Geschäftsleute setzen auf Alarmsysteme Bremer Viertel: Acht Raubüberfälle in einem Monat

Nach einer Reihe von Überfällen auf Geschäftsleute im Viertel geht die Angst um. Inzwischen hat die Polizei einen Mann verhaftet, der mehrere der Überfälle verübt haben soll. Die Ermittlungen dauern an.
29.01.2015, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Liane Janz

Nach einer Reihe von Überfällen auf Geschäftsleute im Viertel und in dessen Nähe geht die Angst um. Inzwischen hat die Polizei einen Mann verhaftet, der mehrere der Überfälle verübt haben soll. Die Ermittlungen dauern an. Einige Geschäftsleute werden selbst aktiv und schaffen sich Alarmsysteme an. Und ein Aushang in vielen Läden soll Passanten dazu bewegen, aufmerksamer zu sein.

Ein mutmaßlicher Räuber ist gefasst. Seit Dezember sind mehrere Läden im Viertel tagsüber überfallen worden – über die ersten drei Taten haben wir vor Kurzem berichtet. Inzwischen ist die Zahl auf acht gestiegen. Betroffen sind sechs Geschäfte im Steintor, ein Laden am Hulsberg und einer im Ostertor.

Ein 63-jähriger Uhrmacher ist am vergangenen Donnerstag gegen 10.50 Uhr überfallen und verletzt worden. Der Täter hatte sich Uhren zeigen lassen und dann von hinten mit einem Hammer zugeschlagen. Die Polizei hat mittlerweile einen 43 Jahre alten Mann verhaftet, der mindestens diesen Überfall begangen haben soll.

„Der 43-Jährige ist bereits hinlänglich wegen Raubes, aber auch mit Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz in Erscheinung getreten“, teilt die Polizei mit. Bei Durchsuchungen sei bei ihm am Dienstag „umfangreiches Beweismaterial“ sichergestellt worden.

Ruf nach mehr Polizeipräsenz

Der Fall des Uhrmachers erinnert an einen Raub vor acht Jahren. Damals war ein Juwelier im Steintor ebenfalls mit einem Hammer überfallen worden. Ein 40-jähriger Zeuge hatte einen der Räuber gestellt und war von ihm an der Hand verletzt worden.

Der 79-jährige Besitzer eines Kiosks an der Humboldtstraße war am Donnerstag, 8. Januar, gegen 10.30 Uhr von zwei bewaffneten Männern ausgeraubt worden. Laut Polizeibericht hatte ihn einer von beiden mit einer Schusswaffe bedroht, während sich der andere die Kasse schnappte. „Anschließend flüchtete das Duo in die Straße Fesenfeld und verlor dort aber die Beute“, heißt es im Polizeibericht. Die beiden Männer werden als 20 bis etwa 25 Jahre alt beschrieben, sie hatten dunkle Haare und einen dunklen Teint und trugen Tücher vor dem Gesicht.

In anderen aktuellen Fällen war unter anderem ein Elektroschocker als Waffe benutzt worden. Eine weitere Geschäftsinhaberin war mit einem Schirm ins Gesicht geschlagen worden und hatte dem Täter in den kleinen Finger der linken Hand gebissen, als er sie daran hindern wollte, um Hilfe zu rufen.

Die Festnahme könnte für gewisse Entspannung im Viertel sorgen. Da aber die Polizei selbst bislang immer von mehreren Tätern ausgegangen ist, dürfte mindestens noch ein weiterer Räuber auf freiem Fuß sein.

Mehr Polizeipräsenz lautet eine Forderung der Geschäftsleute. Beruta Adolf von der Georg-Büchner-Buchhandlung am Ziegenmarkt und Illy von Welawitsch von „Illy’s Livingroom“, Vor dem Steintor 112, würden gern öfter Polizeibeamte in der Straße sehen – nicht nur im Auto vorbeifahrend, sondern zu Fuß. „Das habe ich der Polizei auch gesagt“, berichtet Illy von Welawitsch.

Einige Beamte liefen nach dem Überfall auf den Uhrmacher durchs Viertel und verteilten Infoblätter mit der Einladung zu einem Präventionsseminar für Geschäftsleute. „Der sogenannte ‚KOP-Bully’ wurde zusätzlich zeitweise als mobile Wache am Ziegenmarkt eingesetzt“, teilt die Pressestelle der Polizei mit. So stand er etwa am Montagmittag für einige Zeit auf dem Platz.

Laut Polizei werden inzwischen auch mehr Streifen eingesetzt, und der Revierleiter im Steintor hat die Interessengemeinschaft „Das Viertel“ informiert. Von dort komme aber wenig, beklagen einige Geschäftsleute. „Es ist wie Stille Post“, sagt Beruta Adolf. Jeder gebe die Vorfälle anders wieder.

