Bremer Braumeisterin im Porträt

Wie Doreen Gaumann zur Unionsbrauerei kam

Seit 2015 ist Doreen Gaumann in der Waller Unionsbrauerei für das Bier verantwortlich. Als Braumeisterin hat sie dem lange Zeit brach liegendem Traditionsunternehmen neues Leben eingehaucht.
18.04.2021, 05:00
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Wie Doreen Gaumann zur Unionsbrauerei kam
Von Felix Wendler
Wie Doreen Gaumann zur Unionsbrauerei kam

Doreen Gaumann ist Braumeisterin in der Waller Unionsbrauerei.

Christina Kuhaupt

Früher, sagt Doreen Gaumann, habe sie Arbeit als etwas gesehen, mit dem Menschen Geld verdienen. Ein bisschen schnöde, nicht unbedingt mit Spaß verbunden. Alltag eben. Was sie dann von einem musischen Gymnasium in Sulingen nach Bremen trieb, sei auch keine überbordende Leidenschaft gewesen. Interesse für die Naturwissenschaften und Lebensmittel durchaus, aber für Bier? Na ja, eine große Trinkerin sei sie jedenfalls nicht gewesen. „Ich bin da völlig naiv rangegangen“, sagt Gaumann. Sie habe eher zufällig eine Ausbildungsstelle bei Beck's gesehen, sich beworben und die Stelle bekommen. Heute, etwa zehn Jahre später, dreht sich bei ihr nicht alles um Bier, aber vieles. Beck's allerdings hat sie längst den Rücken gekehrt, und das im wahrsten Sinne des Wortes: Gaumann arbeitet mittlerweile auf der anderen Seite der Weser, ist Braumeisterin in der Unionsbrauerei.

Wunsch nach eigenen Entscheidungen

Zwischen heute und damals, der Neustadt und Walle, liegt für Gaumann nicht nur die Weser, sondern auch eine Entwicklung ihrer Sichtweise: Die Arbeit ist vom Broterwerb zur Leidenschaft geworden. Gaumann ist nicht immer noch in Bremen, sondern wieder. Sie hat in Nordrhein-Westfalen für die Brauerei Diebels gearbeitet und dann in München die Meisterschule besucht. Erst dort, erzählt die heute 29-Jährige, sei der Funke richtig übergesprungen. Im Kontakt mit den Kollegen, die nicht nur eigene Ideen hatten, sondern die auch in ihren Brauereien umsetzen konnten. „Das wollte ich auch“, sagt Gaumann. Welches Rezept nehmen wir? Welche Biersorten biete ich an? Aber auch: Mit welchen Leuten arbeite ich zusammen? All das zu entscheiden, sei bei den großen Brauereien mit ihren gefestigten Abläufen nie möglich gewesen.

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Dann, 2015, habe sie, mittlerweile zertifizierte Brau- und Malzmeisterin, die Chance bekommen, genau das zu tun. In Walle hatte der Bremer Bauunternehmer Lüder Kastens kurz zuvor das Gebäude der ehemaligen Unionsbrauerei gekauft. Bier war dort zuletzt in den späten 1960er-Jahren gebraut worden. Kastens habe sich wohl gedacht, man könne es ja noch mal probieren, sagt Gaumann. Sie, die Heimat vermissend, habe von der Idee gelesen, sich sofort beworben und die Stelle als Braumeisterin bekommen. Gaumann war also von Anfang an bei allem dabei. Große Wiedereröffnung der traditionsreichen Brauerei im November 2015, viele Möglichkeiten zur Entfaltung, aber auch viel Arbeit und viel Verantwortung für eine damals 24-Jährige.

Ob sie Angst davor hatte, vielleicht sogar gezögert habe? Nein, sagt Gaumann, und tut das auch bei der Antwort keine Sekunde. „Ich übernehme sehr gerne Verantwortung, auch wenn etwas schief gelaufen ist.“ Ihr sei wichtig, wie mit Fehlern umgegangen wird – im besten Fall aufrichtig und mit Schneid. Wie sie über solche Dinge denkt, ist entscheidend, weil in ihrem Verantwortungsbereich nicht nur der Geschmack des Bieres liegt, sondern auch das kollegiale Miteinander. Braumeisterin, das ist eine Führungsposition. Die Unionsbrauerei hat Gesellen und Azubis, zehn Leute sind dort tätig. Personalführung sei etwas, bei der ihr die Meisterschule rückblickend betrachtet gar nichts gebracht habe, sagt Doreen Gaumann. Zu unterschiedlich seien die Menschen, zu unterschiedlich Theorie und Praxis. Zum Glück gebe es mit den Kollegen keine Probleme, alles sei eingespielt.

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Für sie sei es ein „Luxus“, dass sie die Brauerei habe aufbauen können, sagt die Meisterin. „Ich kann mir aktuell kaum vorstellen, wie das wäre, noch mal in einen bestehenden Betrieb zu wechseln.“ Klar, die Schattenseiten gebe es natürlich auch, wenn alles neu entstehen muss. Gaumann nennt ein Wort, das ihr offensichtlich viel Arbeit beschert hat: Dokumentationspflicht. „Man kann sich überhaupt nicht vorstellen, was alles schriftlich dokumentiert werden muss. Nämlich alles.“

Papierkram gehöre dazu, auch heute noch sei das Alltag in der Brauerei, genauso wie das Abfüllen der Flaschen. Ja, aktuell seien es vor allem Flaschen, sagt Gaumann. Der Grund: Die Kneipen sind zu, also würden kaum Fässer geordert, dafür umso mehr Flaschen im privaten Bereich.

Arbeit und Freizeit lassen sich nicht mehr trennen

Sie selbst trinke natürlich auch Bier, gerne exquisitere Craft-Beere – also solche von kleinen, unabhängigen Brauereien, wie sie auch die Unionsbrauerei eine ist. 60 Euro für drei Flaschen Bier habe sie vor einiger Zeit bezahlt, aber noch nicht probiert. „Ich will da nicht enttäuscht werden“, sagt sie. „Vielleicht trinke ich die zu meinem 30. Geburtstag.“

Heute ließen sich Arbeit und Freizeit für sie gar nicht mehr richtig trennen. Gaumann ist in den sozialen Medien sehr aktiv, hat einen Podcast, in dem sie mit dem Hörfunk-Reporter Wolfgang Loock regelmäßig über Bier spricht. Und mittlerweile, sagt Gaumann als Frau in einer männlich dominierten Branche, bekomme sie auch weniger Sprüche zu hören, werde bei Tagungen seltener bevormundet. „Ich glaube, dass ich mir ein gewisses Standing erarbeitet habe“, sagt die Frau aus Sulingen, die Arbeit gesucht und eine Passion gefunden hat.

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