„Es gibt keinen anderen Weg“

Bremer Virologe beantwortet die wichtigsten Fragen zur Coronakrise

Der Bremer Virologe Andreas Dotzauer erklärt, warum Corona viel gefährlicher als die übliche Grippe ist und weshalb Großeltern derzeit auch einen Bogen um ihre Enkelkinder machen sollten.
16.03.2020, 08:00
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Virologe beantwortet die wichtigsten Fragen zur Coronakrise
Von Silke Hellwig
Bremer Virologe beantwortet die wichtigsten Fragen zur Coronakrise

"Das Coronavirus ist viel infektiöser und stabiler als das Influenzavirus", warnt der Bremer Virologe Andreas Dotzauer.

Fotospektrum

Herr Dotzauer, es gibt allerhand Bürger, die sich fragen, warum wegen des neuen Coronavirus umfassende Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden, obwohl die herkömmliche Grippe Jahr für Jahr viele Todesopfer fordert. Können Sie helfen?

Andreas Dotzauer: Es ist schon richtig, dass eine Grippewelle vor allem für Menschen mit Vorerkrankungen gefährlich werden kann. Aber es gibt einige gravierende Unterschiede zum neuartigen Coronavirus. Dazu gehört, dass sich dieses neue Virus in kürzester Zeit verbreitet hat. Zudem gibt es gegen die Influenza Impfungen und Medikamente, aber noch nicht gegen dieses spezielle Coronavirus. Es trifft also auf eine vollkommen ungeschützte Bevölkerung, die durch vorherige Infizierungswellen auch keinen Immunschutz aufbauen konnte.

Dieses Virus ist ansteckender?

Es ist beträchtlich ansteckender. Vom humanen Influenzavirus steckt eine infizierte Person etwa 1,2 weitere Menschen an, beim diesem Coronavirus sind es etwa drei. Das Virus ist nicht nur infektiöser, sondern auch stabiler. Es hält sich länger in der Umgebung, in der Luft und auf Oberflächen. Es ist also schon deutlich gefährlicher, unabhängig von den Todesopfern.

Das heißt, es ist gefährlicher, sich damit anzustecken?

Das zum einen, aber es wird auch für eine größere Personengruppe gefährlicher. Die Influenza kann vor allem bei Kindern und Senioren zu schweren Krankheitsverläufen führen. Mit dem Coronavirus können sich Kinder infizieren, aber sie werden selten krank. Ganz anders sieht es bei Erwachsenen aus: Schon für Menschen im Alter ab 50 Jahren steigen die gesundheitlichen Folgen einer Infizierung drastisch an.

Dennoch leuchtet nicht jedem ein, warum wegen eines Virus, an dem nicht überproportional viele Menschen zu sterben scheinen, innereuropäische Grenzen, Schulen und Kitas geschlossen werden.

Das Hauptproblem, vor das uns das Virus stellt, ist die Geschwindigkeit, mit der es sich verbreitet. Wenn man diese Verbreitung nicht eindämmt, muss man mit sehr vielen Infizierten, vielen Kranken, auch vielen Schwerkranken rechnen. Dafür ist das Gesundheitssystem nicht ausgelegt, und das ist eine akute Gefahr.

Die Bevölkerung scheint mit der Flut der Informationen überfordert, zumal die Dynamik ungeheuer groß ist. Jeden Tag gibt es neue Entwicklungen, die Lage verändert sich täglich. Diese Ungewissheit muss doch Panik auslösen.

Das ist ein Dilemma: Wenn ein solches Virus auf eine ungeschützte Population trifft, ist das verheerend. Man muss also unbedingt alles tun, um die Ausbreitung zu minimieren. Es gibt keinen anderen Weg, als die Infektionsketten zu unterbrechen, Infizierte strikt zu isolieren und die Menschen dazu aufzufordern, engen Kontakt zu anderen Menschen zu meiden, vor allem in der Masse und in geschlossenen Räumen. Die Maßnahmen, die jetzt getroffen werden, sind sinnvoll, aber sie führen auch zu Verunsicherungen in der Bevölkerung.