Nachdem das BID (Business Improvement District) im Viertel nicht verlängert worden ist, läuft die Öffentlichkeitsarbeit der Geschäftsleute nur noch ehrenamtlich. Im Februar werde es ein Treffen zwischen der Interessengemeinschaft sowie dem Innensenator und dem Polizeipräsidenten geben, teilt der Vorstand der Interessengemeinschaft mit. Bei einem weiteren Treffen ebenfalls im Februar wollen sich die Kaufleute im Ortsamt mit den Revierleitern Mitte und Östliche Vorstadt austauschen. Die Sitzung werde nicht öffentlich sein, teilt die stellvertretende Ortsamtsleiterin Andrea Freudenberg mit. Die Geschäftsleute müssten sich zum Teil selbst organisieren. „Das kann das Revier nicht allein hinkriegen“, heißt es.

Die Polizei hat nach eigener Darstellung nicht genügend Personal, um regelmäßig Beamte auf der Straße zu haben. Das fällt vielen im Viertel nun besonders auf. Und so kommt es vor, dass sich die Geschäftsleute absprechen und zusammentun. Beispielsweise solle im Geschäft „Jäger & Sammler“ am Ostertorsteinweg, das überfallen worden sei, ein System installiert werden, das im benachbarten Laden „Alles für Globetrotter“ Alarm schlägt, sagt eine Mitarbeiterin. Auch Illy von Welawitsch bekommt ein Alarmsystem. Ihr Mann Andy von Welawitsch baut eine Anlage im Laden ein, die einen stummen Alarm auslöst, der bei einem Wach- und Schließdienst eingeht, wenn die Verkäuferin einen Knopf drückt. „Ich würde nie eine Außensirene anbringen. Man weiß ja nie, wie die Täter reagieren“, sagt der Elektromeister. Im Viertel denken auch Inhaber anderer Geschäfte über Alarmsysteme nach – vor allem diejenigen, die bereits Opfer eines Überfalls geworden sind.

Gut geschützt fühlt sich bereits Peter Jähnke vom Tabak-Center Jähnke gegenüber dem Ziegenmarkt. Sein Geschäft ist bereits mit Kameras und Alarmsystem ausgestattet. Einen Alarmknopf, den sich Ladenbesitzer gegen Gebühr bei der Polizei leihen können, favorisiert ein Geschäftsmann im Steintor, der nicht genannt werden möchte. Ein eigenes Alarmsystem anzuschaffen sei ihm zu teuer, und Telefonieren dauere zu lange. Er glaubt, dass eine Bande unterwegs ist – und die Phase der Überfälle irgendwann endet. Zufall sei das jedenfalls nicht, was gerade passiere.

Vor Kurzem hatte die Polizei noch vermutet, es seien mehrere Räuber unabhängig voneinander am Werk – obwohl sich Täterbeschreibungen ähnelten. Zuletzt schloss Polizeisprecherin Ines Roddewig nicht mehr aus, dass es sich in einigen Fällen um den- oder dieselben Täter handelt. „Es gibt allerdings aus polizeilicher Sicht noch zu wenig Anhaltspunkte, um den Begriff der Serie zu verwenden“, sagt Roddewig. Der festgenommene Mann verweigert laut Polizei die Aussage.

Aushang bittet um Wachsamkeit

Einen Aushang haben Ronald Kurmis von Blumen Lauprecht, Vor dem Steintor 124, und Petra Fischer vom benachbarten Schauburg-Tabakladen entworfen, der auch im östlichen Steintor in Schaufenstern hängt. Kunden und Passanten werden aufgefordert, öfter mal und besser hinzuschauen.

„Wir appellieren an die Leute, aufmerksam zu sein und die Augen vom Handy zu nehmen“, sagt Ronald Kurmis. Auch wenn Passanten nicht einschreiten können – und auf Rat der Polizei auch nicht sollten –, könnten sie zumindest Hilfe holen. „Ich möchte nicht vor jedem Laden Polizisten haben“, sagt der Blumenhändler.

Hinweise nimmt der Kriminaldauerdienst unter Telefon 3613888 entgegen.

Besondere Kontrollorte

Im Viertel hat der Senator für Inneres sogenannte besondere Kontrollorte festgelegt. Zuvor seien diese Orte Gefahrenorte genannt worden, teilt Polizeisprecherin Ines Roddewig mit. Nach Paragraf 11, Absatz 1, Nummer 2, des Bremischen Polizeigesetzes darf die Polizei an diesen Orten die Identität von Passanten feststellen, ohne dass es eine bestimmte Gefahr gibt. Teile des Ostertors und das gesamte Steintor sind ein besonderer Kontrollort.

Die Grenze verläuft von der St.-Jürgen- und Lüneburger Straße über den Osterdeich, einschließlich Weserterrassen, zum Sielwall, macht dort einen Knick in die Blücherstraße, geht über In der Runken, Weberstraße, Blumenstraße, Beim Steinernen Kreuz und Albrechtstraße zu Auf den Häfen und die Humboldtstraße entlang zurück zur St.-Jürgen-Straße. Besondere Kontrollorte dürfen nur für maximal sechs Monate festgelegt werden. Der Zeitraum für das Areal läuft am 28. Februar aus. Dann muss der Innensenator erneut darüber entscheiden.

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