. Deutsche Hochschulen und Forschungsgesellschaften hätten bereits mehrfach davor gewarnt. Neu seien jedoch das rasant steigende Ausmaß. So habe sich die Zahl solcher Publikationen bei fünf der wichtigsten Verlage den Recherchen zufolge seit 2013 weltweit verdreifacht, in Deutschland sogar verfünffacht.

Pseudowissenschaftliche Verlage nutzten den Publikationsdruck, der auf Wissenschaftlern laste, und sprächen diese per E-Mail an. Die Betroffenen publizierten Ergebnisse gegen Zahlung teilweise hoher Gebühren in den Internet-Journalen, die von Unternehmen in Südasien, der Golfregion, Afrika oder der Türkei herausgegeben werden. Die Firmen behaupteten zwar, Forschungsergebnisse wie international üblich vor Veröffentlichung anderen erfahrenen Wissenschaftlern zur Prüfung und Korrektur vorzulegen. Den Recherchen zufolge geschehe dies jedoch meist nicht.

Forschungsministerin Karliczek fordert Untersuchung

So gelangten nicht selten fragwürdige Studien mit scheinbar wissenschaftlichem Gütesiegel an die Öffentlichkeit. In anderen Fällen hätten Autorinnen und Autoren offenbar gezielt die Dienste solcher Verlage genutzt, um Forschungsbeiträge schnell zu veröffentlichen, ohne sich der Kritik von Kollegen zu stellen, heißt es in den Medienberichten.

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) verlangte eine gründliche Untersuchung der Fehlentwicklungen bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Dies sei "im Interesse der Wissenschaft selbst", erklärte sie am Donnerstag. Die Ministerin fügte aber hinzu: "Mir ist wichtig, dass es nicht zu vorschnellen Verurteilungen Einzelner kommt. Die überwältigende Mehrheit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland arbeitet nach den Grundsätzen guter wissenschaftlicher Praxis." Sie sprach sich dafür aus, jeden Einzelfall unter die Lupe zu nehmen.

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+