Das bekommen Sie vermutlich am meisten zu spüren.

Das kann man so sagen. Ich werde jeden Tag mit Fragen überschüttet.

Zur Verunsicherung tragen auch widersprüchliche Einschätzungen von Politikern sowie Experten bei. Es gibt Landesregierungen, die Schulschließungen anordnen, es gibt auch Länder, die bislang darauf verzichten. Von Wissenschaftlern gibt es unterschiedliche Einschätzungen, sie korrigieren sich teilweise selbst in ihren Annahmen.

Wenn ein neues Virus auftritt, weiß man nicht, wie es sich entwickeln wird, das liegt in der Natur der Sache. Anfangs wurde das Ausmaß der Verbreitung stark unterschätzt. Auch die Hoffnung, dass das Coronavirus wie das Influenzavirus Wärme nicht standhalten wird, scheint sich nicht zu bewahrheiten. Das Coronavirus ist stabiler, ihm scheinen höhere Temperaturen, Feuchtigkeit oder Trockenheit nichts auszumachen. Es überlebt Stunden oder sogar Tage.

Der Coronavirus-Experte Christian Drosten spricht von einer „Naturkatastrophe in Zeitlupe“, Ministerpräsident Armin Laschet hat den Bürgern Nordrhein-Westfalens eröffnet, dass sie vor der „größten Bewährungsprobe der Landesgeschichte“ stehen – vor diesem Hintergrund nehmen es die meisten Bürger doch noch recht gelassen.

Das Problem ist, dass es vielen Bürgern schwerfällt, die unterschiedlichen Meldungen richtig einzuordnen. Das liegt auch daran, dass den meisten nicht klar ist, was ein Virus eigentlich ist.

Geben Sie bitte Nachhilfe.

Ganz, ganz grob kann man sagen: Viren sind Parasiten. Die immer und immer wieder abgebildeten Partikel zeigt nur das Virus in seiner Übertragungsform. Sie löst sich auf, sobald das Virus auf seine Wirtszelle trifft. Das virale Genom wird in die Zelle entlassen und kämpft mit deren Genen darum, die Kontrolle zu übernehmen und auf die Rohstoffe der Zelle zuzugreifen. Gelingt das, stellen Viren Kopien ihrer selbst her, die sich neue Wirtszellen suchen. Die Wirtszellen können ihrer eigentlichen Funktion nicht mehr nachkommen. Das führt zu Fehlfunktionen der Organe und schlimmstenfalls zu Organversagen.

Meinen Sie dieses Wissen kann Verhalten im Alltag verändern?

Wenn man nicht weiß, warum man sich überhaupt die Hände waschen soll, vernachlässigt man das wohl eher, als wenn man die Zusammenhänge versteht. Man verhält sich verantwortungsvoller, wenn man weiß, was ein Virus ist und was eine Ansteckung nach sich ziehen kann.

Halten Sie es für rücksichtslos, wenn man sich trotzdem ins Getümmel stürzt, sofern noch vorhanden?

Zumindest ist es sorglos und meiner Meinung nach derzeit absolut nicht angemessen. Als rücksichtslos empfinde ich, wenn Enkel zu ihren Großeltern geschickt werden. Sie sind bedeutend gefährdeter als die Kinder. Deshalb halte ich die restriktiven Maßnahmen der Landesregierungen auch für angebracht. Man kann sich nicht auf das Verantwortungsgefühl Einzelner verlassen, weil die Lage für Laien sehr unübersichtlich ist.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Info

Zur Person

Andreas Dotzauer leitet seit 2014 das Laboratorium für Virusforschung an der Uni Bremen. Die Abteilung beschäftigt sich mit der Aufklärung von Mechanismen der Entstehung bei Viruserkrankungen und von Wechselwirkungen zwischen Viren und Wirtszellen.

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